«Es reicht nicht, einfach eine Holzbox hinzustellen und Photovoltaikzellen aufs Dach zu montieren»

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Am vergangenen Freitagabend diskutierte die Jury der diesjährigen «Auszeichnung Gutes Bauen» in der Kaserne an einem Podiumsgespräch über die aktuelle Auszeichnungsrunde. Das Gespräch fand im Rahmen der Dialogtage des Forums Städtebau «Basel 2050» statt. Der Basler Kantonsbaumeister Beat Aeberhard und sein Pendant aus dem Baselbiet, Kantonsarchitekt Marco Frigerio teilten sich die Moderation. Mit Erol Doguoglu, Chrissie Muhr, Martin Rein-Cano, Jörg Lamster und Oliver Hagen war die Jury fast vollständig erschienen. Die prämierten Projekte haben wir in diesem Artikel bereits vorgestellt.

Beat Aeberhard eröffnete das Gespräch mit der Frage nach dem Prozess der diesjährigen Jurierung. «Bevor wir überhaupt über die eingereichten Projekte reden konnten, diskutierten wir ausführlich, was Bauen im Jahr 2023 denn eigentlich heisst», begann Chrissie Muhr und Martin Rein-Cano ergänzte, es wäre natürlich sehr schnell der Begriff «Nachhaltigkeit» gefallen und damit einhergehend die Frage, worin sich Nachhaltigkeit denn überhaupt auszeichne: «Es gibt natürlich eine Nachhaltigkeit im technischen Sinne, aber Nachhaltigkeit zeigt sich darüber hinaus an so vielen anderen Merkmalen wieder». Er fügte an, Nachhaltigkeit als Verständnis sei heuer wohl das erste Mal so wirklich ernsthaft diskutiert worden. Dabei ist sich die Jury denn auch nicht immer ganz einig gewesen, woran diese Eigenschaft jeweils festzumachen sei.

Jörg Lamster: «Die Besichtigungen vor Ort haben geholfen, ein Projekt richtig zu beurteilen» © Simon Heiniger / Architektur Basel

Jörg Lamster: «Die Besichtigungen vor Ort haben geholfen, ein Projekt richtig zu beurteilen» © Simon Heiniger / Architektur Basel

Erol Doguoglu ging anschliessend etwas detaillierter auf die erste Wertungsrunde ein und erklärte, dass alle 248 Projekteinreichungen einheitlich auf A3 gelayoutet von den auslobenden Kantonen zur Verfügung gestellt wurden. An diesem ersten Jurierungstag einigte man sich in mehreren Runden, 73 Objekte näher anzuschauen. Er äusserte aufgrund der hohen Anzahl eingereichter Projekte aber auch Bedenken am Vorgehen: «Wenn ein Projekt uns anhand der eingereichten Pläne, Bilder und Texte nicht sofort packte, haben wir es nicht mehr genauer angeschaut. Gut möglich, dass wir so auch interessante Objekte übersehen haben». Oliver Hagen ergänzte, der Fundus wäre riesig gewesen; von Kleinstaufgaben über den Konzertsaal bis hin zum investorengetriebenen Grossprojekt. «Nach einer ersten Sichtung sind allerdings praktisch alle Einfamilienhaus-Objekte rausgeflogen», und ergänzte aber sogleich, dass sicher das eine oder andere Objekte für sich betrachtet, interessant und preiswürdig gewesen wäre, es aber jeweils schlichtweg die Relevanz gefehlt habe.

«Nach einer ersten Sichtung sind allerdings praktisch alle Einfamilienhaus-Objekte rausgeflogen»

Eine Frage aus dem Publikum bezog sich auf die Materialwahl: «Hatten Projekte aus Holz eine bessere Ausgangslage?» Namentlich handelt es sich beispielsweise beim Hauptsitz der Christoph Merian Stiftung oder bei der Siedlung Hirtenweg um Holzbauten. Die Jury meinte dazu, dass in der aktuellen Diskussion um klimaneutrales Bauen Holz als Baustoff natürlich immer diskutiert werde, aber noch kein alleiniges Qualitätsmerkmal darstelle. Oliver Hagen ergänzte: «Es reicht nicht, einfach eine Holzbox hinzustellen und Photovoltaikzellen aufs Dach zu montieren».

«Es reicht nicht, einfach eine Holzbox hinzustellen und Photovoltaikzellen aufs Dach zu montieren»

Eines fällt auf: viele der prämierten Projekte haben die beiden Halbkantone, Stiftungen oder Genossenschaften als Bauherrschaften. Letztlich stellt die «Auszeichnung Gutes Bauen» ja auch einen Bauherrenpreis dar. Es ist die Bereitschaft der Bauherrschaft, ein gutes Projekt zu fördern oder ein schlechtes Projekt abzulehnen. Aeberhard und Frigerio äusserten ihre Freude darüber, dass die Bemühungen der öffentlichen Hand – obschon sie den Preis selbst ausschreiben – unabhängig gewürdigt wurden. Oliver Hagen ergänzte: «Wir haben uns in den Diskussionen auch gefragt: wer wohnt hier, oder eben nicht? – oder: wer wird mit diesem Projekt gefördert und wer finanziert es?».

«Die Besichtigungen vor Ort haben geholfen, ein Projekt richtig zu beurteilen»

Hagen hätte sich gewünscht, auch ein klassisches Investorenprojekt würdigen zu können, schliesslich wären beispielsweise Versicherungen oder Pensionskassen für einen grossen Teil der hiesigen Bautätigkeit verantwortlich. Im Gegensatz zu privaten Bauherren oder Stiftungen mit wenig Bauvolumen hätten diese den Hebel in der Hand. Die Besichtigungen dieser Objekte – ein konkretes Projekt nannte Hagen nicht – seien dann aber eher ernüchternd gewesen, schliesst Hagen. Die Relevanz wäre gegeben gewesen, mehr aber nicht: «Mir fehlte etwa die Sinnlichkeit, das gewisse Etwas!» Jörg Lamster meinte dazu: «Die Besichtigungen vor Ort haben geholfen, ein Projekt richtig zu beurteilen», und ergänzte, die Erwartungshaltungen aufgrund der eingereichten Projektunterlagen hätten vor Ort nicht immer eingelöst werden können.

Kantonsbaumeister BS Beat Aeberhardt (links) und Kantonsarchitekt BL Marco Frigerio (zweiter von rechts) mit der Jury: Erol Doguoglu, Chrissie Muhr, Martin Rein-Cano, Jörg Lamster und Oliver Hagen (v.l.n.r.) © Simon Heiniger / Architektur Basel

Kantonsbaumeister BS Beat Aeberhard (links) und Kantonsarchitekt BL Marco Frigerio (zweiter von rechts) mit der Jury: Erol Doguoglu, Chrissie Muhr, Martin Rein-Cano, Jörg Lamster und Oliver Hagen (v.l.n.r.) © Simon Heiniger / Architektur Basel

Jemand aus dem Publikum wollte wissen, weshalb das Büro Herzog & de Meuron gleich dreifach ausgezeichnet wurden, dafür andere jüngere Büros nicht. Martin Rein-Cano bezog Stellung: «Herzog & de Meuron wurde für drei Projekte ausgezeichnet, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: ein kleiner Bürobau für eine Stiftung, ein opulentes Konzerthaus und ein Grossprojekt für einen Weltkonzern». Es gebe wenige grosse Architekturbüros, die ein solch diverses Portfolio bei jeweils hoher Qualität abliefern könnten. Gleich mehrere Male an diesem Abend wurden die Roche-Türme thematisiert. Chrissie Muhr: «Die Roche-Türme haben in unseren Diskussionen wohl alle Zustände der Beurteilung durchlaufen: Von «diskutabel» über «nicht anschauen» bis «auszeichnungswürdig» … ».

«Die Roche-Türme haben in unseren Diskussionen wohl alle Zustände der Beurteilung durchlaufen: Von ‹diskutabel› über nicht anschauen› bis ‹auszeichnungswürdig› … »

Beat Aeberhard griff den Kommentar von Architektur Basel auf, wonach im Jurybericht nicht immer ganz klar geworden sei, worin sich die Qualität des prämierten Objekts denn wirklich zeige und wodurch es sich von anderen ähnlichen Bauaufgaben abgrenze. Tatsächlich sei die Begründung manchmal sehr schwierig gewesen, gibt Erol Doguoglu zu: «Ich war erstaunt, wie hoch die Qualität der Baukultur in Basel ist. Manchmal überwog bei der Besichtigung eines Objekts einfach die Freude über das Gebaute. Es ist gut möglich, dass dies im kurzen Text nicht immer ganz nachvollziehbar ist». Oliver Hagen meinte dazu: «Die Diskussionen sind meistens viel weiter gegangen als in der Laudatio schlussendlich abgebildet».

«Ich war erstaunt, wie hoch die Qualität der Baukultur in Basel ist. Manchmal überwog bei der Besichtigung eines Objekts einfach die Freude über das Gebaute. Es ist gut möglich, dass dies im kurzen Text nicht immer ganz nachvollziehbar ist»

Zum Schluss diskutierte die Runde über die Form des Wettbewerbs. Jemand aus dem Publikum prophezeite, es würden in der kommenden Ausgabe tendenziell wohl noch mehr Projekte eingereicht werden, worauf Beat Aeberhard meinte, dass man diesen Umstand im Sinne des Prozesses auch tatsächlich diskutiere. Jemand anderes aus dem Publikum fragte ergänzend, ob es sinnvoller wäre, den Preis alle drei Jahre zu vergeben. Auch über die Zusammensetzung der Jury wurde gesprochen. Es wäre wohl begrüssenswert, so der Tenor der Runde, wenn zukünftig auch jüngere Kolleginnen und Kollegen in die Jury berufen würden. Dem können wir uns anschliessen und sind auf die kommende Ausgabe in spätestens fünf Jahren gespannt. Dann vielleicht sogar mit einer eigenen Plakette für den Publikumspreis – ginge es nach dem Tenor in der Kaserne.

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel

 

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