100 Jahre Siedlung Freidorf: Pioniergeist an der „äussersten Geschmacksgrenze“

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Vor hundert Jahren wurde die Siedlungsgenossenschaft Freidorf gegründet. „Der Mensch soll wieder mit der Natur in Berührung gebracht werden“, war einer der Grundgedanken von Gründervater Bernhard Jaeggi (1869-1944). Auch wenn die Siedlung in Muttenz heute längst nicht mehr auf der grünen Wiese steht, bleibt sie eines der bedeutendsten Baudenkmälder der Region. Im Freidorf wurden erstmals in der Schweiz die Ideen der Gartenstadt im grösseren Massstab umgesetzt.

Gartenstadt als Gegenmodell zur Industriestadt
Die Ursprünge des Freidorfs liegen viele hundert Kilometer von Muttenz entfernt in London – oder in Berlin. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Wohnverhältnisse der Industriearbeiter immer prekärer und unhygienischer wurden, propagierte der Engländer Ebenezer Howard seine Idee der „Garden City“ (1898) als menschenfreundlichen Gegenentwurf zu den vielerorts katastrophalen (Wohn-)Verhältnissen der Industriestädte. Die Bewegung fand schnell viele begeisterte Anhänger. 1902 wurde in Berlin die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft (DGG) gegründet. „Nach genossenschaftlichem Prinzip gibt es ein Gemeineigentum an Grund und Boden“, stand in deren Statuten. Ebenso sollte dank der „weiträumigen und niedrigen Bauweise der Gartenstädte gesunde Wohnungen geschaffen werden, die auch einen Zugang zu eigenem Garten einschließen.“ All diese Vorgaben wurden 20 Jahre später im Freidorf berücksichtigt und umgesetzt.

Margarethenhöhe

Meyers Platz-Entwürfe für die Siedlung Margarethenhöhen © Verlag Arthur Niggli AG

Gartenstadt Margarethenhöhe: Der Auftritt eines Architekten namens Hannes Meyer
Doch alles der Reihe nach: Eine der bedeutendsten Gartenstädte wurde ab 1906 südlich von Essen erbaut. Sie hiess Siedlung Margarethenhöhe und wurde vom Architekten Georg Metzendorf (1874–1934) entworfen. Was hat das mit dem Freidorf zu tun? Auf der Margarethenhöhe kam es zum Auftritt eines wichtigen Freidorf-Akteurs: Der damals 27-jährige Basler Architekt Hannes Meyer arbeitete 1916 im Büro von Metzendorf an den Plänen der Margarethenhöhe. Danach entwarf Meyer für die Kruppsche Bauverwaltung in Essen eine Siedlung mit 1’400 Wohnungen der Germaniawerft in Kiel bevor er nach Basel zurückkehrte. In den Zeichnungen von Meyer aus jener Zeit finden sich viele Themen, die ihn auch beim Freidorf beschäftigten. Insbesondere die Gliederung und Gestaltung von Wegen, Strassen und Plätzen war für Ihn bereits damals von grosser Bedeutung.

Luftbild

Luftbild „Freidorf bei Basel“ © Siedlungsgenossenschaft Freidorf

Wettbewerb: Bernoulli versus Meyer
Im April 1919 wurde der Wettbewerb „Auf dem Schänzli“ für die Planung des Freidorfs lanciert. Die beiden Teilnehmer waren der damals bereits gestandene Basler Architekt Hans Bernoulli (1876 – 1959) und der dreizehn Jahre jüngere Hannes Meyer. Ausgelobt wurde der Wettbewerb von der „Gesellschaft Ansiedelung auf dem Lande“, die beim Schänzli eine erste Mustersiedlung mit 150 Häusern realisieren wollte. Leider sind die beiden Beiträge von Bernoulli und Meyer nicht überliefert. Allgemein wurde der Wettbewerb für die Nachwelt schlecht dokumentiert. Fakt ist, dass sich Meyer durchsetzen konnte – und daraufhin mit der Planung des Freidorfs beauftragt wurde.

Freidorf mit krummer Strasse

Planfassung 1919: Freidorf mit radialem Strassensystem © Staatsarchiv Baselland

Das Freidorf und die „krumme Strasse“
Interessant ist der Blick auf die verschiedenen städtebaulichen Entwurfsstände. Meyer sah sich aufgrund der dreieckigen Parzelle mit einer schwierigen geometrischen Ausgangslage konfrontiert. In seinen ersten Zeichnungen etablierte er eine Symmetrieachse von der westlichen Parzellenspitze gegen Osten kombiniert mit einem radialen Strassensystem. Die Wohnstrassen wurden in gekrümmter Form angeordnet. Die Idee der „krummen Strasse“ hatte Meyer bei Metzendorf kennengelernt. Damit sollte die pittoreske Idylle von gewachsenen Dorfstrukturen nachempfunden werden. Zu jener Zeit wurde die „krumme Strasse“ von Architekten und Theoretikern vermehrt als formal und nicht funktional kritisiert. „Die Krümmung ist bei manchen Stadterweiterungen zum Selbstzweck und zur Schablone geworden“, bemängelte beispielsweise der deutsche Stadtplaner Rudolf Eberstadt.

Der definitive Bebauungsplan des Freidorfs © Staatsarchiv Baselland

Der definitive Bebauungsplan des Freidorfs © Staatsarchiv Baselland

Orthoginalität und „städtebauliche Strenge“
Es ist anzunehmen, dass Meyer von dieser Debatte Kenntnis nahm. Auf jeden Fall entwickelte er den Städtebau des Freidorfs in der Folge hin zu einem orthogonalen System. Meyer etablierte die Hauptachse, woran sich der grosse Platz und das Genossenschaftshaus befanden, neu von der nordöstlichen Ecke gegen Südwesten. Parallel dazu wurden symmetrisch zwei Wohnstrassen angeordnet. Ausnahmen bildeten die „Empfangszeile“ am westlichen Zipfel und das sogenannte „Klösterli“, ein Geviert mit Platz und fünf kurzen Hauszeilen, am östlichen Ende. In einem 1926 erschienen Artikel über das Freidorf schrieben Alexander Klein und Werner Hegemann: „Er (der Architekt) behandelt seine Aufgabe mit Erfolg städtebaulich. Neben der städtebaulichen Strenge der Strassen sind auf der Gartenseite die Voraussetzungen für trauliches Familienleben gegeben.“

Baustelle 1920

Holzgerüst und Pferdegespann: Blick auf die Baustelle im Jahre 1920 © Siedlungsgenossenschaft Freidorf

„Einfachheit, Gleichheit, Wahrhaftigkeit“
Noch im Verlaufe des Jahres 1919 wurde mit dem Bau der 150 Häuser begonnen. Meyer hatte mit grosser Systematik Pläne für alle Haustypen erarbeitet. „Denn die Stützen der Gemeinschaft wurden zu Säulen des Bauwerks: Einfachheit, Gleichheit, Wahrhaftigkeit“, verkündete Hannes Meyer mit viel Pathos. Gleichheit hiess unter anderem Normierung. Sämtliche Details von der Haustüre über den Kachelofen bis zur Dachtraufe wurden genormt ausgeführt. Gerade mal vier Fenstertypen mit einem einzigen Scheibenmass wurden beim Bau des Freidorfs verwendet. Damit konnten Zeit und vor allem Geld gespart werden.

Bauen mit Händen und Pferden
Die Baustellenbilder zeigen jedoch, wie rudimentär und handwerklich das Bauen damals (noch) war. Mit Pferdegespann wurde das Material herbeigeschafft. Die Wände wurden konventionell gemauert. Für den Einsatz von modernen Maschinen oder Stahlbeton war die Zeit beim Freidorf noch nicht reif. Umso bemerkenswerter ist die konsequente Typisierung der Bauteile durch Meyer, womit eigentlich eine rationellere oder sogar industrielle Fertigung der Häuser möglich gewesen wäre. Meyer war damit seiner Zeit voraus. Den Themen des rationellen Wohnungsbaus ging er bei seiner späteren Arbeit am Bauhaus und danach in der Sowjetunion weiter nach.

Freidorf Baunormen

„Freidorfnorm“: Katalog der Baunormen für das Freidorf © Verlag Arthur Niggli AG

Andrea Palladio und die Freidorfnorm
„Verdutzt und ratlos steht der Fremde mitunter beim ersten Besuch im Freidorf: Er erwartet eine romantische-idyllische Dorfanlage, und er findet ein Gebilde, halb Kloster und Anstalt, halb Gartenstadt und Juranest“, notierte Hannes Meyer 1921. Die Normierung und Typisierung verhalfen dem Freidorf zu seinem einheitlichen, schlichten architektonischen Ausdruck, der bis heute nichts an seiner Kraft verloren hat. Für Meyer waren dabei die Proportionen der Aussenräume und Bauten von grosser Bedeutung. Dazu hatte er den italienischen Meisterarchitekten der Renaissance, Andrea Palladio, ausgiebig studiert. Während seiner Zeit in Deutschland hatte Meyer in seinen „dienstfreien Stunden“ sämtliche Grundrisse Palladios akribisch nachgezeichnet. Dadurch wurde er gemäss seinen Notizen angeregt, dass Freidorf „im einhetlichen Modul einer architektonischen Ordnung durchzuführen“. Genau wie der italienische Meisterarchitekt strebte Meyer nach einer „proportionalen Raumharmonie“, wie er es selbst nannte. Das Resultat war die Freidorfnorm. Der Normabstand der Häuser betrug beispielsweise 25 Meter.

Blick vom Genossenschaftsplatz in Richtung Nordosten

Blick vom Genossenschaftsplatz in Richtung Nordosten © Siedlungsgenossenschaft Freidorf

Siedlung an der „äussersten Geschmacksgrenze“
„Die Freidorfnorm berührt hinsichtlich baulicher Vereinfachung die äusserste Geschmacksgrenze des individuellen Schweizers, und jeder weitergehende Verzicht auf „Architektur“ wird als „Zuchthaus und Kaserne“ die nahezu lückenlos geschlossene Front der Volksmeinung durchbrechen müssen“, schrieb Hannes Meyer über das Freidorf, wo er bis April 1926 zusammen mit seiner Familie das Haus 142 bewohnte. Es war kein Abschied im Guten. In einem Brief an Siegfried Giedion im Sommer 1926 gestand Meyer: „Ich stehe ja dem Freidorf heute abweisend gegenüber; es war mein letzter Versuch, mit herkömmlichen Bau-Mitteln etwas zu erreichen.“ Nichtsdestotrotz bleibt es bis heute ein beeindruckendes baukulturelles Denkmal des genossenschaftlichen Wohnungsbaus. Die von Meyer in Siedlungsform gebrachte Dreifaltigkeit aus „Einfachheit, Gleichheit, Wahrhaftigkeit“ hat im Freidorf ihre Zeitlosigkeit bewiesen.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Literatur
– Huber, Dorothee: Architekturführer Basel : die Baugeschichte der Stadt und ihrer Umgebung, Basel, 2014.
– Kieren, Martin: Hannes Meyer: Dokumente zur Frühzeit : Architektur- und Gestaltungsversuche 1919 – 1927, Heiden, 1990
– Meyer, Hannes: Die Siedlung Freidorf : erbaut durch Hannes Meyer, Basel. In: Das Werk: Architektur und Kunst, Band 12 (1925)

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