An der Rittergasse 19a nahm eine grosse Karriere ihren Lauf. Vor 45 Jahren startete die Erfolgsgeschichte von Herzog & de Meuron. Ihr Werk hat Spuren hinterlassen: Immer wieder überraschen sie uns mit neuen Ideen, räumlichen Konzeptionen oder cleveren Fassadendetails. Wie entsteht eine so grosse Entwurfsvielfalt? In der aktuellen Ausstellung in der Royal Academy of Arts in London erhalten die Besucher einen Einblick in den Arbeitsprozess von Herzog & de Meuron. Wir haben die Ausstellung besucht.

Der erste Ausstellungsraum mit einem Teil des «Kabinett» in den Vitrinen. © Martin Zwahlen / Architektur Basel
Der Auftakt ist dicht: Nachdem wir den ersten Ausstellungsraum betreten, befinden wir uns umgeben von zahlreichen, unterschiedlichen Arbeiten, Studien und Objekten von HdM. In drei grossen Vitrinen wurde ein kleiner Teil des «Kabinetts» aus dem Helsinki auf dem Dreispitz nach London transportiert. Darin ausgestellt sind verschiedene Skizzen, Modelle oder Mock-ups. Olympiastadion Peking neben Prada Tokyo: Durch die freie Anordnung stehen bekannte Projekte neben weniger bekannten Realisierungen, was einen überraschenden Dialog ermöglicht.

Das olympische Stadion von Peking. Bis es zum bekannten Nest wurde, gab es viele Zwischenschritte. © Martin Zwahlen / Architektur Basel
Die grosse Menge an Objekte nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise. Es werden nicht nur fertige Produkte gezeigt, sondern vielmehr Studien und Varianten. Hier begegnen wir erstmals der virtuellen Realität: Mit einer extra für die Ausstellung entwickelten App können die Objekte aus den Vitrinen aktiviert und in den Raum projektiert werden. Somit können zum Beispiel Fassadenelemente Massstabgetreu von verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden.

Mit der speziell für die Ausstellung entwickelten App lässt sich die Ausstellung auch als «Augmented Reality» erfahren. Hier die Fassade vom Prada Gebäude in Tokyo auf dem Handy und im Hintergrund ein Foto vom ausgeführten Projekt. © Martin Zwahlen / Architektur Basel
Ruhiger und entspannter geht es im nächsten Raum zu und her. Wir gönnen uns eine kleine Pause: Es lohnt sich, den ungefähr 45-minütigen Film von Bêka & Lemoine über das REHAB zu schauen. Bewegend sind die Schicksale der dargestellten Menschen in der Klinik. Auf zusätzliche Bildschirme werden weitere Filme über die Bauten von Herzog & de Meuron gezeigt.

Der Film von Bêka & Lemoine über das REHAB, wird in der Ausstellung zum ersten Mal gezeigt. © Martin Zwahlen / Architektur Basel
Im letzten Raum gilt der Fokus dem Spitalbau. Besondere Betrachtung findet das Kinderspital in Zürich. Das Projekt wird mit vielen unterschiedlichen Medien präsentiert. Von der Wettbewerbsidee bis zum jetzigen Ausführungsstand. Auf einem grossen Plan an der Wand wird mithilfe einer Projektion erklärt, wie die Tragstruktur, die Kerne und die Innenhöfe die Haupterschliessungsachse im Zentrum des Gebäude gliedern. Damit im Gebäude viel natürliches Licht eindringen kann und um sich zu orientieren, wurden über fünfzehn verschiedene Höfe mit dem Landschaftsarchitekturbüro August + Margrith Künzel entworfen. Die unterschiedlichen Ausformulierungen dieser Aussenräume über den verschiedenen Stockwerken werden in einem Video visualisiert.

In der Ausstellung sorgt ein Videospiel im Kinderspital für Interaktionen mit dem Bauwerk von Herzog de Meuron. © Martin Zwahlen / Architektur Basel
Das voraussichtlich 2024 fertiggestellte Spital kann mithilfe von einer speziell für die Ausstellung entwickelte App bereits jetzt als virtuell erfahren werden. Das Kernstück davon ist das Kinderzimmer. Ein weiss gehaltenes Modell im Massstab 1:1 eines Fassadenausschnitts, der Grundriss der Patientenzimmer auf einem Teppich reproduziert und die App lassen die zukünftigen Zimmer auf dem Handybildschirm erscheinen. Darin kann man sich bewegen und sich auf die Möblierung oder Fensterbank setzten. Weiter lassen sich auch Innenvisualisierungen mit der jetzige Situation auf der Baustelle vor Ort vergleichen. Der Raum macht deutlich: Die Reise von Herzog & de Meuron ist noch lange nicht am Ende. Der Wissensdurst und die Neugier ist unvermindert gross.

Der grosse Teppich mit dem Grundriss und dahinten die Fensterbank und erste Möbelstücke. © Martin Zwahlen / Architektur Basel
Das ist keine Retroperspektive. Viel eher ist es ein ausgeklügelter, vieldimensionaler Werkstattbericht. Die interaktiven Elemente erlauben die virtuelle Erweiterung der Ausstellung. Herzog & de Meuron sprengen den Rahmen der klassischen Architekturausstellung. Das Statement ist klar und deutlich: Es lebe der Prozess! Die Werkschau in der Royal Academy ist ein Lob der architektonischen Recherche, der Freiheit der Entdeckung durch Versuch und Irrtum. Wir können den Besuch empfehlen. Falls ein Aufenthalt in London geplant ist, sollte man vorbeischauen.
Artikel: Martin Zwahlen / Architektur Basel
Herzog & de Meuron
14 July – 15 October 2023
Tues–Sun: 10am–6pm
Fri: 10am–9pm
The Gabrielle Jungels-Winkler Galleries | Burlington Gardens
Exhibition organised by the Royal Academy of Arts, London, in collaboration with Herzog & de Meuron
www.royalacademy.org.uk/exhibition/herzog-and-de-meuron