Wir fahren in die östliche Agglomeration nach Muttenz: Schon von weitem zeugt die Baustelle des monumentalen „Kubuk“ der Fachhochschule Nordwestschweiz vom neuen Selbstbewusstsein des Ortes mit seinen rund 17‘000 Einwohnern. „Die Zukunft findet in Muttenz statt“, heisst es in den Worten der Marketingsprache der Arealentwicklung Polyfeld. Gemäss Christoph Heitz, dem Bauverwalter der Gemeinde, werden künftig „hunderte neue Studierende und Dozierende auf das Polyfeld Muttenz kommen und hier nicht nur lernen, sondern auch verweilen. Alles in allem wird die Entwicklung hin zu einem Ort der Vernetzung mit mehr Menschen und grösserer Lebensintensität“ erfolgen. Das Quartier rund um das Schulhaus Gründen befindet sich also im Wandel. Die städtebauliche Entwicklung werde begleitet „von einer qualitativen Verbesserung der Aussenraumgestaltung, der Verbindungswege und von weiteren Bauprojekten, die dem Ortsteil nach und nach ein sympathischeres Gesicht verleihen werden.“

Situationsplan © Nord Architekten
Tatsächlich blickt uns an der Gartenstrasse ein neues, sympathisches Gesicht entgegen. Die Haut besteht aus hochwertigem, italienischem Travertin. Die umlaufenden Fensterbänder werden an der Längsfassade von drei aufgesetzten Fensteraugen gegliedert. Die noble Zurückhaltung der Fassade gibt nur wenige Hinweise auf das Innenleben. Auffällig ist höchstens die Symmetrie – ein zentrales Thema des Entwurfs von Nord Architekten, das jedoch erst im Innenraum seine volle Kraft zu entwickeln vermag. Die grosszügige Geste des Portikus empfängt den Besucher. Eine Bank aus Travertin neben der Eingangstüre lädt zum Verweilen ein. Man fühlt sich nicht nur wegen des Materials angenehm an den Eingang des Kollegiengebäudes der Universität Basel (1937–1939, Architekt: Roland Rohn) erinnert. Wo dort elegante Stützen stehen, kragt hier die Gebäudeecke selbstbewusst aus.

Schulhaus Gründen Muttenz / Nord Architekten © Architektur Basel
Im Innern angekommen, eröffnet sich einem ein dreifacher Durchblick: Links in die Aula, geradeaus in die nördliche Turnhalle und rechts über das Foyer in die südliche Turnhalle. Dieser schier unerschöpfliche räumliche Reichtum bestehend aus unzähligen Ein-, Aus- und Durchblicken ist ein steter Begleiter auf dem Weg durch den Bau. Mit dem Mittel der beiden im Untergrund versenkten, bis zur Decke des Erdgeschoss reichenden Turnhallen und den vier Treppenhäusern, die gleichzeitig auch Lichthöfe sind, gelingt den Architekten das Kunststück eines grandios-vielfältigen Raumgefüges. Langeweile sieht anders aus. Während die räumliche Erfahrung einem die Komplexität eröffnet, erschliesst der Grundriss die Logik des Baus. Auffälligstes Merkmal ist dabei die Punktsymmterie. Turnhalle, Eingänge, Treppen und Lichthöfe wurden an einem zentralen Mittelpunkt gespiegelt. Der Grundriss ist äusserst rational und stringent, gedacht und gezeichnet. Es ist doch einigermassen erstaunlich, dass daraus eine derart hohe räumliche Komplexität resultiert.

Grundriss 1. OG © Nord Architekten
Doch nicht nur das Gefüge der Räume weiss zu überzeugen, auch die Bauteile sind äusserst präzise gefügt. Die Materialisierung ist fein abgestimmt: Die Wände sind mehrheitlich in Sichtbeton belassen. Die Decke ist mit einem weissen Rollputz versehen, dem zudem eine akustische Funktion zukommt. Der Boden besteht aus einem eleganten Terrazzo mit feinem, farbigem Rundkies. Dieser wurde jedoch nicht wie üblich als Hartbetonüberzug ausgeführt. Hier wurde die massive Betondecke mit einer Stärke von 35 cm direkt abgeschliffen. Feine Messingleisten zeichnen die Betonieretappen nach. Bei den Treppen wurde jeweils die Fläche des Auftritts geschliffen, was eine visuelle Kontinuität in der Horizontalen erzeugt. Kontrastiert wird der Beton von feinen Holzeinbauten in massivem Eichenholz: Seien dies Fenster, Türen, Garderoben oder Handläufe. Dabei wurden sämtliche Details mit grösster Sorgfalt und Präzision behandelt.

Schulhaus Gründen Muttenz / Nord Architekten / © Architektur Basel
Die Raumschule – man könnte von der Geburt eines Schulhaus-Typus sprechen. Einem Ereignis, auf das man in der Region seit dem Bau des Volta-Schulhauses (2000, Architekten: Miller & Maranta) gewartet hat. Interessant ist dabei der Blick auf den Wettbewerbsbeitrag von Nord für das Erlenmatt-Schulhaus in Basel: Hier haben die Architekten den punksymmetrischen Grundriss erstmals erprobt. Das Schulhaus Gründen zeugt von der akribischen Weiterarbeit – bis hin zur Perfektion. Das gebaute Resultat regt zur Diskussion an. Man möchte mit Colin Rowe und Robert Slutzky über Transparenz, mit Palladio über Raumproportionen diskutieren. Mit Valerio Olgiati die Frage der Bedeutung der Idee erörtern oder sich mit Louis Kahn über Stille und Licht unterhalten. Oder schweigen. Auf jeden Fall kann man mit Fug und Recht von einem äusserst gelungenen Bau sprechen. Obendrauf haben die Architekten das vorgegebene Budget deutlich unterschritten. So geht das.
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel