“In den Ziegelhöfen” – ein unbekanntes Frühwerk von Herzog & de Meuron

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“In den Ziegelhöfen” ist eine beschauliche Adresse. Im Basler Neubadquartier gelegen, reihen sich entlang dem Dorenbach die Mehrfamilienhäuser aus der Jahrhundertwende. Bei Hausnummer 28 fällt eine eigenartige, gläserne Dachgaube ins Auge. Was die wenigsten wissen: Es handelt sich dabei um ein Frühwerk von Herzog & de Meuron. Wir begaben uns auf Spurensuche.

Orthofoto In den Ziegelhöfen © Grundbuch- und Vermessungsamt Basel-Stadt

Jäwoll, es gab Zeiten, da haben sich Jacques Herzog und Pierre de Meuron mit kleinen Umbauten und Renovationen beschäftigt. Das war damals, Ende der 1970er und Anfang der 1980er-Jahre, wo die wirtschaftlichen Auswirkungen der Ölkrise immer noch spürbar waren – und relativ wenig gebaut wurde. Bei Projekt “Nummer 20” ging es um die “Renovation und den Umbau eines Mehrfamilienhauses”. Wir schreiben das Jahr 1983. Das Budget betrug bescheidene 510’000 Schweizer Franken. Die Bauleitung übernahmen die beiden Büroinhaber gleich selbst. Der ausgebaute Dachstock wurde über eine neue, zentrale Treppe erschlossen und nach oben durch eine Dachterrasse erweitert, “die sich auf den beiden neu aufgesetzten Mansarden erstreckt.” Keck krönt die gläserne Terrassengaube das Mehrfamilienhaus.

Umbau «In den Ziegelhöfen» von Herzog & de Meuron, 1983 © Architektur Basel

Die Akzentuierung der Symmetrieachse und das zweiflügelige Fenster mit Staketengeländer in der Mitte lassen eine postmoderne Architektursprache anklingen, wobei die minimalistische Ganzverglasung der restlichen Gaube in eine andere formale Richtung deutet, die im weiteren Werk der Architekten prägend werden sollte: Die Frage der Abstraktion. Oder wie es Jacques Herzog im Monatsinterview mit Architektur Basel formulierte: “Wir begannen, uns mit neuen Themen zu beschäftigen. Nach der erwähnten Anfangsphase der Materialsuche zunehmend mit einem Interesse für das Abstrakte und das Minimale, dessen Vorbilder wir in der amerikanischen Kunst erkannten und in die Welt der Architektur einbrachten. Der Begriff des Minimalismus hatte es zuvor in der Architektur nicht gegeben.” Dass die Gaube von einer schmalen Terrasse gekrönt wird, ist dabei eine besondere architektonische Pointe.

Umbau «In den Ziegelhöfen» von Herzog & de Meuron, 1983 © Architektur Basel

Wie sagt man? Alles Grosse beginnt im Kleinen. In den Ziegelhöfen haben Herzog & de Meuron mit bescheidenen Mitteln ihre architektonischen Spuren hinterlassen. Eine ähnlich radikale Interpretation einer Dachgaube sucht man im ganzen Neubadquartier (ja vielleicht in ganz Basel) vergebens. Trotz postmodernen Anklängen steht die Gaube auch für den Bruch mit dem Analogen. Es folgte “eine Abkehr von Vorbildern, eine Absage an das Erzählerische und Analoge (…) Das Analoge verleidete uns, weil die Jünger von Aldo Rossi an der ETH daraus eine beinahe religiöse Bewegung machten, in der wir Rückwärtsgewandtheit, Nostalgie und Kitsch erkannten”, wie Jacques Herzog resümiert. Bleibt zu hoffen, dass die Spurensuche des HdM-Frühwerks nicht von Nostalgie zeugt.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Literatur:
Gerhard Mack (Ed.). Herzog & de Meuron 1978-1988. Das Gesamtwerk. Band 1, Birkhäuser, 1997.

 

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