Aus Basel III: Herzog & de Meuron und die Siedlung „Drei Linden“ von Mumenthaler & Meier

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An der Seite von Pierre de Meuron erkunden wir heute die Genossenschaftssiedlung „Drei Linden“. Sie wurde von den Basler Architekten Mumenthaler & Meier kurz vor Kriegsende 1944 erbaut. Der Ausdruck der Siedlung hat nicht zufällig etwas wehrhaftes. Die Grenze zum nationalsozialistischen Deutschland war damals schliesslich nur wenige hundert Meter entfernt. Das Wuchtige, Undurchdringliche, Abwehrende, die Erinnerungen an die Architektur von Klosterburgen sind sicher bewusst angesprochen worden. Der Volksmund bedachte die Siedlung mit dem Übernamen «Sing-Sing». Die Siedlung als Gefängnis? Pierre de Meuron findet bei seiner Auseinandersetzung mit den „Drei Linden“ auf verschiedenen Ebenen – vom Städtebau bis zur Farbgebung – besondere Qualitäten vor.

Luftbild der Siedlung "Drei Linden" (1944) von Mumenthaler & Meier © Google Maps

Luftbild der Siedlung „Drei Linden“ (1944) von Mumenthaler & Meier © Google Maps

„Für eine Besichtigung mit der Seminargruppe von Rossi hatten wir auch die Siedlung „Zu den Drei Linden“ analysiert, die Anfang der 1940er-Jahre von Ernst Mumenthaler, Otto Meier und August Künzel gebaut worden war. Wir gingen in die Wohnungen hinein, kamen mit den Bewohnern ins Gespräch. Es hat sich dabei herausgestellt, dass sich der alltägliche Gebrauch der Häuser in hohem Maße bewährte. Konstruktion, Ausführung und konstruktive Details sind von hoher handwerklicher Qualität, und so ist der Zustand der Gebäude beachtlich.  Diese Beobachtung bringt mir immer wieder Mario Meier, den Sohn von Otto Meier, in Erinnerung. In den frühen Achtzigerjahren war er einer unserer ersten Mitarbeiter im Büro. Mit besonderer Liebe widmete er sich der Konstruktion und besaß eine ausgeprägte Sensibilität für Materialien, das sind seltene Qualitäten.

„Der Festungscharakter erinnert an die historische
Reaktion und spiegelt die Situation der Schweiz innerhalb
eines im Krieg befindlichen Europas wider.“

Sein Vater hatte Zu den Drei Linden während des Zweiten Weltkrieges gebaut. Er reagierte auf die Avantgardisten mit einer Bezugnahme auf die Schweizer Reduit-Politik. Die Nordfassade erinnert an eine Festung; auf der Südseite befinden sich Balkone und Gärten. In Bernoullis Siedlung Im Vogelsang geht man an den Gärten vorbei, die privaten Parzellen gehen in die Gemeinschafts- und Wegeflächen über. Hier aber unterscheiden sich das Innen und Außen deutlich, die Gärten sind geschlossen, nur der jeweilige Besitzer hat Zutritt. Der Festungscharakter erinnert an die historische Reaktion und spiegelt die Situation der Schweiz innerhalb eines im Krieg befindlichen Europas wider. Gleichzeitig ist die architektonische Qualität hoch. Es gibt keine Entsprechungen, die beiden Fassaden – Nord und Süd – sind sehr unterschiedlich: Putz und Geschlossenheit im Norden, warmes Holz und Öffnung gen Süden. Die Gärten sind recht groß; während des Krieges kamen sie dem Bedürfnis nach Selbstversorgung entgegen, die Bewohner pflanzten hier Kartoffeln. Jeder private Hauszugang ist durch eine Nische betont, zurückgezogen gegenüber dem Treppenhaus, das ein an die Fassade angefügtes Türmchen bildet. Am Ende der Zeile, in der Ecke zur Straße, schließt eine zurückversetzte Mauer das Ensemble.

Pläne der Siedlung "Drei Linden" (1944) von Mumenthaler & Meier © Gewerbemuseum Basel

Pläne der Siedlung „Drei Linden“ (1944) von Mumenthaler & Meier © Gewerbemuseum Basel

Auch die Farbfassung ist interessant. Die moderne Basler Architektur ist nicht weiß, sie ist grau oder ocker. Das ist nicht das – mediterrane – Spiel der Volumen im Licht der Sonne, wie wir es von Le Corbusier kennen. Das Erstaunlichste ist vielleicht die Koexistenz urbaner und ruraler Elemente. Das Ensemble ist funktional, die Ausarbeitung der Volumetrie, die Komposition und die Rhythmen sind bemerkenswert. Die Dachfenster scheinen originalgetreu zu sein, allerdings weisen nicht alle Erkertürmchen eines auf. Wahrscheinlich gibt es zwei Typologien, eine Variante mit, die andere ohne Dachfenster. Die Dächer kragen weit über und betonen die Fluchtlinie des Gebäudes. Aus der Distanz, insbesondere von der Straße zwischen Basel und Riehen aus, sieht man nur das Dach, das Gebäude scheint unter dem Schatten des Vordaches zu verschwinden.

„Es ist gut, dass die
bebaute Fläche eine klare Grenze hat.“

Eine große unbebaute Fläche, der Bäumlihof, trennt die Straße von der Siedlung. Die Flächen gehörten einer Familie von Großgrundbesitzern, die nach wie vor im Ort wohnt. Als sie in den 1960er-Jahren einen Teil des Bodens überbauen wollte, lancierte eine Gruppe von Einwohnern eine Initiative, um das Gebiet als unbebaubare Zone einstufen zu lassen und die Stadt als Käufer zu gewinnen. Dies geschah Anfang der 1970er-Jahre, ich war damals Student an der ETH in Zürich und hatte gerade Bernoullis Buch „Die Stadt und ihr Boden“ gelesen. Im Jahr 1983 folgte eine zweite Volksabstimmung, die Stadt musste der Familie Millionen als Entschädigung zahlen. Wäre Bernoullis System angenommen worden, hätte der Staat nicht zahlen müssen. Jedenfalls bildet diese grüne Zone eine Zäsur zwischen Basel und Riehen und ist Teil des größten Erholungsgebiets inmitten der Stadt. Es ist gut, dass die bebaute Fläche eine klare Grenze hat. Ich bin aber der Meinung, dass die Grenze mit einer höheren letzten Reihe betont werden müsste, wie um den Central Park in New York.“
(P.d.M., Februar 2011)


Chevrier, Jean-François

Aus Basel – Herzog & de Meuron

256 Seiten / 50 Abb. / gebunden
Sprache: Deutsch / Englisch / Französisch
© 2016 Birkhäuser Verlag, Basel
CHF 70 / EUR 50
Aus Basel: ISBN 978-3-0356-0813-7
From Basel: ISBN 978-3-0356-0814-4
De Bâle: ISBN 978-3-0356-0830-4

Bestellen / Infos > www.degruyter.com

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