«Momente der Architektur» im Vitra Design Museum

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Er gilt als einer der herausragendsten Fotografen der Architektur und gebauten Umwelt. Seine beeindruckenden Bilder dokumentieren nicht nur das Wachstum globaler Megastädte, sondern auch traditionelle und informelle Bauwerke, sowie die Schöpfungen renommierter zeitgenössischer Architektinnen und Architekten wie Rem Koolhaas, Herzog & de Meuron, Kazuyo Sejima und Tatiana Bilbao. Die Rede ist von Iwan Baan. Von Oktober 2023 bis März 2024 präsentiert das Vitra Design Museum die erste umfassende Retrospektive des niederländischen Fotografen. Die aktuelle Ausstellung auf dem Vitra Campus mit dem Titel «Iwan Baan: Momente der Architektur» bietet einen breiten Überblick über das Schaffen des Fotografen der vergangenen zwei Jahrzehnten und beleuchtet die Architektur in ihren städtischen und sozialen Kontexten sowie die Menschen, die in diesen Gebäuden leben. Architektur Basel war beim Pressereundgang mit dabei und wurde vom Fotografen höchstpersönlich durch die Ausstellung geführt.

Fotograf Iwan Baan im Vitra Design Museum © Laurence Ziegler / Architektur Basel

Eine Klarstellung zu Beginn: Mit dem Begriff «Architekturfotograf» wird Iwan Baan nicht warm. In seinem Schaffen steht für ihn nicht die Architektur im Fokus, sondern vielmehr die Menschen und wie sie sich in gebauten Räumen verhalten und was drumherum geschieht. Nach seinem abgebrochenem Fotografiestudium in Den Haag ging Baan seinen eigenen Weg als Dokumentarfotograf. Über einen Freund kam er 2004 in Kontakt mit Rem Koolhaas und somit zur Faszination der Architektur. Baans Wissen über Architektur sei eher gering. Doch genau dieser andere Blick auf die Architektur schätzen die Architektinnen und Architekten mit denen er zusammenarbeitet. Seine Fotos wirken nicht gestellt, eher zufällig, trotzdem präzise und ausdrucksstark. Damit spricht Baan gezielt ein breites Publikum an.

«Wichtig ist das Erzählen», sagt Iwan Baan: «Und das ist sehr intuitiv und fliessend. Mir geht es weniger um zeitlose Bilder großer Architektur als um den spezifischen Zeitpunkt, um den Ort und die Menschen dort – all die unvorhergesehenen, unplanbaren Momente an und um einen Ort, wie die Menschen dort leben und welche Geschichten dadurch erzählt werden». Mea Hoffmann, Kuratorin der Ausstellung, durchforstete zusammen mit dem Fotografen über 13’000 Aufnahmen für die Ausstellung.

Iwan Baan, CCTV Headquarters, Peking, China, 2011, entworfen von OMA
© OMA, © Iwan Baan

Iwan Baan, CCTV Headquarters, Peking, China, 2011, entworfen von OMA
© OMA, © Iwan Baan

Im ersten Raum der Ausstellung werden eine Vielzahl von Fotografien präsentiert, die zwei beeindruckende Bauprojekte in Peking dokumentieren: den CCTV-Hauptsitz, der von OMA unter der Leitung von Rem Koolhaas in den Jahren 2002 bis 2012 realisiert wurde, sowie das Olympiastadion, das Herzog & de Meuron von 2003 bis 2008 entworfen wurde. Iwan Baans Fotos bieten dabei nicht nur einen Blick auf die äusseren Architekturmerkmale, sondern gewähren auch Einblicke in die harte Arbeit und den Alltag der Bauarbeiter, die diese Projekte oft unter anspruchsvollen Bedingungen realisiert haben. Eine Fülle bisher unveröffentlichter Aufnahmen verdeutlicht zudem, wie Iwan Baan die Architektur nicht nur als Ergebnis, sondern auch als einen Prozess und eine soziale Triebkraft versteht, die gleichzeitig als Symbol für Chinas Aufstieg zur globalen Supermacht steht. Zusätzlich dokumentieren weitere Fotoserien in diesem Teil der Ausstellung den Bauboom im China der frühen 2000er-Jahre sowie die kontrastierenden traditionellen Baustile.

Iwan Baan, Nationalstadion, Peking, China, 2008, Architektur: Herzog & de Meuron
© Iwan Baan

Iwan Baan, Baustelle des Nationalstadions, Peking, China, 2007, Architektur: Herzog & de Meuron
© Iwan Baan

Im zweiten Abschnitt der Ausstellung wird ein umfassender Einblick in einen Bereich von Iwan Baans Arbeit gegeben, der eine breite Palette bemerkenswerter Projekte umfasst. Dieses Spektrum erstreckt sich von Zaha Hadids MAXXI Museum in Rom über das Rolex Learning Center in Lausanne von SANAA, das National Taichung Theatre in Taiwan, das von Toyo Ito entworfen wurde, und reicht bis zu den Projekten von Balkrishna Doshi in Ahmedabad. Seit seiner ersten Zusammenarbeit mit Rem Koolhaas hat Iwan Baan im Laufe der Jahre enge Beziehungen zu zahlreichen renommierten Architekten aufgebaut. Architekten wie Herzog & de Meuron, Francis Kéré, Sou Fujimoto, Tatiana Bilbao, Diller Scofidio + Renfro, SANAA oder Toyo Ito schätzen es, Iwan Baan mit der Dokumentation ihrer Projekte zu beauftragen. Baan versteht es, den Charakter und den Kontext eines Gebäudes einzufangen, indem er Luftaufnahmen aus dem Hubschrauber mit einer breiten Auswahl an Perspektiven von Panoramaansichten bis hin zu Nahaufnahmen kombiniert.

Iwan Baan, Tiébélé, Burkina Faso © Iwan Baan

Künstlerische Freiheit ist für Baan wichtig. Er vertraut auf sein fotografisches Gespür. Viele Architektinnen und Architekten überlassen ihm die Auswahl der Motive und Blickwinkel. Für Baan ist der entscheidende Faktor der Moment selbst: Anstatt auf «ideale» Bedingungen zu warten, arbeitet er spontan mit dem Augenblick und erschafft dadurch fast mühelos die ikonischen Aufnahmen, die das öffentliche Bild der von ihm fotografierten Gebäude prägen.

Iwan Baan’s Bilder werden in Frank Gehry’s Räumen in Grossformat erlebbar © Laurence Ziegler / Architektur Basel

Mit seiner Arbeit bereist Iwan Baan die ganze Welt und erforscht dabei auf jedem Kontinent aufstrebende Megastädte. Seine Dokumentationen erstrecken sich über die Höhen und Tiefen der Baubranche, die zunehmende Bevölkerungsdichte, städtische Entwicklungen und individuelle Geschichten. Ob in Städten wie Tokio, Lagos, São Paulo oder Hongkong, Baan erweist sich als ein Chronist urbaner Lebensräume. Er beschäftigt sich immer wieder mit Themen wie Stadtentwicklung, dem Erbe der Moderne, Globalisierung und den lokalen Gemeinschaften. Dabei widmet er urbanen Ikonen der Moderne wie Brasília oder Chandigarh ebenso viel Interesse wie dem Messegelände in Dakar, das 1975 von Jean-François Lamoureux und Jean-Louis Marin entworfen wurde, oder den sich ausbreitenden Vororten von Los Angeles. Iwan Baan nutzt die Flexibilität der digitalen Fotografie, um den entscheidenden Augenblick einzufangen, wobei er sich der bildlichen Kraft einer sorgfältig durchdachten Komposition stets bewusst ist.

Iwan Baan, Nationalmuseum von Katar, Doha, Katar, 2019, Architektur: Ateliers Jean Nouvel © Iwan Baan / VG Bild-Kunst Bonn, 2023

Iwan Baan, Las Vegas, USA, 2022 © Iwan Baan

Während seiner Auftragsreisen hat Iwan Baan oft informelle oder traditionelle Bauwerke vor der Linse. Ob in Japan, Burkina Faso, Haiti oder Indien, sein Interesse gilt stets den Lebensweisen und Wohnkulturen, die sich oft über Jahrhunderte hinweg an die örtlichen Gegebenheiten angepasst haben und dennoch erstaunliche Gemeinsamkeiten aufweisen, die sich über die Kontinente hinwegziehen.

Iwan Baan, House H, Tokio, Japan, 2009, Architektur: Sou Fujimoto Architects
© Iwan Baan

In Begleitung zur Ausstellung wurde eine umfangreiche Publikation veröffentlicht, die mehr als 600 Fotografien aus Iwan Baans Schaffen der letzten zwei Jahrzehnte zusammenfasst. Ein eindrücklicher Katalog! Trotz der Retrospektive: Wir hoffen, dass Iwan Baan seinen lebendigen, neugierigen, unvoreigenommen Blick noch viele weitere Jahrzehnte mit uns teilt. Denn: Baan ist ein Getriebener. Wie kaum ein zweiter schafft er es, die globalisierte Architektur fotografisch festzuhalten. Nicht nur deshalb lohnt sich der Besuch im Vitra Design Museum.

Text: Laurence Ziegler / Architektur Basel


INFO
Die Ausstellung «Iwan Baan: Momente der Architektur» dauert bis am 3. März 2024.
Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein (DE) ist täglich von 10 – 18 Uhr geöffnet.

 

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