Stadtansichten
03.11.25
© Herzog & de Meuron
Dauerpatient: Innenstadt
Reizvoll waren die Bilder und Erzählungen, die in der Pressemitteilung präsentiert wurden. Könnte die Aufhebung des Trams der Innenstadt eine neue Dynamik einhauchen? Viele Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen sich, das Stadtzentrum kann neu entdeckt werden. Nach einigen Tagen der Reflexion wagen wir eine kritische Auseinandersetzung mit dem Vorschlag und dem Weiterdenken der Innenstadt.
Zwischen Barfüsserplatz und Marktplatz ist die Strassengestaltung durch die Trams dominiert. Für Fussgänger ist die Überquerung der Strasse, wegen der Tramwand kaum möglich. Vor 130 Jahren war die Überquerung von der Freiestrasse zur Gerbergasse nur mit hilfe von Brücken möglich, denn damals floss der Birsig mitten durch die Stadt. Punktuell, beim Barfüsserplatz, Marktplatz, Fischermarkt und Schifflände war der Fluss eingedolt. Um 1900 war es so weit, die unhygienischen Zustände, die entlang des Flusses herrschten, zwangen die Stadt etwas zu unternehmen. Der komplette Fluss wurde überdeckt. Darüber eine Strasse mit der Tram gebaut. Eine der letzten prägenden und grossen städtebaulichen Veränderungen der Innenstadt.
Als die Innenstadt noch durch der Birsig getrennt war, Übersichtsplan 1896 © Geoportal Basel Stadt
Die Initiative regt an, zu reflektieren, was wäre, wenn nach dem Wasser und dem Hauptverkehrsanschluss zum Marktplatz nun der Fussgänger Hauptakteur dieser Strasse ist. Kann sich durch den Platzgewinn eine neue Urbanität entwickeln? Würde dem Zentrum aber nicht etwas fehlen? Ist Urbanität nicht auch genau diese Überlagerung von Funktionen, Verkehrsmitteln und Vielfalt statt einer Trennung und Isolierung?
An wen richtet sich die Initiative?
Durch die Initiative wird ein Mitspracherecht für die Bevölkerung suggeriert. Es profitieren jedoch vor allem Personen von ausserhalb der Kantonsgrenzen vom öffentlichen Verkehr. Diese wären von einer möglichen Abstimmung ausgeschlossen. In der Innenstadt sind hauptsächlich Dienstleistungen und Läden vertreten. Die Dichte an Anwohnern ist sehr gering. Viele Menschen, die dort wochentags und samstags anzutreffen sind, kommen von auswärts und sind auf Verkehrsmittel angewiesen.
In Zukunft sollen die Tramlinien entflochten werden und über die neue Linie entlang des Petersgraben geführt werden. © Herzog & de Meuron
Wie im Hochbau muss heute auch im Freiraum der Bestand mitgedacht werden. Die Entfernung des Trams erscheint als die einfachste Lösung, schliesst jedoch auch aus. Anstatt die Einfachheit zu wählen, sollte über die notwendige Menge diskutiert werden. Alternativrouten für das Tram zu denken, ist genauso wichtig, wie die Debatte über die zukünftige Gestaltung der Innenstadt zu eröffnen.
Wie viel Verkehr mag es vertragen? © Herzog & de Meuron
Das Stadtleben pulsiert am Rhein
In der Pressekonferenz wurde der Rhein als lebhafter Treffpunkt als Referenz genannt. Ist es nicht genau das Unerwartete und Improvisierte, das die Attraktivität der Rheinpromenade ausmacht? Die Vielfalt des Angebots und die Möglichkeit, sich dort aufzuhalten, ohne zu konsumieren. Menschen gehen dort joggen, mit dem Hund spazieren, Boule spielen, schwimmen, mit Freundinnen abhängen, laut Musik hören oder mit den Grosskindern Enten füttern. Für einen Nachmittag kann man sich den Ort aneignen. Die Gesellschaftsschichten sind durchmischt, und wichtig: Wohnraum ist in direkter Nähe.
Auch am Marktplatz könnte ein Baumdach für mehr Aufenthaltsqualitäten sorgen. © Herzog & de Meuron
Dieses Unvorhergesehene und Spontane sucht man auf den fotorealistischen Visualisierungen vergebens. Die vermittelte Stimmung in der Innenstadt zeugt von einer starken Kontrolle darüber, welche Funktionen an den verschiedenen Orten vorgesehen sind.
Chance für offene Wettbewerbe
An der Presseveranstaltung wurde in Aussicht gestellt, die Initiant:innen könnten mit Mäzen:innen verschiedene Brunnenprojekte umsetzen. Dies würde die Stadt finanziell entlasten. Wir kennen dieses Vorgehen bereits von der Messe und dem Stadtcasino. Wenn die Finanzierung grösstenteils von Privaten kommt, wird diese an die bevorzugten Architekt:innen oder Künstler:innen gekoppelt und ein öffentlicher Wettbewerb umgangen - auch bei Mitfinanzierung durch den Kanton. Die Neugestaltung der Innenstadt wäre aber gerade eine grosse Chance für tolle, spannende offene Wettbewerbe mit Nachwuchsförderung für die Stadt Basel.Nun wie weiter?
Wie kann nun die Innenstadt weiterentwickelt werden und Qualitäten für eine breite Bevölkerungsschicht bieten? Die Diskussion über die heutige und vor allem die zukünftige Innenstadt soll auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Zu schätzen ist, dass sich private Akteure gemeinsam einbringen und uns neue Visionen präsentieren. Der Diskurs ist auch nur auf diesem Niveau möglich, durch die hochwertig ausgearbeitete Vision und die Bilder von Herzog & de Meuron.
Ohne Tram sind die Gestaltungsmöglichkeiten vom Barfüsserplatz der Zukunft vielfältig. © Herzog & de Meuron
Vom Kanton würden wir uns eine klare Haltung wünschen. Im Juni 2022 wurde ein Wettbewerb für den Barfi in einer Pressemitteilung angekündigt. Bis heute ist jedoch nichts Neues an die Öffentlichkeit gelangt. Wünschenswert wäre auch hier ein offener Wettbewerb, der mit einer grossen Vielzahl an Beiträgen veranschaulicht, wie sich die Innenstadt nachhaltig weiterentwickeln kann.
Text: Martin Zwahlen & Christina Leibundgut / Architektur Basel