Ein Oktogon für Bubendorf!

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Fast erinnert die Silhouette an ein Krokodil, das lautlos, mit den Augen knapp über Wasser, langsam durch den Fluss gleitet. Unbemerkt ist es die Hintere Frenke hochgeschwommen und hat sich im Zentrum von Bubendorf niedergelassen. Verstecken muss sich die 2017 eröffnete Mehrzweckhalle vom Zürcher Büro Blatter Müller aber ganz und gar nicht.

Mehrzweckhalle, bestehendes Schulhaus und Dorfplatz (genordet) © Blatter Müller, Zürich

Mehrzweckhalle, bestehendes Schulhaus und Dorfplatz (genordet) © Blatter Müller, Zürich

Die Hintere Frenke durchfliesst Bubendorf vergleichsweise kurvenreich, bevor sie beim Restaurant Bad Bubendorf in die Vordere Frenke mündet. Ebenso verhält sich der Dorfkern. Eine gemeinsame städtebauliche Orientierung sucht man vergebens. Diese Anordnung schafft viele schöne Zwischenräume und Sichtbezüge, macht es aber nicht eben einfach, ein neues Gebäude in den bestehenden Kontext zu integrieren. Der Ersatzneubau der Mehrzweckhalle macht das räumliche Verwirrspiel zum Thema und präsentiert sich als gedrücktes Oktogon – was erstaunlich gut funktioniert. Volumetrisch gibt sich der Bau nicht minder anspruchsvoll: Ein mittiger erhöhter Teil wird durch einen Kranz aus Schrägdächern gefasst, wobei sich die Traufhöhe je nach Gebäudeseite verringert oder erhöht. Die achteckige Form bedingt zudem einige feine Kehlen. Die äussere Fassade schliesslich ist eingeschossig und schafft damit den Schnitt zwischen dem mehrstöckigen bestehenden Schulhaus in direkter Nachbarschaft und den umliegenden Einfamilienhäusern. Obschon eher niedrig, ordnet sich die Halle dank ihrer polygonalen Form und Erscheinung nicht unter, konkurrenziert aber auch dem Schulhaus nicht. Die beiden Solitäre gehen gut zusammen.

Zwei Solitäre: Das Schulhaus und die neue Halle © Peter Tillessen

Zwei Solitäre: Das Schulhaus und die neue Halle © Peter Tillessen

Der Dorfplatz vor der Mehrzweckhalle © Peter Tillessen

Der Dorfplatz vor der Mehrzweckhalle © Peter Tillessen

Aller Formspielereien zum Trotz richtet sich die Halle klar zum Dorfplatz aus. Das auskragende Vordach gibt dabei die Richtung an und schafft gleichzeitig einen überdeckten Pausenbereich für die Schule. Es folgt ein ebenso mehreckiger Eingangsbereich im Inneren. Doppeltüren führen ohne Umschweife direkt in die Turnhalle – in konventioneller rechteckiger Form. Die Normmasse von Turnhallen kennen eben keinen Spass. Dies tut der Wirkung aber keinen Abbruch. Seitliche Oblichter bringen über die von aussen gut sichtbare Laterne Tageslicht in die Halle. Eine erhöhte Bühne versteckt sich hinter der östlichen Turnhallenwand.

Über einen umlaufenden Gang werden alle Nebenräume erschlossen © Blatter Müller, Zürich

Über einen umlaufenden Gang werden alle Nebenräume erschlossen © Blatter Müller, Zürich

Die Fassaden sind mit Metall verkleidet © Blatter Müller, Zürich

Die Fassaden sind mit Metall verkleidet © Blatter Müller, Zürich

Die ganzen für eine Mehrzweckhalle nötigen Nebenräume – ansonsten immer etwas dröge und notgedrungen zweckmässig angeordnet – fungieren hier als Knautschzone zwischen orthogonaler Turnhalle und polygonaler Gebäudeform. Böse Zungen würden behaupten, sie füllten wohl einfach die Restfläche auf. Tatsächlich profitieren sie aber vom Spiel mit den Volumina. Durch die Dach- und Fassadenform ergeben sich interessante innenräumliche, durchaus ungewohnte Formen, sowohl im Grundriss, wie auch in vertikaler Betrachtung. Sämtliche Nebenräume, von der Küche über die Material- und Lagerräume bis hin zu den Toiletten, Umkleiden und Duschen, werden über einen umlaufenden Gang erschlossen. Diese, teils über Dachfenster belichtete Schicht macht es möglich, dass die Nebenräume ohne viele Türen von der Halle aus erreichbar sind. Vier Stichgänge führen direkt nach draussen oder dienen der Warenanlieferung.

Dem oktogonalen Volumen wohnt eine rechteckige Halle inne © Peter Tillessen

Dem oktogonalen Volumen wohnt eine rechteckige Halle inne © Peter Tillessen

Oblichter erhellen den Innenraum über die «Laterne» © Peter Tillessen

Oblichter erhellen den Innenraum über die «Laterne» © Peter Tillessen

Farblich gibt sich die Halle zurückhaltend. Weiss dominiert, kontrastiert durch einen angenehm kalten grünen Hallenboden, teils grüne Wände und – in den Nasszellen – grüne keramische Platten. Die farbigen Flächen scheinen, mit Ausnahme des Bodens, der Halle zugewandt. Die äusseren Umschliessungswände sind wieder weiss gehalten. Den Abschluss machen grüne Vorhänge in der Eingangshalle. Die Dachschicht in Sichtholz – in den Nebenräumen als Grobspanplatten ausgeführt – komplettiert die Erscheinung. Technische Installationen werden dabei meist offen geführt.

Blick von der Eingangs- in die Turnhalle © Peter Tillessen

Blick von der Eingangs- in die Turnhalle © Peter Tillessen

Weiss und grün mit sichtbarer Dachkonstruktion © Peter Tillessen

Weiss und grün mit sichtbarer Dachkonstruktion © Peter Tillessen

Anhand der inneren Dachhaut wird zudem klar: Holz soll es sein! Tatsächlich handelt es sich bei der Minergie-zertifizierten Halle konstruktiv um einen Holzbau. Aus nachhaltiger Sicht und im Sinne eines öffentliches Gebäudes äusserst lobenswert. Die Fassaden sind komplett mit Metall verkleidet. Dabei haben sich die Architekt*innen für Stehfalzpaneele entschieden. In den eingezogenen Bereichen werden diese zu Steckfalzprofilen. Diese feine vertikale Rasterung wird in der Eingangshalle mit weisser Oberfläche weiterverwendet, wirkt dort, in Kombination mit einer abgehängten Decke mit eingelassenen Lüftungs- und Lampeninstallationen aber etwas gar klapprig. Das ist etwas schade.

Die Vorhänge sind super, die abgehängte Decke wirkt etwas «klapprig» © Peter Tillessen

Die Vorhänge sind super, die abgehängte Decke wirkt etwas «klapprig» © Peter Tillessen

Girlanden! What does the fox say? © Peter Tillessen

Girlanden! What does the fox say? © Peter Tillessen

Wir verlassen das Gebäude wieder. Inzwischen ist es Abend geworden, doch dunkel ist es nicht; eine feine Girlandenbeleuchtung spannt sich von Eckpunkt zu Eckpunkt über das Dach und verwandelt das Gebäude optisch in ein Festzelt. Ob dies im Sinne der Massnahmen gegen Lichtverschmutzung ist, sei dahingestellt. Was da wohl der Fuchs aus Metall zu sagt? Wir wissen es nicht… Dennoch: Solche Girlanden entdeckt man in jeder zweiten Wettbewerbsvisualisierung. Den Weg in die Wirklichkeit finden sie aber meistens nie. Ausser in Bubendorf.

Gute Nacht Krokodil!

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel


Mehrzweckhalle Bubendorf
Adresse: Hintergasse 18, 4416 Bubendorf
Auftragsart: Wettbewerb 1. Preis mit Präqualifikation und Ausführung
Architektur: Blatter Müller Dipl. Arch. ETH/SIA
Bauleitung: werkpol
Umgebungsgestaltung: Haag Landschaftsarchitektur
Bauherrschaft: Gemeinde Bubendorf
Baujahr: 2017
Funktion: Mehrzweckhalle


Fotos:
– © Peter Tillessen www.archphot.com
Pläne:
– © Blatter Müller Dipl. Arch. ETH/SIA

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