© Boris Haberthür
Wohnlabor namens Basel
Hinter der Vielfalt zeitgenössischer Wohnungsgrundrisse stehen wenige grundlegende Typologien, die immer wieder neu interpretiert werden. Georg Rohr untersucht in seinem Gastartikel anhand von drei Basler Wohnbauprojekten, wie sich diese Grundfiguren weiterentwickeln undwelche räumlichen Innovationen daraus entstehen. Ein Blick auf das Potenzial der Typologie als Werkzeug, um Wohnungsbau zu verstehen und neu zu denken.
Wenig ist uns so vertraut wie das Wohnen. Es ist der Bautypus, mit dem wir aufwachsen und bei dem wir ganz selbstverständlich wissen, was zu uns passt. So vielfältig wie unsere Bedürfnisse und Vorlieben sind, so vielfältig sind auch die Wohngrundrisse selbst. Mit unseren sich stetig wandelnden Lebensformen verändern sich auch die Grundrisse fortlaufend, wodurch eine eine enorme Vielfalt an Wohnmodellen entsteht.
Spannend ist, dass sich hinter dieser scheinbar unendlichen Vielfalt gebauter Wohnungen einige wenige Grundfiguren verbergen. Diese zugrunde liegenden Typologien werden immer wieder aufgenommen und variiert. Ein vertiefter Blick auf diese Figuren erlaubt es einerseits, einen Überblick und eine Vergleichbarkeit zwischen den verschiedenen Wohnansätzen zu erhalten, andererseits macht er nachvollziehbar, wie sich die einzelnen Typologien weiterentwickeln. Die Faszination für diese Ordnung ist der Ausgangspunkt für meine Recherche im Rahmen von Typologies of Housing. Sie lässt mich besser verstehen, worin die Besonderheiten einzelner Wohnungen liegen, bei welchen Projekten grosse Innovation stattfindet und wie je nach Zeit und Ort eine Typologie anders interpretiert wird.
Insbesondere in den urbanen Zentren wird der Wohnungsgrundriss stetig weiterentwickelt. Die Bereitschaft zu Experimenten und neuen Wohnformen ist hier besonders hoch. Basel hat in den letzten Jahren mit Projekten wie der Erlenmatt Ost oder dem Lysbüchel-Areal wichtige Beiträge zum Wohnungsbau in der Schweiz hervorgebracht und Orte geschaffen, an denen solche Experimente stattfinden können.
Anhand von drei Beispielen aus Basel möchte ich diese Entwicklungen beleuchten, die Begeisterung für den Wohngrundriss wecken und aufzeigen, welches Potential in der Analyse der Projekte durch die Linse der Typologie liegt. Es wird klar ersichtlich, wo diese Projekte vorangehende Ansätze innerhalb ihres Typus verändern, neue Elemente hinzufügen, aber auch an ihre Grenzen stossen. Typologie meint hier die Organisation der Räume innerhalb der Wohnung selbst: wie sind sie angeordnet, wie werden sie durchquert, welche Form ergeben sie im Grundriss.
Erlenmatt Ost, Abraha Achermann, 2019
Typologie«Maisonette»
Die Typologie der Maisonette-Wohnung lehnt sich traditionell stark an klassische Einfamilienhausgrundrisse an, mit klaren Raumaufteilungen und Nutzungen nach herkömmlichen Familienmodellen. Projekte der Moderne wie der Lafayette Park von Mies van der Rohe (1959) haben hierfür eine Best-Practice entwickelt. Diese wird seit Jahrzehnten vielfach reproduziert, in ihrer grundlegenden Gestaltung aber nur wenig verändert. In starkem Kontrast dazu stehen die Grundrisse des Ateliers Abraha Achermann in der Erlenmatt Ost. Hervorgegangen aus einem offenen Wettbewerb, etabliert das Projekt einen radikal reduzierten und nutzungsoffenen Ansatz für Maisonette-Wohnungen.
© Abraha Achermann
Die Wohnungen sind als schmale, von Fassade zu Fassade greifende Räume ausgebildet, die ohne Trennwände auskommen. Die Zonierung erfolgt primär in der Vertikalen durch eine raumgreifende Wendeltreppe, die den Grundriss zugleich geschossweise in zwei Hälften teilt. In Kombination mit einem Laubengang auf jedem zweiten Geschoss entsteht ein in sich offener und grosszügiger Grundriss, der dennoch genügend Privatheit wahrt. Wie die Räume angeeignet werden, ist dem Projekt nicht eingeschrieben. Einzig der Badkern und die Küche geben eine gewisse Struktur vor.
© Rasmus Norlander
Im Entwurf aus dem Schnitt sehe ich einen Bruch mit dem herkömmlichen Typologie-Modell. Wohnungen wie im Lafayette Park können als Stapelung zweier horizontal organisierter Ebenen gelesen werden. Im Eingangsgeschoss liegt das Gemeinschaftliche, im oberen Geschoss das Private. Die Vertikale dient hier vor allem der Erschliessung, nicht der Raumbildung. In der Erlenmatt Ost wird die Vertikale jedoch zum eigentlichen Entwurfsmittel. Die Wohnung erklärt sich primär im Schnitt, die Raumzonierung erfolgt in der Stapelung. Diese wiederum wird durch die grosse Wendeltreppe in Szene gesetzt. Die erfolgreiche Arbeit aus dem Schnitt hat aber ihre Grenzen. Die grösseren Wohnungen im Projekt von Abraha Achermann gleichen sich wieder stärker dem klassischen Modell an und schaffen es nicht, die gleiche Radikalität umzusetzen. Das Projekt in der Erlenmatt Ost ist nicht das erste, dass diesen Ansatz wählt. Doch hat es diesen mit seiner breiten Rezeption sicherlich weit verbreitet. Ähnlich funktioniert zum Beispiel die Überbauung Zwhatt von Lütjens Padmanabhan (2024), die ebenfalls durch eine Raumtrennung in der Vertikalen charakterisiert ist.
Siedlung Vogelbach, Michael Alder, 1993
Typologie«Korridor»
Viele Wohnbauprojekte der letzten Jahre versuchen, die Erschliessungsfläche zu minimieren. Offene Wohn-Essräume mit davon abzweigenden Privaträumen erlauben es, auf die meist ungenutztenKorridorflächen zu verzichten. Die hohe Effizienz führt aber auch zu einer Kompaktheit, in der mir oft eine räumliche Vielfalt fehlt. Die Siedlung Vogelbach von Michael Alder in Riehen zeigt exemplarisch auf, dass der Korridor nicht nur eine zu vermeidende Restfläche sein muss. Hier wird deutlich, welches räumliche Potential in einer Wohnung mit Korridor als prägendem Element liegt.
© Michael Alder
Die Wohnung entwickelt sich entlang eines überbreiten Korridors, von dem seitlich die einzelnen Zimmer abzweigen. Am Ende des Korridors öffnet sich ein grosser Wohn-Essraum mit eingestellter Küche. Die grosszügige Dimensionierung des Korridors erlaubt es, diesen vielfältig über die gesamte Längezu bespielen. Die Lage an der Fassade erweitert diese Möglichkeiten zusätzlich. Sofindet ein langer Tisch als Ablage und Arbeitsfläche Platz und es entsteht eine offene Ankunftssituation. Eine grosse Doppeltür bindet den Korridor gut an den Wohnraum an. Aus einem meist vernachlässigten Element wird so der zentrale Raum der Wohnung.
© Boris Haberthür
Dass ein qualitätsvoller Raum nicht einmal zwingend Tageslicht braucht, zeigt Michael Alder gleich selbst. Im Wohnhaus St. Alban-Tal von 1988 liegt ein ähnlich dimensionierter Korridor innenliegend, die Räume zweigen zu beiden Seiten ab. Gleichwohl ergibt sich eine grosszügige Eingangssituation, die sich vielfältig nutzen lässt.
Künstlerateliers, Degelo Architekten, 2019
Typologie«Loft»
Die Loftwohnung entstand Mitte des 20. Jahrhunderts aus einer Bottom-up-Strategie der Aneignung und Umnutzung leerstehender Flächen zu offenen Wohn- und Arbeitsräumen. Oft von Kreativschaffenden genutzt, lassen die offenen Grundrisse viel Spielraum zur eigenen Gestaltung und Anpassung an die spezifischen Bedürfnisse. Nur die Sanitärräume sind meist abgetrennt.
© Degelo Architekten
Über die Jahre wurde die Typologie kommerzialisiert und als moderne, urbane Wohnform vermarktet. Dies begann ab ca. 2000 auch in der Schweiz, zuerst in Zürich und Winterthur mit Projekten wie dem G48 auf dem ehemaligen Sulzer-Areal. Entgegen ihrem ursprünglichen Charakter sind diese Wohnungen aber meist einem finanzstarken Publikum vorbehalten. Gestaltungsspielraum bieten diese Wohnungen kaum noch, höchstens über die Möblierung lassen sich eigene Raumzonen bilden. Ein Kontrast dazu, und eine Rückkehr zur ursprünglichen Idee der Loftwohnungen, bildet das Künstlerhaus von Degelo Architekten in der Erlenmatt Ost.
© Degelo Architekten
Die als offene Hallenwohnungen konzipierten Grundrisse drehen die Ausstattung auf ein Minimum zurück. Eingebaut wird nur ein unverkleideter Sanitärkern mit Anschlüssen für eine Küche. Alles Weitere gestalten die Bewohnenden rund um den Kern selbst. Der eigenen Raumgestaltung sind quasi keine Grenzen gesetzt. Die Reduktion auf das absolut Wesentliche erlaubt es denn auch, einen Mietzins anzubieten, der dem ursprünglichen Charakter der Loft-Wohnung wieder entspricht.
Kurz nach Fertigstellung entstanden in Zürich die Hallenwohnungen im Zollhaus von Enzmann Fischer (2021). Beide Projekte bleiben Ausnahmen dieser Formulierung des Loft-Wohnens. Für ein breites Publikum ist der Ansatz wohl zu radikal und die Bindung an die Wohnung zu langfristig. Gleichwohl zeigt das Projekt von Degelo Architekten beispielhaft, welche räumlichen Freiheiten aus der starken Reduktion entstehen können.
Fazit
Die vorgestellte Auswahl an Projekten bildet nur einen kleinen Teil einer diversen und kontinuierlichen Entwicklung ab. Die Einteilung nach Typologie ermöglicht es aber bereits, zu verstehen, welche Projekte auf welche Grundideen Bezug nehmen und wie sie diese umsetzen. Obwohl die drei Beispiele verschiedene Ziele verfolgen und verschiedene Wohnformen ermöglichen, lassen sich doch einige Gemeinsamkeiten feststellen. Innovation entsteht in den Projekten primär durch eine einer Reduktion auf das Wesentliche der jeweiligen Wohnform. In unaufgeregten Grundrissen entfaltet sich eine grosse räumliche Qualität, die vor allem aus der Flexibilität in der Nutzung erwächst. Hier überzeugt mich insbesondere Michael Alders Korridor-Wohnung, die in ihrer Einfachheit und zugleich hoher Qualität überrascht.
Hinterallen Projekten stehen gemeinnützige Trägerschaften. Die Stiftung Abendrot und Habitat in der Erlenmatt Ost, eine Wohngenossenschaft im Vogelbach. Für die Weiterentwicklung des Wohnens sind Stiftungen, Genossenschaften und Vereine zentral. Sie suchen aktiv nach neuen Modellen und können Risiken eingehen, die der kommerzielle Wohnungsbau scheut. Doch nicht jedes Experiment gelingt. Dass ausgerechnet das Künstlerhaus wenig Nachfolger gefunden hat, überrascht mich nicht. Die totale Freiheit ist nicht für alle ein Versprechen. So zeigt auch die grosse Beliebtheit von Altbau-Wohnungen, dass ein gut proportionierter, oft neutraler Grundriss, über Jahrzehnte vielfältig nutzbar und beliebt bleibt. Die grösste Langlebigkeit liefert so vielleicht nicht der flexibelste Grundriss, sondern der schlicht gut geschnittene Raum.
Und gleich braucht es die Erprobung neuer Grundrisse, um auch zukünftig für alle Wohnbedürfnisse adäquate Lösungen anbieten zu können. Basel hat sich dank experimentierfreudiger Stiftungen und Genossenschaften zu einem Wohnlabor entwickelt, in dem sich auch radikal neue Ansätze erproben lassen. Vor allem das Quartier Erlenmatt Ost hat eine enorm hohe Dichte solcher Wohnraum-Innovation erreicht und damit ein grosses Echo ausgelöst. Wünschenswert ist, dass dies auch zukünftig gelingt. Mit Entwicklungen wie im Lysbüchel oder auf dem Wolf sind die Weichen dafür gut gestellt.
Artikel: Georg Rohr / @typologies_of_housing