Vom Positiv zum Negativ – oder umgekehrt: Wo ursprünglich entlang der Parzellengrenze kleine Schuppen und Lagerbauten einen Werkhof bildeten, steht neuerdings in der Mitte ein fünfgeschossiger Neubau. Der Parzellenrand wurde zu den Nachbarn hin geöffnet. Die komplexe Grundform des Gebäudes aus der Feder von Itten+Brechbühl Architekten mit ihren geschwungenen Bögen und spitzen Ecken bildet die minimalen Grenzabstände gemäss Baugesetz ab. Sie bilden das architektonische Grundthema, das auch die Typologie der Wohnungen prägt.

Hofbebauung Hegenheimerstrasse © Itten+Brechbühl
Kontrollierter Fünfspänner
Man betritt das Haus von der Nordseite her über ein geräumiges Entrée, wovon das zentrale Treppenhaus erschlossen wird. In den Regelgeschossen werden fünf Wohnungen rund um den Kern organisiert. An den Gebäudeecken sind jeweils die Balkone angeordnet, die sich je nach Geometrie mal besser oder mal schlechter nutzen lassen. Abgesehen von den beiden 1.5-Zimmer-Wohnungen geniessen die Bewohner jeweils eine zwei- oder dreiseitige Orientierung mit entsprechend variierendem Sonnenlichteinfall. Im Grundriss spürt man das Bestreben, die expressiv-komplexe Grundform des Gebäudes zu zähmen. Die Orthogonalität schafft zwar gut möblierbare Zimmer, wobei jedoch die formale Virtuosität der äusseren Form etwas verloren geht. Wer ein typologisches Feuerwerk erwartet hatte, wird enttäuscht. Der Grundriss scheint etwas gar kontrolliert, auf der sicheren Seite bleibend. Am spektakulärsten ist die westliche Wohnung, die sich vom Treppenhaus bis zur Hausspitze an der Hegenheimerstrasse entwickelt. Der Wohnraum besteht aus zwei aneinandergereihten Dreiecken und mündet als Höhepunkt im auskragenden Balkon.

Der Wohnraum in der westlichen Wohnung verfügt über viel räumliche Tiefe © Armin Schärer / Architektur Basel
Sichtbeton und Eichenparkett
Die Materialisierung der Innenräume ist zurückhaltend – und wenig überraschend. Im Treppenhaus dominieren Sichtbeton an Wänden und Decke, wobei der Boden aus hellgrauen Steinzeugplatten besteht, wozu die Wärme der Wohnungstüren in Eiche gut kontrastiert. Elegant ist das Dunkelgrün der Metallbauarbeiten – Treppengeländer, Handlauf und Aufzugstüren. In den Wohnungen wird die Betondecke, hier jedoch lasiert, fortgeführt. Die Wände sind konventionell weiss verputzt und gestrichen, der Bodenbelag besteht aus einem grossformatigen Riemenparkett aus geölter Eiche. Gelungen sind die konsequent raumhoh ausgeführten Innentüren. Etwas bieder kommen dagegen die beige-grauen Küchen mit Glasrückwand daher. Hier hätte man sich einen farblichen Akzent gut vorstellen können. Leichte Abzüge gibt es ausserdem für die auf die Betondecke geklebten Vorhangschienen. Insgesamt ist die räumliche Stimmung ruhig und stringent, wobei vor allem die spannenden inneren und äusseren Blickbezüge überzeugen.

Hofbebauung Hegenheimerstrasse © Armin Schärer / Architektur Basel
Wie eingegossen in den Hofraum
Besonders stimmig ist die Fassade des Gebäudes: Der grün lasierte Welleternit der Wandflächen steht in einem gelungenen Dialog zu den Betonlisenen der Decken, die in den Ecken zu expressiv auskragenden Balkonen überformt werden, die lediglich von einer feinen Rundstütze in Stahl gehalten werden. Es mag zwar etwas weit hergeholt sein, aber klingt hier etwas von der expressiven Leichtigkeit der Architektur eines Hans Scharoun an. Wahrscheinlich hat dies mit der unprätentiösen Materialwahl zu tun. Lasiertes Welleternit, grauer Sichtbeton und feuerverzinkter Stahl, die in ihrem gestalterischen Zusammenspiel zu überraschender Eleganz finden. Ein gutes Beispiel dafür sind die Geländer: Die Staketen wurden jeweils leicht schräggestellt, wodurch eine filigrane Wirkung erreicht wird. Nur schade, wurde dasselbe Geländer nicht auch für die Einfahrt in die Einstellhalle verwendet… Aber das ist ein Detail einer ansonsten gut in den Kontext integrierten äusseren Erscheinung des Neubaus. Wenn man sagen kann, dass ein neuer Anzug “wie angegossen” passt, dann sitzt dieser Neubau “wie eingegossen” im Hinterhof an der Hegenheimerstrasse.
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Haus im Hof
Ort: Hegenheimerstrasse 39, Basel
Architekten: Itten+Brechbühl
Funktion: Mehrfamilienhaus mit Einstellhalle
Baujahr: 2020

Hofbebauung Hegenheimerstrasse © Armin Schärer / Architektur Basel