Die Wahrheit liegt im Hinterhof: Zu Besuch in Basels erster Fabrikumnutzung

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Es gibt eine Handvoll Themen, die bei Architekten und Stadtentwicklern zurzeit Hochkonjunktur haben: Verdichten im Bestand, Transformation von Gewerbe- und Industriearealen, Mischnutzungen oder Aufstockungen. All die gennannten Themen wurden an einer unscheinbaren Adresse in einem noch unscheinbareren Hinterhof im Gundeldingerquartier bereits vor rund 20 Jahren umgesetzt. Nur weiss keiner davon.

Architektur Basel hat sich auf Einladung von SP-Grossrat Jörg Vitelli auf den Weg an die Dornacherstrasse 101 gemacht – um mehr über ein Stück Industrie-, Architektur- und Genossenschaftsgeschichte zu erfahren. Alles begann beschaulich. Im Jahre 1883 wurde auf der Parzelle an der Dornacherstrasse ein Neubau einer Weinhandlung mit angrenzendem Weinlager erstellt. Richtig los ging es erst 1932, als Papierhändler Werner Kupferschmid die Liegenschaft übernahm. Seine Geschäfte mit Papier liefen wie geschmiert. Der Platz wurde bald knapp. Und so liess sich Kupferschmied vom damals noch wenig bekannten Basler Architekten Hermann Baur eine erste Erweiterung nach Westen bauen. Kupferschmied war führend in der Herstellung von gummierten Papieren, beispielsweise für die Rationierungsmarken während dem 2. Weltkrieg – oder später den „Coop-Märkli“.

Die grosse Ausbauphase der Liegenschaft fand Ende der 1940er Jahre statt: Unterstützt von staatlichen Subventionen zur Wirtschaftsförderung wurde das ganze Gelände von der Dornacherstrasse her abgegraben und unter der bestehenden Fabrik die Spedition und das grosse Papierlager erstellt. Westlich wurde der zweite Fabrikbau als moderner Beton-Skelettbau mit sehenswerten Pilzstützen vom renommierten Basler Architekturbüro Bräuning, Leu und Düring gebaut. Der östliche Teil der Parzelle wurde mit einem neuen Bürotrakt erweitert. Unter dem alten Bürotrakt wurden Garagen erstellt. Der grosse Ausbau stellte den Höhepunkt in der Firmengeschichte der Kupferschmied & Co dar. Wenige Jahrzehnte später folgte der Niedergang, der im Oktober 1993 im Konkurs gipfelte.

Und hier beginnt das zweite Kapitel unserer Hinterhofgeschichte: Mit viel Herzblut und Elan erwirkten einige Genossenschafter rund um Jörg Vitelli den Kauf des Areals durch die Einwohnergemeinde Basel-Stadt für 2.5 Mio. Franken. Mir klarer Absicht: 1995 erwarb ihre bis dato besitzlose Wohngenossenschaft des Sozialdemokratischen Quartiervereins Bachletten-Neubad die Liegenschaft. Die Genossenschaft wurde dafür umstrukturiert. Fortan hiess sie GEWONA, Genossenschaft für Wohnen und Arbeiten. Der Name war Programm – in der Fabrik sollte gleichzeitig gewohnt und gearbeitet werden.

Es folgten die Räumung (insgesamt wurden 360 Tonnen Material entsorgt), der Umbau und die Erweiterung des Areals, geplant von Architekt Hans-Jakob Wittwer, dem Sohn des berühmten Basler Bauhaus-Architekten Hans Wittwer. Es entstanden verschiedene Ateliers, ein grosser Veloladen samt Vertrieb und sechs Wohnungen – drei davon in Form einer innovativen Aufstockung in Holzbauweise. Über dem Lager wurde ein begrünter Innenhof geschaffen. Der dicken und belastbaren sei Decke sei Dank. Die unteren vier Wohnungen haben einen direkten Zugang in den Hof, der den Besucher als grünes, ruhiges Idyll im geschäftigen Gundeli empfängt.

Auch ökologisch hat das Projekt Vorbildcharakter: Auf dem Flachdach wurden im Jahr 2007 eine Photovoltaikanlage erstellt, die den Bedarf von 7 bis 8 Haushalten deckt. Zusammen mit dem Anschluss an die Fernheizung und der Wärmedämmung weist die Liegenschaft eine gute Energiebilanz auf. Weiter wird das Regenwasser zur Bewässerung der Pflanzen gesammelt und genutzt. Aber nicht nur die Technik, auch das Leben im Hinterhof funktioniert. „Erfreulich ist, dass es zwischen Wohnen und Gewerbe zu keinen Konflikten kommt“, meint Vitelli zufrieden. Das Areal lebt – ohne architektonisches Aufsehen zu erregen – von der spannungsvollen Überlagerung und Collage verschiedener Geschichten, Architekturen und Funktionen. „Komplexität und Widerspruch“ nannte das der Architekturtheoretiker Robert Venturi einst. Dem interessierten Architekten und Stadtentwickler sei ein Besuch an der Dornacherstrasse 101 ans Herz gelegt.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Simon Heiniger / Architektur Basel

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