Bruno Trinkler: „Die Arbeit als Zimmermann hat mich extrem beeindruckt“ – Monatsinterview #1

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Bruno Trinkler hat dank seiner langjährigen Tätigkeit als Professor an der FHNW eine ganze Generation junger ArchitektInnen in der Nordwestschweiz geprägt. Im ersten Teil des Monatsinterviews sprechen wir mit ihm über seine eigene Ausbildung an der FH und ETH, Michael Alder, die Analoge Architektur rund um Miroslav Sik und seine Leidenschaft fürs Planzeichnen, die Trinkler folgendermassen beschreibt: „Ich habe damals nächtelang immer dasselbe gezeichnet. Über das Zeichnen fand ich immer tiefer in das Thema.“

Céline Dietziker (Architektur Basel): Nach der Lehre als Hochbauzeichner hast du als Zimmermann gearbeitet. Wie hast du zu diesem Beruf gefunden?
Bruno Trinkler: «Ich darf vielleicht vorwegnehmen, dass ich das Glück hatte, in einem sehr guten Architekturbüro in Zug die Lehre machen zu können.  Dort hatte ich tolle Leute um mich, die mich sehr gefördert haben. Nach der Lehre war ich überzeugt, dass ich aus dem Kanton Zug wegwollte. Ich wollte in einer grösseren Stadt leben. Die Grenznähe und Internationalität von Basel hatten mich interessiert. Zuerst habe ich in einem Architekturbüro gearbeitet, war jedoch schnell bitter enttäuscht. Vor allem von der Stimmung her. Das Engagement für die Architektur war nicht greifbar. Ich war nur Zeichner. In der Lehre war das anders. Dort habe ich viel bei Wettbewerben mitgearbeitet. Nach einer gewissen Zeit habe ich gemerkt: ich muss etwas anderes machen. Ich habe dann eine Stelle gesucht, wo ich wenig arbeiten muss und nebenher die Matura machen konnte. Ein halbes Jahr habe ich bei einem Pharmakonzern gearbeitet. Dann habe ich realisiert, dass dieses schlechtere, weniger Arbeiten mich so träge macht, dass ich unfähig wurde etwas nebenher zu lernen. Dann habe ich gekündigt und habe drei Monate gar nichts gemacht. Ich hatte ein bisschen Geld auf der Seite, weil ich zuvor gut verdient hatte und habe drei Monate sehr viel gelesen und nachgedacht. Dann habe ich jemanden kennengelernt, der die Lehre als Zimmermann absolvierte. So entschied ich, das einmal auszuprobieren. Die Arbeit als Zimmermann hat mich extrem beeindruckt. Ich war dann quasi wieder da, wo alles begonnen hatte. Bei der Auseinandersetzung mit der Konstruktion und Struktur. Nur haben wir da einfach gemacht, was ich zuvor in der Lehre gedacht und gezeichnet habe. Das hat mich sehr geprägt.»

Kannst du dich an ein besonderes Erlebnis in dieser Zeit erinnern?
«Wir hatten unglaubliche Erlebnisse. Wir waren ein Team: der Polier, ein gelernter Zimmermann und ich. Wir haben in einer Woche eine Halle aufgebaut, irgendwo in Dornach, zu dritt, ohne Kran. Das war eine Halle, schon eingeschossig, aber die hatte 40 Meter Länge und 25 Meter Breite, mit Dach und allem. Am Ende der Woche stand das Ding!»

Architektur Basel im Gespräch mit Bruno Trinkler © Armin Schärer / Architektur Basel

Architektur Basel im Gespräch mit Bruno Trinkler © Armin Schärer / Architektur Basel

Wieso hast du nicht weiter als Zimmermann gearbeitet ?
«Ich habe mir überlegt, die Lehre als Zimmermann zu machen, aber ich war jeden Abend tot. Weisst du, ich bin ja nicht der grosse, kräftige Mensch. Die anderen waren das. Ich lag jeden Abend in der Badewanne, völlig durch, konnte noch was essen und am nächsten Morgen gings ganz früh wieder los. Ich musste feststellen, dass geht nicht. Aber die Zeit war unglaublich.»

Hat dich diese Zeit auch später noch geprägt?
«Ja, das ist tatsächlich so. Ich habe da wieder das gefunden, was ich in der Lehre so geschätzt habe: Dass man alles genau wissen will. Seit der Lehre bin ich dadurch geprägt. Noch heute im Büro merke ich das. Wir hatten gerade heute Morgen eine Projektbesprechung und wir haben eigentlich nur über die Konstruktion und die Struktur gesprochen. Im Laufe der Zeit stellte ich auch fest, wie einflussreich diese Aspekte für das Gelingen der Architektur sind. Für die Art, wie ich Architektur denke, sind es absolut entscheidende Kriterien. Ohne Kenntnis und tiefe Auseinandersetzung mit Konstruktion und Struktur könnte ich nicht arbeiten.»

„Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen! In dem Moment war klar, das mache ich!“

Später hast du dann in Muttenz Architektur studiert. Wieso hast du fünf Jahre nach dem Abschluss des Architekturstudium nochmals an der ETH Architektur studiert?
«Offenbar hatte ich damals solche Rhythmen. Auch nach der Lehre bis zum Architekturstudium in Muttenz waren es etwa fünf Jahre. Offenbar war nach dieser Zeit mein Gehirn einfach ausgetrocknet und ich musste das wieder auffüllen. Ein Grund für die lange Pause war, dass ich das Studium auch immer selbst finanzieren musste. Ich hätte gar nicht durchstudieren können. Zudem habe ich mit drei Kollegen zusammen, im letzten Jahr des Studiums an der FH, einen kleinen Wettbewerb  gewonnen. So haben wir noch während dem Studium ein Büro gegründet. Wir hatten dann auch Glück und bekamen ein paar Aufträge. Das nimmt dich aber so rein, das wirst du, wenn du mal selbständig arbeitest feststellen, dass da ganz wenig Platz für anderes ist. Und ich habe dann einfach gemerkt, ich schaffe es kaum mehr an einen Vortrag zu gehen oder mich in ein gutes Buch zu vertiefen. Dann habe ich jemanden aus dem Studium getroffen. Sie hat mir gesagt, dass sie sich überlegt, noch ein Studium an der ETH zu machen. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen! In dem Moment war klar, das mache ich! Ich habe gemerkt, dass ich meinen Rucksack noch besser füllen wollte. Das war auch eine unglaubliche Möglichkeit durch unseres Schweizer Bildungssystems.»

Bruno Trinkler "Ich wusste nie genau, hasst er mich oder liebt er mich. Es war extrem." © Armin Schärer / Architektur Basel

Bruno Trinkler „Ich wusste nie genau, hasst er mich oder liebt er mich. Es war extrem.“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Was war ein prägender Moment in deinem Studium?
«Momente sind es ganz viele, aber es sind vor allem Figuren, die mich entscheidend geprägt haben. In Muttenz waren es Klaus Vogt und Michael Alder. Die beiden haben auch dieses Konstruktive, Strukturelle vertreten, was mich interessierte. Manchmal fast ein bisschen zu stur. Mit Michael Alder hatte ich immer ein ganz schräges Verhältnis. Ich wusste nie genau, hasst er mich oder liebt er mich. Es war extrem. Die Auseinandersetzungen waren immer gnadenlos, haben mich aber meistens weitergebracht.»

Gab es so eine prägende Figur für dich auch an der ETH?
«Ja, die Zeit bei Dolf Schnebli an der ETH war vielleicht noch wichtiger für mich. Ich habe das, was er machte, immer interessant gefunden. Ich ging schon in seine Vorlesungen, als es noch nicht für meinen Jahrgang bestimmt war und war einfach über seine Art sehr angetan. Er hatte immer auch eine gewisse Gelassenheit zu den Dingen. Als ich dann bei ihm studierte, hatte ich das erste Mal in meinem Leben den Eindruck, ich verstehe alles, was er mir erzählt. Zudem hatte ich auch das erste Mal das Gefühl, da ist jemand, der versteht, woran ich so am Suchen bin und was mich interessierte und er unterstützte mich genau dort. Das erste Mal hatte ich den Eindruck da ist einer, der mir nicht seine Welt beibringen will, sondern mir aufzeigen will, wo meine Welt sein könnte. Ich habe bei ihm zwei Semester studiert und anschliessend diplomiert. Danach habe ich ihn gefragt, ob er jemanden brauchen könnte bei sich Büro. Ich wollte für ein, zwei Jahre bleiben, bin dann aber fünf Jahre geblieben. Leicht zeitversetzt war ich auch Assistent bei ihm. Er war für mich eine prägende Figur.»

„Fabio Reinhart lehrte damals als Gastprofessor und hatte ein unglaubliches Team: Neben Miroslav Sik, der den Laden geschmissen hat, waren Franco Pessina, der Partner von Mario Campi, und Santiago Calatrava dabei.“

Im Archiv von Miroslav Sik bin ich auf eine Semesterarbeit aus dem Jahre 1986 von dir gestossen. Wie hast du das Studium bei ihm erlebt?
«Dazu muss ich zuerst einmal sagen, dass Miroslav Sik zu dieser Zeit noch nicht Professor, sondern Oberassistent bei Fabio Reinhart war. Fabio Reinhart lehrte damals als Gastprofessor und hatte ein unglaubliches Team: Neben Miroslav Sik, der den Laden geschmissen hat, waren Franco Pessina, der Partner von Mario Campi, und Santiago Calatrava dabei. Als Fabio Reinhart als Gastprofessor angekündigt wurde, wusste ich sofort: da geh ich hin. Wir haben bei ihm untersucht, wie die Architektur mit der Erinnerung der architektonischen Bildern umgeht, wie sich die Kultur bestehender architektonischer Bilder fortschreiben und interpretieren lässt. Was sind analoge Bilder und wie kann ich diese verwerten? Die konkrete Aufgabe war ein Umbau eines bestehenden Schwimmbads in Monte Carasso. Ich hatte zuerst einen Absturz. Ich wurde in der ersten Zwischenkritik völlig fertig gemacht. Wie nie zuvor. Nicht mal Michael Alder hat das so gemacht. Ich musste nochmals ganz neu beginnen. Das hat mich aber auch wachgerüttelt. Der Begriff der analogen Architektur, der entstand genau in dieser Zeit.»

Semesterarbeit von Bruno Trinkler aus dem Jahre 1986 bei Semesterarbeit aus dem Jahre 1986 bei Fabio Reinhart © ETH Zürich

Semesterarbeit von Bruno Trinkler aus dem Jahre 1986 bei Fabio Reinhart © ETH Zürich

Wieso wolltest du unbedingt zu Fabio Reinhart?
«Ich hatte bereits Vorträge von seinem Büropartner Bruno Reichlin gehört. Die fand ich immer sehr spannend. Mich interessierte, wie sie ihre Themata generieren. Ich habe schlussendlich zwei Semester bei ihm studiert, aber ich wäre nie länger dageblieben. Ich wäre nie ein analoger Architekt geworden, wie viele Kollegen, die vier Semester da studiert und diplomiert hatten – und anschliessend auch Assistenten bei Miroslav Sik waren. Für mich war es jedoch ein Baustein. Ich konnte sehr profitieren.»

Inwiefern hat dich die analoge Architektur bei deiner späteren Arbeit geprägt?
«Was geblieben ist? Ich suche noch immer beim architektonischen Ausdruck nach dem Inhalt, suche danach, was dahintersteht. Damit meine ich natürlich strukturelle Fragen und Fragen zum Gebrauch eines Gebäudes. Das versuche ich immer in der Architektur abzubilden. Im Vergleich zum Studium mache ich das heute in einem viel rationaleren Sinn. Übrigens war auch Schnebli da ganz ähnlich. Aber nicht so plakativ. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, müsste man bei meinen Semesterprojekten bei Fabio Reinhart schon noch ein bisschen Luft rausnehmen. Aber es hat Spass gemacht, das mal so durch zu exerzieren.»

Semesterarbeit von Bruno Trinkler aus dem Jahre 1986 bei Semesterarbeit aus dem Jahre 1986 bei Fabio Reinhart © ETH Zürich

Semesterarbeit von Bruno Trinkler aus dem Jahre 1986 bei Fabio Reinhart © ETH Zürich

Die handgezeichneten Pläne sind unglaublich schön. Meine Generation kennt das ja gar nicht mehr. Bereits in der Hochbauzeichnerlehre wird praktisch alles mit dem Computer gezeichnet.
«Ich habe immer sehr gerne gezeichnet. Ich hatte auch viele Projekte entworfen, wo sich Elemente wiederholen. Heute würde man eines zeichnen und dann kopieren. Ich habe damals nächtelang immer dasselbe gezeichnet. Über das Zeichnen fand ich immer tiefer in das Thema. Es kann auch dazu führen, dass man durch die Wiederholung sich am Schluss die grundsätzlichen Fragen wieder neu stellt.»

Interview: Céline Dietziker / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel

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