Ganze 248 Eingaben verzeichnete die aktuelle Ausgabe der «Auszeichnung Gutes Bauen» der beiden Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt. In mehreren Rundgängen setzte die sechsköpfige Jury 73 Objekte auf die Shortlist. nach einem dreitätigen Besichtigungsmarathon wurden schliesslich 23 Objekte gekürt. Die ausgezeichneten Projekte haben wir im Artikel gestern vorgestellt. Aber hat die Jury auch überall richtig entschieden? Wir glauben: ja! Warum genau, geht aus dem Jurybericht allerdings nicht immer hervor…
Mit Liebe zum Detail…
Die Architektur Basel-Redaktion hat die prämierten Projekte ausführlich diskutiert. Wir sind uns im Grossen und Ganzen mit der Jury einig: die ausgezeichneten Objekte stehen in den meisten Fällen nicht nur für sich selbst, sondern beispielhaft für eine Bauaufgabe oder den Prozess dahinter. Stellvertretend genannt sei beispielsweise das Mehrgenerationenobjekt im historischen Dorfkern von Therwil. Wir schliessen uns der Meinung der Jury an, dass genau solche Projekte für so manchen Baselbieter Dorfkern wegweisend sein können – und sein sollten. An dieser Stelle sei unsere Serie «Baselbieter Baukultur» empfohlen, die den Fokus mitunter auf genau diese Themen legt.

Erweiterung und Sanierung Schulanlage Lärchen, Münchenstein © Julian Salinas
Sehr gefreut haben wir uns auch über Projekte wie die Sanierung und Erweiterung der Schulanlage Lärchen in Münchenstein. Das unkomplizierte Zusammenkommen von Alt und Neu, ohne dabei Bestehendes zu überfahren oder Neues zu sehr schreien zu lassen. Ebenso toll: Das umgenutzte Silo Erlenmatt oder die Siedlung Hirtenweg in Riehen. So geht Baukultur!

Siedlung Hirtenweg, Riehen © Klaus Spechtenhauser, Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt
Es sind die kleinen Eingriffe wie das Atelier im Hinterhof vom Alma Maki oder aber die grosse wegweisende Umnutzungen wie jene des Weinlagers in Wohnungen, die überzeugen. Aber auch die fast bis zur Ekstase getriebene Gestaltungsarbeit am Stadtcasino in Basel von Herzog & de Meuron überzeugt!
Ein Blick von aussen auf Basel
Soweit bekannt, legte das Beurteilungsgremium im Vornhinein nicht fest, wieviele Projekte schlussendlich ausgezeichnet werden sollen. Beispielsweise waren es 1992 bei 380 Eingaben ganze 46 Auszeichnungen, 2018 wurden 185 Objekte eingereicht und deren 35 prämiert. Der Jury gehörten dieses Jahr neben Jurypräsidentin Chrissie Muhr (Architektin, Basel) auch Erol Doguoglu (Architekt, Kantonsbaumeister St. Gallen), Anne Kaestle (Architektin, Zürich), Oliver Hagen (Architekt und Ökonom, Zürich), sowie Jörg Lamster (Architekt und Nachhaltigkeitsexperte, Zürich) und Martin Rein-Cano (Landschaftsarchitekt, Berlin) an. Eine gemischte, internationale Jury, durchaus also mit einem Blick von aussen auf die oft sehr auf sich selbst zentrierte Basler Szene. Das tut gut.

Flauschig und mit Liebe zum Detail: Umbau und Erweiterung Stadtcasino © Armin Schärer / Architektur Basel
Die öffentliche Hand als Bauherrschaft
Es ist bezeichnend, dass ein Grossteil der Auszeichnungen an Projekte geht, die entweder durch Genossenschaften, Stiftungen oder die öffentliche Hand finanziert werden. So treten die beiden Basel bei einer Vielzahl an Projekten als Bauherrschaft auf. Dass die Baukultur, aber eben auch das, was dahintersteckt: der ganze Prozess von der Idee, der Bedarfsabklärung über den ersten Strich bis hin zur Ausführung und letzten Endes – dem Betrieb, in der Region Basel, insbesondere in der Politik einen so grossen Stellenwert geniesst ist bezeichnend. Die «Auszeichnung Gutes Bauen» bildet diese Anerkennung und den Effort aller Beteiligten ab. Wir gratulieren allen Gewinnerinnen und Gewinnern für ihre Auszeichnungen!

Umnutzung Silo Erlenmatt © Céline Dietziker / Architektur Basel
Leise Kritik aus der Vergangenheit
Wir erlauben uns an dieser Stelle die Kunsthistorikerin Dorothee Huber in ihrem Vorwort im Jurybericht 2018 zu zitieren: «In der Freude über so viele ausgezeichnete Bauten mischt sich beim Jurieren bisweilen leises Bedauern darüber, dass sich im hier gewählten Format bemerkenswerte Erneuerungen und Umbauten kaum angemessen würdigen lassen». Huber plädierte darauf, nicht nur das Grosse und das Schreiende zu diskutieren, sondern auch das Stille und Zurückhaltende. Es scheint fast, als hätte die diesjährige Jury Dorothee Huber ernst genommen.

Atelier im Hinterhof © Céline Dietziker / Architektur Basel
Nur gut, oder auch relevant?
Wenngleich wir mit der Auswahl der siegreichen Objekte zumeist einverstanden sind, geht aus dem Jurybericht nicht immer klar hervor, warum das Gremium sich für dieses oder jenes Objekt entschieden hat. Wohl war sich die Jury auch nicht immer einig, ob ein Objekt einen Preis verdient oder nicht. Beispielsweise merkt die Jury an, dass der Umbau und die sanfte Renovation der Wohnsiedlung Zimmerhof in Basel durchaus als vorbildhaft angesehen werden kann, aber aufgrund der sehr hohen Kosten keine standardisierte Lösung sein kann. Wir werden etwas ratlos zurückgelassen; gerne hätten wir mehr über die Meinung der Jury erfahren!

Wohnungen Hardstrasse © Céline Dietziker / Architektur Basel
Generell hätten wir uns in einigen Fällen eine etwas ausführlichere Laudatio zu den ausgezeichneten Objekten gewünscht. Die kurzen Projekttexte sind im Grunde oft aufs Wesentlichste gekürzte Projektbeschriebe. Uns fehlt bei einigen Auszeichnungen schlicht die eigentliche Würdigung mit Begründung, was das Projekt denn nun tatsächlich auszeichnet – warum und wodurch es sich vom Rest abhebt. Beispielsweise lernen wir, dass die Wohnungen an der Hardstrasse, obwohl ein Anlageobjekt, gleichwohl nachhaltig sind… Aber sollten sie das nicht sowieso? Gerne kommen wir hier auf die Frage der Relevanz zurück, die Andreas Ruby im Vorwort 2018 in den Raum stellte: Ist ein Projekt einfach nur gut oder ist es auch relevant? Auch Chrissie Muhr fragt sich in ihrem Vorwort heuer: «Wo beginnt das Gute und bessere Bauen und was ist relevant und auszeichnungswürdig?»
Wahrzeichen = zwingend gute Architektur?
Andreas Ruby verband die Frage damals auch mit der Eigenschaft der Streitbarkeit eines Projekts. In dieser Hinsicht gibt es auch heuer Diskussionsbedarf. Die Jury merkt etwa an, dass beispielsweise der Roche Bau 2 durchaus zu Diskussionen führt und schreibt: «Das Projekt laviert im Spannungsfeld zwischen globalem Einfluss und dem dörflichen Charakter der Stadt mit ihrem mittelalterlichen Kern. Es etabliert einen Massstabssprung, der im örtlichen Kontext fremd wirkt, der auch kritisch wahrgenommen werden kann, aber eine enorme Faszination hat und Basel in seiner zeitgenössischen Bedeutung als «Weltdorf» sichtbar macht». Mit dieser Einschätzung hat die Jury wohl recht. Die Roche-Türme und insbesondere der Bau 2 polarisieren. Sowohl die breite Öffentlichkeit als auch Fachpersonen sind sich uneins.

Der Roche Bau 2 überragt seinen Vorgänger um einige Stockwerke © Lukas Gruntz / Architektur Basel
Die Jury ergänzt: «Das Projekt hat das Potential eines neuen Wahrzeichens der Stadt (…).» Tatsächlich; die Türme sind von überall her zu sehen und inzwischen eindeutig Basel zuzuordnen. Bloss die Eigenschaft eines Wahrzeichens sagt noch nichts über die weiteren Qualitäten aus. Und dazu erfahren wir wenig in der Würdigung. Den Prozess betrachtend ist es noch immer stossend, dass für ein solch wichtiges Projekt kein Architekturwettbewerb stattgefunden hat. So müssen wir uns hier bei allem Respekt vor dem Projekt, aber mangels weiterer Einordnung der Jury womöglich die umgekehrte Frage stellen: Relevant – aber auch gut?
Mit dem imaginären Mahnfinger sprach sich ein Jurymitglied an der Vernissage letzten Freitag in der Walzhalle in Münchenstein in der kurzen Laudatio für den Roche Bau 2 ganze dreimal für einen weiteren Turm aus und sorgte bei einigen Gästen für Verwunderung. Ob dieses Statement nötig gewesen wäre? Für die städtebauliche Diskussion mögen die Türme wichtig sein. Zur Frage, wodurch sich der Roche Bau 2 im Sinne der «Auszeichnung Gutes Bauen» als Objekt auszeichnet, bleibt uns die Jury eine klare Antwort leider schuldig…
Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Veranstaltungstipp: Die Jury von «Auszeichnung Gutes Bauen» diskutiert an einem Podiumsgespräch die diesjährige Prämierung. Das Prodium findet statt am 17. November 2023, 19:00 bis 20:30 im K-Haus, Kasernenhof 8, 4058 Basel (Kaserne Basel). Mehr Infos zur Veranstaltung gibts HIER.
Die ausgezeichneten Werke sind ausserdem vom 3. bis 17. November 2023 in Basel auf dem Theaterplatz sowie im Lichthof, Münsterplatz 11 und in Liestal in der Rathausstrasse im Stedtli ausgestellt.
Quellen: Der Jurybericht kann HIER eingesehen werden
Foto Veranstaltung: © Architektur Basel
Fotos prämierte Projekte: Aus dem Jurybericht, das Urheberrecht liegt bei den jeweiligen Fotograf:innen.