Baukultur 05.01.26

Blick in das Innere der Kirche © Luschyan Annalingam

Beton gewordene Geduld

Sie ist eine unbestrittene Basler Architekturikone. Die St. Antoniuskirche erbaut 1927 aus der Feder von Karl Moser steht für die Entdeckung des gestalterischen Potentials von Sichtbeton. In seinem Gastbeitrag wagt Luschyan Annalingam eine subjektive Annäherung.

Von weitem Sichtbar: der Turm © Luschyan Annalingam

Seit meiner Kindheit wohnt sie mir gegenüber. Die St. Antoniuskirche in Basel. Eine Nachbarin aus Stein, deren Anwesenheit so selbstverständlich war wie die Strasse vor der Haustür. Für mich war sie einfach da, wie eine Nachbarin die selten spricht, aber immer schaut.

Das imposante Portal © Luschyan Annalingam

Sie ist keine Schönheit im klassischen Sinn, sondern eher eine strenge Erzieherin, die ihre Besucher zu Disziplin und Demut anhält. Ihre Struktur, klar gegliedert, scheint manchmal selbst die Luft zu ordnen. Ihre Mauern aus Sichtbeton wirken wie aus der Zeit gefallen, hart und schnörkellos, als wollten sie sagen: „Ich brauche keinen Schmuck, ich bin genug.“ Sie steht da wie eine uralte Lehrerin, die schon alles gesehen hat und niemandem mehr etwas beweisen muss. Kein Prunk, keine gotischen Schnörkel kleiden sie. Stattdessen hüllt sie sich in den kühlen Mantel des Sichtbetons. Die Mauern, glatt, ehrlich, fast trotzig, erscheinen wie eine steinerne Haut, die alles Unnötige abgestreift hat.

Blick in das Innere der Kirche © Luschyan Annalingam

Unter dem strengen Gerippe aus Betonrippen fühlt man sich im Inneren fast eingeschüchtert. Als sei man in das Skelett einer Idee eingetreten. Der Raum atmet tief, jede Säule scheint die Luft anzuhalten, damit nichts die konzentrierte Ruhe stört. Das Licht fällt durch die hochgezogenen Fenster, durch die Buntglasfenster, in kantigen Strahlen herein und tastet den Raum manchmal fast zärtlich ab, als wolle es den kalten Körper wärmen. Diese Kirche will nicht bezaubern, sie will mahnen. Keine Ornamente lenken ab. Jede Linie, jede Kante steht für sich, fordert Aufmerksamkeit und Respekt. Ich begann, ihre Details zu lesen wie Zeilen in einem Gedicht. Die rhythmischen Fenster, die die Nachbarschaft wie aufmerksame Augen scannen. Das Portal, das schwer atmend jeden eintretenden Menschen abmisst, bevor es ihn gnädig einlässt. Der Turm, ein spitzer Zeigefinger, der mahnend in den Himmel sticht. Heute, wenn ich aus meinem Fenster sehe, wirkt sie immer noch unnahbar. Doch ich habe gelernt, ihre Schweigsamkeit zu deuten. Sie war immer mehr, als ich dachte. Man musste nur alt genug werden, um ihr Schweigen zu verstehen. Text: Luschyan Annalingam