Magnolienparkvon Stump & Schibli © Architektur Basel
"Interesse und Engagement" – Yves Stump über sein Berufsverständnis
Wie Yves Stump zu Alvaro Siza Vieira kam und was sich seither verändert hat. Das waren die Themen für unser Interview mit Yves Stump von Stump & Schibli Architekten.
Yves Stump zeichnete schon immer gerne und entschied sich deshalb für eine Ausbildung als Hochbauzeichner, die er in einem aargauischen Architekturbüro absolvieren konnte. In der Gewerbeschule wurde er zum ersten Mal mit grossen Namen wie Le Corbusier konfrontiert. Er begann, sich für Architektur zu begeistern. Nach der vierjährigen Ausbildung nahm er sein Studium an der Fachhochschule beider Basel in Muttenz auf, die bereits damals einen sehr guten Ruf hatte. Um Erfahrungen zu sammeln, arbeitete er nach dem Studium in verschiedenen Büros, bis er in den späten 1980er Jahren bei Alvaro Siza Vieira in Portugal eine Stelle fand. Eine rege Bautätigkeit und entsprechend viele freie Stellen ermöglichten ihm die vielen Arbeitswechsel – den eigentlichen Höhepunkt seiner Ausbildung. Wieder in der Schweiz arbeitete Yves Stump als Freelancer für verschiedene Büros an Wettbewerben mit. Zeitgleich nahm er auch mit Freunden an Wettbewerben teil. Zusammen mit Hans Schibli gewann er in Folge drei Wettbewerbe, was die beiden Architekten veranlasste, ein eigenes Büro zu gründen.
Das Wichtigste: vielfältige Erfahrungen sammeln
Ein Ziel unseres Gesprächs war unter anderem herauszufinden, ob und inwiefern sich die Architekturausbildung weiterentwickelt und oder verändert hat. «Für mich waren eigentlich die Anstellungen in den verschiedenen Büros nach dem Studium fast am wichtigsten. Denn da habe ich die meisten Erfahrungen gesammelt», sagt Yves Stump im Interview. Da wir bereits während dem Studium die Möglichkeit haben, die Schule zu wechseln, sieht Yves Stump heute mehr Optionen, um Erfahrungen zu sammeln. Ein eigenes Büro war für ihn während dem Studium aber kein Thema. Ob er Mitinhaber eines Büros sei, spiele für ihn auch heute noch eine unwesentliche Rolle. Viel mehr interessiere ihn das Erarbeiten architektonischer Themen in der Gruppe und das Verfolgen gemeinsamer Ziele.
«Für mich waren eigentlich die Anstellungen in den verschiedenen Büros nach dem Studium fast am wichtigsten. Denn da habe ich die meisten Erfahrungen gesammelt»
Portrait Yves Stump
Yves Stump gehört zur Generation, welche die grössten Veränderungen im Beruf mitgemacht hat. Dazu zählt die Umstellung des Zeichnens von Hand auf CAD-Programme. Obwohl er das langsame Zeichnen von Hand stets geschätzt habe, sei das Büro auf das Computerzeichnen aufgesprungen. Dabei habe man anfänglich Linie für Linie gezeichnet, so wie man es sich vom Handzeichnen gewohnt war. Mit Verbreitung von BIM sei es in den vergangenen beiden Jahren nochmals zu Veränderungen gekommen. Da er als einer der Geschäftsleiter selbst nicht mehr so regelmässig am Zeichnen sei und deshalb die neuen Methoden nur langsam erlernen würde, habe er sich dazu entschieden, das Arbeiten mit digitalen Modellen grösstenteils seinen Mitarbeitenden zu überlassen. Der Austausch finde anhand ausgedruckter Pläne in der Gruppe statt. Dies ermögliche ihm weiterhin den Überblick über die Pläne und Projekte, um sie in der Diskussion weiter zu entwickeln.
Hauptfassade (Bild Y. Stump)
Hohe Spezialisierung bedingt mehr Koordination
Eine weitere Veränderung des Berufsbilds sei der zunehmenden Komplexität des Bauens und den damit verbundenen Folgen für die Architekturschaffenden geschuldet. Diese seien häufig nicht mehr so nahe mit der Baustelle verbunden, wie es früher der Fall war. Projekte würden zur Ausführung oft an Generalunternehmen oder Bauleitungsfirmen abgegeben, und für diverse Angelegenheiten würden Spezialisten zugezogen. Der Architekt übernehme nun vielmehr die Rolle des Koordinators. Yves Stump schätzt es, wenn bei kleineren Projekten die Bauleitung noch bürointern organisiert werden kann und findet es auch wichtig, dass die Architektin, der Architekt nicht allzu viele Aufgaben abgibt und möglichst viel selbst erarbeiten kann.
«Die Architektur wird sich verändern. Häuser werden in zehn bis zwanzig Jahren nicht mehr so aussehen, wie wir sie heute kennen.»
Aktuelle Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaerwärmung stellen Architekturschaffende vor neue spannende Aufgaben. Das Team von Stump & Schibli fühlt sich aber nicht gezwungen, in eine spezifische Richtung zu gehen. Jedes Projekt verfolgt eigene Themen und Schwerpunkte je nach Nutzung, Kontext oder Konstruktion – obschon man natürlich immer beeinflusst werde von dem, was im Umfeld geschieht. Für Yves Stump ist es wichtig, sich für die neuen Aufgaben zu öffnen und sich dafür zu interessieren. Nur so komme man weiter. Insofern schaut er gespannt in die Zukunft und meint: «Die Architektur wird sich verändern. Häuser werden in zehn bis zwanzig Jahren nicht mehr so aussehen, wie wir sie heute kennen.» Die Fragen rund um Materialien und Nachhaltigkeit sieht er auch als Chance. Durch neue Materialien verschiebe sich der Schwerpunkt wieder mehr in Richtung der Konstruktion, wodurch sich auch deren Stellenwert erhöhe.
Magnolienpark von Stump & Schibli, 2018
Augen auf!
Jungen Architektinnen und Architekten möchte Yves Stump mitgeben, sich möglichst viel anzuschauen und die Augen für eine breite Palette an Fragen offen zu halten. «Verschiedene Arbeitsweisen in unterschiedlichen Büros zu sehen, ist eine grossartige und wichtige Erfahrung», erklärt er. Die Architektur werde von vielen Seiten beeinflusst, und umgekehrt könne Architektur in viele Richtungen auch zukunftsweisend sein. Gerade die aktuelle Pandemie-Situation zeige, «dass wir flexibel sein müssen, um mit Interesse und Engagement neue Aufgaben bewältigen zu können.»
Text: Michel Gerber und Raphael Konrad
Dieser Text entstand am Institut Architektur FHNW im Frühlingssemester 2020, im Rahmen der Lehrveranstaltung in Sozialwissenschaften zum Thema «The Image of the Architect». Auf der Suche nach neuen Berufsbildern.