Schneefenster von Miller & Maranta

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“Die Bedürfnisse der Gäste ändern sich, und so ist auch das Waldhaus nicht mehr dasselbe, das es vor 111 Jahren war, es befindet sich in einer kontinuierlichen Transformation.” Mit diesen Worten beschreibt Architekt Quintus Miller die Herausforderung des renommierten Hotels in Sils Maria. Das Architekturbüro Miller & Maranta, das er zusammen mit Paola Maranta und Jean Luc von Aarburg führt, hat beim Waldhaus seit inzwischen fast drei Jahrzehnten mit diversen architektonischen Interventionen, präzisen An- und Umbauten, viel zur genannten “kontinuierlichen Transformation” beigetragen. Ein zunehmendes «Bedürfnis der Gäste» betrifft Wellness, wobei dem mit der Eröffnung des unterirdischen Spas im Jahre 2016 Rechnung getragen wurde.

Erweiterung Waldhaus-Spa von Miller & Maranta © Architektur Basel

Der neuste Beitrag von Miller & Maranta beschränkt sich auf ein zusätzliches Fenster. Zumindest von aussen betrachtet. Schon bei der Vorfahrt blickt einem neben dem Spa im Hang die grosse, im Schnee versunkene Glasscheibe entgegen. Die schlichte, aber prägnante Form trägt unverkennlich die Handschrift der Architekten aus Basel. Dahinter verbirgt sich der Ruheraum des  vergrösserten Saunabereichs. “Konkret sind die Raumstimmungen beim Entwerfen eines Hotels eine wichtige Referenzebene, denn Räume, Farben, Gerüche und vieles mehr erzeugen als Gesamterlebnis ein Gefühl der Vertrautheit”, schreibt Miller. In diesem Fall auch Neugier, da man gespannt den Raum hinter dem Fenster erwartet.

Erweiterung Waldhaus-Spa von Miller & Maranta © Architektur Basel

Via bestehende Schwimmhalle, einem gelungenen Zeitzeugen der späten 1960er-Jahre von Architekt Otto Glaus, erreicht man über eine Kaskadentreppe das unterirdische Spa, welches in den Oberengadiner Fels gesprengt wurde. Von hier aus tritt man in die Sauna, die im vergangenen Jahr umgebaut und vergrössert wurde. Neu kann in einer Bio-Sauna geschwitzt werden. Bei der anschliessenden Abkühlung im asketischen Kaltluftraum auf der kahlen Betonbank sitzend, wird das Tropfen des schmelzenden Schnees vom Oblichts dank des starken Halls zum imposanten akustischen Erlebnis. Für jeden Musiker wäre der Raum die ideale Echokammer. Der unterirdische Raum erinnert an eine Schachthöhle und wird von einem orientalisch-organischen Betongeflecht, einer Art Maschrabiyya, gekrönt, das sich auch beim Patumbah-Park in Zürich wiederfindet.

Erweiterung Waldhaus-Spa von Miller & Maranta © Architektur Basel

Heiss, kalt, danach Ruhe. Diese findet sich hinter dem grossen Fenster im schneeweissen Ruheraum. Wie ein überdimensionierter Trichter gibt das Fenster den Blick auf die Lärchen, Arven, Fichten, die Bergkulisse und den imposanten Hotelbau frei. Der Raum ist minimalistisch gehalten, konsequent weiss, einer Schneehöhle ähnlich. Besonders sehenswert ist der fugenlose, weisse Terrazzo als Bodenbelag, oder die rund gelochte Türe mit ihrer klug integrierten Griffmulde, die entfernte Erinnerungen an Aaltos Eingangstüre der Villa Mairea anklingen lässt. Auch der neuste bauliche Eingriff ins Ensemble des Waldhauses spricht eine zeitgenössische Architektursprache. Quintus Miller beschreibt sein Credo folgendermassen: “Formal sind unsere Eingriffe ablesbar, wir wirken kaum historisierend; der Eingriff steht für den Moment, an welchem man ihn vornimmt.” 

Text: Céline Dietziker / Architektur Basel


Literatur:
111 Jahre Waldhaus
Geschichte und Geschichten zu einem unvernünftigen Familientraum
Urs Kienberger, 2019, Scheidegger & Spiess

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