Debatte zum Biozentrum-Debakel: „Kultur ist Auseinandersetzung!“

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Vorhang auf! Die Reihen im Kaisersaal des Theater Fauteuil am Spalenberg waren voll besetzt – ein Publikum in Erwartung des Dramas, der Tragödie des fehlenden baukulturellen Verständnisses der Universität Basel. Im unbeabsichtigt grellen Licht der Scheinwerfer eröffnete Moderator Patrick Marcolli die Debatte: „Beginnen wir mit dem Verhör.“

Tatsächlich hatte der Anlass etwas von einem Tribunal. Auf der Anklagebank des Podiums die beiden Vertreter der Universität: Christoph Tschumi als Verwaltungsdirektor und Markus Kreienbühl von der strategischen Immobilienplanung. Letzterer durfte seinen Standpunkt in einer Verteidigungsrede gleich zu Beginn darlegen. Er sprach vom „starken Wachstum“ einerseits und „grossem Kostendruck“ andererseits. Man suche überall Einsparungsmöglichkeiten. Mutmasslich auch bei der Baukultur. Seine Begründung für die Kündigung des Vertrags mit den Architekten Caruso St. John beim Projekt für das neue Departement Biomedizin begründete Kreienbühl damit, dass die „Verhandlungen über Vertragsanpassungen“ nach dem Vorprojekt gescheitert seien. Und: „Es traten Differenzen auf.“

Markus Kreienbühl an der BSA-Debatte zur Baukultur an der Universität Basel © Architektur Basel

Uni-Vertreter Markus Kreienbühl versucht die Wogen zu glätten. Er verspricht: „Das muss ein Einzelfall bleiben.“ © Architektur Basel

Zum Auftakt der darauffolgenden Debatte konfrontierte Marcolli die beiden Vertreter der Uni mit dem schwerwiegenden Vorwurf, sie hätten mit ihrem Verhalten die Architektur-Wettbewerbskultur nachhaltig geschädigt. Der angegriffene Verwaltungsdirektor Tschumi schritt zur Verteidigung. Er wies darauf hin, dass er auf die inhaltlichen Gründe der Trennung mit den Architekten nicht eingehen könne. Es sei ein Stillschweigeabkommen unterzeichnet worden. „Zum Schutz von beiden Seiten“, wie er betonte. Es habe eine „Misstrauenskultur zwischen der Bauherrschaft und den Architekten“ geherrscht, die eine weitere Zusammenarbeit verunmöglicht habe. Er wolle keine Schuldzuweisungen machen. Es seien auf beiden Seiten Fehler passiert. Das Publikum wurde im Unwissen gelassen, welche Fehler gemacht wurden – auf welcher Seite und in welcher Qualität. Am Schluss seines Plädoyers betonte Tschumi, dass dieser tragische Vorfall ein „Einzelfall bleiben“ müsse. Er erntete damit zustimmendes Nicken in den Zuschauerrängen.

BSA-Debatte zur Baukultur an der Universität Basel © Architektur Basel

Meinrad Morger engagiert und enerviert: „Vielleicht ist Ihnen gar nicht bewusst, was Sie da angerichtet haben.“  © Architektur Basel

Der kurzfristig für Stanislaus von Moos eingesprungene Meinrad Morger liess sich von den Beteuerungen der Uni-Verantwortlichen nicht besänftigen. Ganz im Gegenteil. Er vermisse, dass in ihren Voten kein einziges Mal von der „kulturellen Verpflichtung“ der Universität die Rede gewesen sei. Immer ginge es nur um Kosten, Organisation oder Wachstum. „Ich kann Ihnen nicht abnehmen, dass das so passiert ist“, warf er in Bezug auf die angeblich einvernehmliche Trennung der Vertragsparteien ein. Was hier geschehen sei, könne zum „Steilpass für andere“ werden, die in Zukunft bei den ersten Differenzen einen unliebsamen Architekten loswerden möchten. „Das wäre verheerend.“ Und weiter an die Adresse von Tschumi: „Sie dürfen nicht einmal den Einzelfall zulassen.“

Jurist und Präsident der Baurekurskommission Basel-Stadt, Andreas Albrecht, versuchte eine vermittelnde Position einzunehmen. „Als Anwalt kenne ich solche Situationen.“ Er verlagerte die Beweisführung auf die Rolle des Preisgerichts. Im Jurybericht seien diverse Auflagen zu Projektoptimierungen und Kosteneinsparungen gemacht worden. Vielleicht war es unverantwortlich von der Jury, dass die beiden Parteien im Hinblick auf den weiteren Projektprozess nicht besser vorbereitet wurden. Er sprach damit auch den mehrfach kritisierten Punkt der Trennung der Universität Basel vom Hochbau- und Planungsamt im angesprochenen Projekt an. Tschumi konterte: Man wolle als Bauherrschaft die Garantie für die Einhaltung der Funktionalität und der Kosten des Neubaus.

BSA-Debatte zur Baukultur an der Universität Basel © Architektur Basel

Architekt Jean-Pierre Wymann: „Baukultur ist Wettbewerbskultur“ © Architektur Basel

Architekt Jean-Pierre Wymann konstatierte als Vertreter der Wettbewerbskommission des SIA ein „Desaster nicht nur für die Uni“. Baukultur sei immer auch Wettbewerbskultur. „Der Architekturwettbewerb ist ein fragiles Gebilde. Keine andere Berufsgattung nimmt so grosse Anstrengungen in Kauf, um an einen Auftrag zu kommen.“ Die Vertreter der Uni versuchten zu beschwichtigen, dass es bei Bauprojekten „halt manchmal wie in der Ehe“ sei. Dass die Scheidung der letzte Ausweg aus einer verfahrenen Situation darstelle. Meinrad Morger liess das nicht gelten: „Ihre Metapher der Ehe ist schlecht. Man heiratet aus Liebe, nicht aus Vernunft.“ Er könne nach wie vor nicht nachvollziehen, was hier schiefgelaufen sei. „Stillschweigen geht nicht.“ Schliesslich rede man über Steuergelder. „Vielleicht ist Ihnen gar nicht bewusst, was Sie da angerichtet haben.“ Die Universität habe Vorbildcharakter. Spontaner Applaus aus dem Publikum.

Erneut versuchte Albrecht zu vermitteln. Schmunzelnd: „Streitschlichtung gehört zu den Aufgaben eines Advokaten.“ Er verteidigte das Stillschweigeabkommen. Es gehe in diesem Fall auch um Persönlichkeitsschutz. Es sei niemandem gedient, wenn in der Öffentlichkeit gegenseitig Schuldzuweisungen gemacht würden. Man habe hier eine Schlammschlacht verhindern wollen. Es gilt einzuwenden, dass gerade das Stillschweigen den perfekten Nährboden für Spekulationen und Schuldzuweisungen hinter vorgehaltener Hand liefert.

BSA-Debatte zur Baukultur an der Universität Basel © Architektur Basel

Der BSA-Vorsitzende Simon Frommenwiler versuchte die Diskussion in eine konstruktive Richtung zu lenken © Architektur Basel

Der Vorsitzende des BSA Basel Simon Frommenwiler versuchte zum Schluss der engagierten, aber nie gehässigen Debatte den Blick in die Zukunft zu richten. Was passiert nun mit dem vorliegenden Projekt von Caruso St John? Wie und in welcher Form soll es gebaut werden? „Ein neues Team wird herausfinden, wo der Hebel angesetzt wird“, erklärte Kreienbühl vielsagend. Die Generalplaner-Ausschreibung läuft. Der sichtlich enervierte Meinrad Morger brachte die Problematik dieses Vorgehens auf den Punkt: „Sie haben keinen Autor mehr.“ Die Uni bekäme nun einen Dienstleister, der das Projekt zu Ende führe. Damit würde Architektur zur reinen Pflichterfüllung ohne baukulturellen Anspruch. „Wissen Sie, Herzog & de Meuron werden sich nicht bewerben.“ Und auch sonst werde kein Autoren-Architekturbüro dieses Projekt übernehmen wollen. Sein eigenes eingeschlossen.

BSA-Debatte zur Baukultur an der Universität Basel © Architektur Basel

Architekt Matthias Ackermann spricht Klartext © Architektur Basel

Da schnippte es energisch aus der ersten Reihe. Aus dem Publikum trat der bärtige Matthias Ackermann ins Scheinwerferlicht hervor. Er sagte (nebst vielem anderen) einen besonders bemerkenswerten Satz: „Kultur ist Auseinandersetzung!“ Den Mut zur Auseinandersetzung haben die Verantwortlichen der Universität Basel bei der Zusammenarbeit mit Caruso St. John vermissen lassen. An diesem Abend hielten die beiden Herren den geballten Vorwürfen und Anklagepunkten tapfer stand. Und ohne dass ein Urteil gefällt wurde, keimte die Hoffnung, dass diese Debatte der Auftakt hin zu einer neuen Kultur der architektonischen Auseinandersetzung der Universität Basel war.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel


BSA-Debatte zur Baukultur an der Universität Basel © Architektur Basel

Hans -Peter Thür meldet sich zu Wort © Architektur Basel

Randnotiz des Autors:
Bei allen Glückwünschen an die Adresse des BSA zur Durchführung dieser besonders relevanten und wichtigen Debatte sollte ein Punkt nicht unangesprochen bleiben: Während der gesamten, eineinhalbstündigen Veranstaltung kam kein einziges Mal eine Frau zu Wort. Weder aus dem Publikum, noch auf dem Podium. Es wäre dem BSA ans Herz zu legen, im kommenden Jahr eine Debatte zur Frage „Baukultur und Machotum“ zu veranstalten. Oder als Wiedergutmachung ein reines Frauenpodium zu organiseren. Mögliches Thema: „Weshalb gibt es in Basel nach wie vor Architekturbüros*, wo Männer nicht Teilzeit arbeiten dürfen?“ Wie pflegte Christian Gross zu sagen: „Als Aaregig, doch nöd als Kritik, Hakan!“

*Namen der Redaktion bekannt

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