Autobahnraststätte Pratteln | Baselbieter Baukultur #21

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Neben dem Bernhardiner aus Plastik und den roten Taschenmessern mit weissem Kreuz gibt es Toblerone-Schokolade in XXL-Packungen, es riecht etwas nach Cheesburgern Deluxe und Frittenöl; eine seltsame Kombination. Im «Fressbalken», wie die Autobahnraststätte Pratteln auch genannt wird, funktioniert dieses Potpourri wunderbar.

Zwischenwelt
Trotz Kitsch und Souvenirs wirkt der 1978 eröffnete Bau nicht billig. Die Räume sind gedrängt, alles hat seinen Platz. Denn sonderlich gross ist die begehbare Brücke mit all ihren Shops, Verpflegungsangeboten und Toiletten nicht. Eine gewisse Effizienz ist dem Treiben nicht abzusprechen. Wer den Brückenbau über einen der beiden Zugänge links und rechts der Autobahn betritt und mit der Rolltreppe nach oben fährt, wird das Gefühl nicht los, sich an einem Flughafen zu befinden. Alle Beschriftungen sind international, das gutschweizerische Mittagsmenü gibts auch auf Chinesisch. Am meisten Menschen warten am Fastfood-Tresen auf ihre Verpflegung.

Autobahnraststätte, Pratteln © Architektur Basel

Autobahnraststätte, Pratteln © Architektur Basel

Hülle und Kern
Das Innenleben der Raststätte könnte überall stattfinden. So gibt es auch kein Links oder Rechts, sondern «Richtung Deutschland/Frankreich» und «Richtung Italien». Dass wir uns hier in Pratteln befinden, kümmert niemanden. Vermutlich im Bewusstsein um dieses sonderbare Universum verliehen Casoni & Casoni der Raststätte eine Fassade zum Erinnern. Zentrales Element sind die nach aussen, leicht nach unten gewölbten Bullaugen, 56 insgesamt. Während die beiden Brückenköpfe rundum befenstert sind, wacht je ein grosses ovales Bullauge über die Autobahn nach Westen und Osten. Die Fassadenelemente sind aus glasfaserverstärktem Polyesterharz und zwischen 6 und 8 mm dick. Bis zur Sanierung im Jahr 2000 kam der Balken in zeittypischem Orange-Braun daher, der jetzige Gelb-Orange Farbton stammt vom kubanischen Künstler Jorge Pardo. Die einheitlich starke Farbgebung vermag den Mix an unterschiedlichen Nebengebäuden und Unterständen zusammenzuhalten. Weder stören die Anbauten, noch das grosse Logo des Betreibers auf dem Dach. Ein starkes Stück Fassaden-Architektur an einem umso seltsameren Ort…

Autobahnraststätte «Windrose», Pratteln ohne Jahrgang, Fotograf: Hans Leu STABL_VR_3317_F8.N2_001-05_008, Staatsarchiv Basel-Landschaft

Originale Farbgebung: Autobahnraststätte «Windrose», Pratteln ohne Jahrgang, Fotograf: Hans Leu STABL_VR_3317_F8.N2_001-05_008, Staatsarchiv Basel-Landschaft

Autobahnraststätte Pratteln
Funktion: Raststätte
Adresse: Autobahn A2/A3, Götzisbodenweg 22, 4133 Pratteln
Baujahr: 1978
Architektur Fassade (1978): Casoni & Casoni
Farbgebung Sanierung (2000): Jorge Pardo


Text:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Fotos:
– © Simon Heiniger / Architektur Basel
– Staatsarchiv Basellandschaft, Online-Archivkatalog
Quellen:
– Hasche, K. & Hanak, M. (2010), Bauten im Baselbiet: eine Architekturgeschichte mit 12 Spaziergängen, Schwabe AG, Basel. ISBN: 978-3-7965-2664-0

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