Interviews 20.07.26

«Zeit ist das wichtigste Gestaltungselement» - Bas Smets über den Water Garden

Der vor Kurzem eröffnete Water Garden von Bas Smets auf dem Vitra Campus verbindet Klima, Landschaft und Architektur zu einem lebenden Organismus.

Die Veränderung ist unübersehbar. Wer heute den Weg vom Haupteingang des Vitra Campus zum Museum von Frank Gehry geht, betritt eine andere Landschaft als noch vor wenigen Jahren. Wo früher ein unterhaltsarmer Rasen die industrielle Sprache des Geländes betonte, öffnet sich nun ein ausgedehnter Wassergarten. Zwischen jungen Bäumen, Schilf und Wasserpflanzen spiegelt sich der ikonografische Museumsbau im Teich, während drei Keramikskulpturen von Hella Jongerius als Springbrunnen munter Wasser in die Luft spritzen. Die Positionierung des neuen Water Garden wirkt selbstverständlich, als hätte er schon immer hier gelegen.

Vitra Water Garden 2026 © Vitra Julien Lanoo

Gerade diese Selbstverständlichkeit ist bemerkenswert. Denn der Garten ist kein dekoratives Accessoire zum Museum, sondern Teil eines langfristigen Transformationsprozesses. Seit mehreren Jahren entwickelt der belgische Landschaftsarchitekt Bas Smets einen Masterplan, der den Vitra Campus Schritt für Schritt klimaresilient machen soll. Versiegelte Flächen verschwinden, Mikrowälder à la Miyawaki-Methode wachsen heran, Regenwasser wird gesammelt und Pflanzen übernehmen Aufgaben, die früher technische Infrastruktur erfüllen musste. Der Campus verändert stetig seine Funktionsweise.

Vitra Water Garden 2026 Model © Bureau Bas Smets

Der Water Garden markiert dabei einen sichtbaren Meilenstein dieser Entwicklung. Doch sein eigentlicher Wert liegt nicht in seiner Gestalt. Entscheidend ist, dass er einen anderen Umgang mit Landschaft sichtbar macht: Sie wird nicht mehr als gestaltete Oberfläche verstanden, sondern als lebendes System, das Klima reguliert, Biodiversität fördert und den Ort über die Zeit hinweg verändert. Wie denkt jemand über Landschaft, der sie auf diese Weise versteht? Um dieser Frage nachzugehen, hat unser Redaktor Laurence Ziegler mit dem belgischen Landschaftsarchitekten Bas Smets ein Interview geführt.

Hella Jongerius, Bas Smets und Rolf Fehlbaum © Architektur Basel / Laurence Ziegler

Architektur Basel: Beim Lesen deiner Texte und Vorträge entsteht der Eindruck, dass deine Beziehung zur Landschaft weit über ein berufliches Interesse hinausgeht. Sie wirkt beinahe wie eine Grundhaltung gegenüber der Welt. Uns würde interessieren, wo die Wurzeln dieser Haltung liegen, die Dich zu Deiner Passion geführt haben?

Bas Smets: "Sobald man sich bewusst wird, dass man 80 bis 90 Prozent seines Lebens in einer bebauten Umgebung verbringt, versteht man, dass alles auch anders hätte sein können. Die Gebäude, die Strassen, die Plätze und die Parks – sie alle entstanden zunächst als Ideen, bevor sie gebaut wurden. Die Realität erscheint plötzlich weniger unveränderlich, und man begreift, dass man in die Logik, die sie hervorbringt, eingreifen kann. Ich verstehe Landschaftsarchitektur als eine Art, die Welt zu betrachten, um sie zu verändern. Jede Landschaft enthält bereits die Kräfte, die das Potenzial haben, ihre Zukunft zu gestalten. Geografie, Geologie, Hydrologie und Ökologie sind ständig am Werk. Eine Landschaft zu gestalten bedeutet, diese Kräfte zu erkennen und ihnen zu helfen, sich zu entfalten. Anstatt eine neue Realität zu erfinden, decken wir das Potenzial auf, das bereits vorhanden ist."

Vitra Water Garden © Architektur Basel / Laurence Ziegler

Wasser steht im Zentrum des Projekts. Gleichzeitig übernimmt der Teich weit mehr Aufgaben als jene eines klassischen Gestaltungselements. Welche Rolle spielt Wasser heute in deiner Landschaftsarchitektur?

"Jahrzehntelang betrachteten Städte Regenwasser als etwas, das so schnell wie möglich über unterirdische Rohrleitungen abgeleitet werden musste. Heute wissen wir, dass Regenwasser vor Ort verbleiben und zu einem integralen Bestandteil der Stadtlandschaft werden sollte. Anstatt im Boden zu versickern, kann es die Artenvielfalt fördern, Wasser speichern und kühlende Mikroklimata erzeugen. Im Wassergarten auf dem Vitra Campus wird der Teich ausschliesslich mit Regenwasser gespeist, das von den umliegenden Dächern aufgefangen wird. Er speichert Wasser, bietet Lebensraum für Wasserlebewesen, wird durch Wasserpflanzen auf natürliche Weise gereinigt und sorgt in den Sommermonaten für Verdunstungskühlung. Der Teich zeigt, dass Wasser gleichzeitig speichern, erhalten und kühlen kann."

Vitra Water Garden 2026 © Vitra photo Julien Lanoo

Direkt neben dem Water Garden steht Frank Gehrys expressives Museumsgebäude. Wie entwirft man eine Landschaft neben einer so starken Architektur?

"Frank Gehrys Museum ist ein sorgfältig komponiertes Bauwerk. Die Form des Wassergartens passt sich den Konturen des Gebäudes an und bringt dessen Qualitäten durch Spiegelungen zur Geltung. Er liegt zwischen dem von Tadao Ando entworfenen geradlinigen Weg. Die sanfte Neigung des Weges verändert ständig den Blick auf die Wasseroberfläche und die darin reflektierten Konturen des Gebäudes. Die traditionelle vertikale Einrahmung einer Landschaft wird durch die Bewegung entlang des Weges zu einer horizontalen Einrahmung. Die ausgehobene Erde wurde zur Errichtung einer Böschung wiederverwendet, die den Garten vor der angrenzenden Strasse abschirmt, während die Bepflanzung ein kühlendes Mikroklima schafft. Die Vegetation bringt Zeit in eine ansonsten statische architektonische Komposition ein."

Sketch © Bureau Bas Smets

Architektur wird häufig im Moment ihrer Fertigstellung beurteilt. Ein Garten beginnt dann erst zu wachsen. Wie beeinflusst dieser Zeithorizont Deine Vorstellung respektive die Gestaltung eines Projektes?

"Bei jedem Landschaftsprojekt ist die Zeit das wichtigste Gestaltungselement. Der Baubeginn markiert eher den Anfang als das Ende des Projekts. Wir nehmen vorweg, wie die Vegetation wachsen wird, wie sich die ökologische Sukzession entfalten wird und wie sich die Menschen den Raum nach und nach zu eigen machen werden. Der schönste Moment kommt oft erst einige Jahre später, wenn natürliche Prozesse das ursprüngliche Konzept auf eine Weise bereichert haben, die sich niemals vollständig vorhersagen liess."

Vitra Water Garden 2026 © Vitra photo Julien Lanoo

Du hast einmal gesagt, dass Pflanzen selbst Architektur produzieren können. Was können Architektinnen und Architekten vom Verhalten der Pflanzen lernen?

"Pflanzen sind aussergewöhnliche Baumeister. Sie schaffen Lebensräume, die Licht, Feuchtigkeit, Temperatur und Wind kontinuierlich regulieren. Im Gegensatz zu Gebäuden tun sie dies jedoch, während sie sich ständig an wechselnde Bedingungen anpassen. Pflanzen passen sich nicht einfach nur ihrer Umgebung an, sie verändern sie. Vielleicht sollte Architektur zunehmend auf dieselbe Weise verstanden werden: nicht als Gestaltung isolierter Gebäude, sondern als Gestaltung der Bedingungen, unter denen Leben gedeihen kann."

Plan © Bureau Bas Smets

Im Water Garden treffen Landschaftsarchitektur, Architektur, Design und Kunst aufeinander. Gehry, Jongerius, Prouvé und Ando sind auf engem Raum präsent. Wie gelingt es, dass daraus ein Miteinander entsteht?

"Die Landschaft versucht nicht, ein weiteres Objekt innerhalb der Sammlung zu werden. Sie wird zum Medium, das diese miteinander verbindet. Wir haben die neuen Kunstwerke sorgfältig platziert, um das Besuchererlebnis zu gestalten. So wurde beispielsweise Jean Prouvés „Maison Démontable 4x4“ in der Perspektive des Ando-Weges aufgestellt, um die Besucher dazu einzuladen, die Reise zu beginnen, während die „Fischbank“ von Doshi einen einzigartigen Blick auf Gehrys Fassade bietet. Vegetation, Wasser und Topografie schaffen einen Übergang zwischen den verschiedenen Werken, ohne dabei eine Hierarchie aufzuzwingen. Die Landschaft besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, sehr unterschiedliche architektonische Sprachen zu vereinen, da sie einer ganz anderen Ebene angehört: der der lebendigen Welt."

Vitra Water Garden 2026 © Vitra photo Julien Lanoo

Wenn Besucherinnen und Besucher den Water Garden in zwanzig Jahren betreten: Woran würdest Du erkennen, dass das Projekt wirklich gelungen ist?

"Ich hoffe, dass sie ihn nicht mehr als ein entworfenes Projekt wahrnehmen werden. Das grösste Kompliment ist, wenn ein Ort den Eindruck vermittelt, als hätte er schon immer existiert. Wenn die Bäume ausgewachsen sind, wenn das Wasser durch natürliche Prozesse klar bleibt, wenn sich Vögel, Insekten und Wasserlebewesen angesiedelt haben und wenn Besucher instinktiv den Garten als Ort wählen, an dem sie Zeit verbringen möchten, dann hat das Projekt sein Ziel erreicht. Eine gelungene Landschaft wird Teil des Alltags."

Zum Schluss möchte ich Dich etwas Persönliches fragen. Hinter jedem Werk steht eine Haltung, die sich oft nicht in Plänen oder Modellen ausdrücken lässt. Was ist der Kern Deines Antriebs? Was lässt dich auch nach all den Jahren noch mit derselben Neugier auf Landschaft blicken?

"Ich frage mich immer wieder, worin die Bestimmung eines Ortes besteht. Was möchte dieser bestimmte Ort werden? Welche unsichtbaren Kräfte wirken hier? Wie kann ich diese zugrunde liegenden Kräfte sichtbar machen und dem Ort helfen, das zu werden, was er sein möchte? Ich glaube, dass ein Stück Land oder die bestehende Situation durch einen kulturellen Prozess zu einer Landschaft – also zu einer Gestaltung des Ortes – werden kann. Die Konzeption dieses Prozesses ist es, was mich antreibt. Wir erleben gerade einen tiefgreifenden Wandel in der Beziehung zwischen Städten und der lebenden Welt. Die Landschaftsarchitektur hat sich vom Entwerfen von Parks und Gärten zu einer Disziplin entwickelt, die in der Lage ist, Klima, Biodiversität und städtisches Leben zu gestalten. Die Landschaft ist zu einer Möglichkeit geworden, uns die Zukunft unserer Städte vorzustellen."

Text & Interview: Laurence Ziegler / Architektur Basel

Vitra Water Garden © Architektur Basel / Laurence Ziegler


Water Garden
Bas Smets, 2026

täglich 10 - 18 Uhr

Vitra Campus
Charles-Eames-Str. 2, Weil am Rhein