Eine runde Sache – «Wohnhaus W» in Seltisberg

0

Einige Autominuten nach Liestal liegt Seltisberg fast ein wenig versteckt auf einer Anhöhe. Ursprünglich ein typisches Strassendorf, hat sich die Bebauung seit den Achtzigerjahren stetig in die Breite entwickelt. Die heute tausenddreihundert Einwohnerinnen und Einwohner sind vorwiegend in Einfamilienhäusern zuhause. Am Rande der Bauzone am westlichen Dorfausgang nach Lupsingen steht seit diesem Jahr ein neues Haus.

Wohnhaus W, Seltisberg © Kunz und Mösch Architekten GmbH

Situationsplan © Kunz und Mösch Architekten GmbH

Typischerweise bestanden ländliche Bebauungen oftmals aus einem Vorderhaus parallel zur Strasse und einem rückwärtig länglich ins Land reinragenden Anbau begleitend zur Wiese oder dem Garten. Die schmalen von der Strasse abgehenden Parzellen dürften denn auch auf diese Baupolitik zurückgehen. Kunz und Mösch Architekten aus Basel machten sich diesen Umstand zu Nutze und überführten die städtebauliche Eigenheit in einen Grundriss, der sich sehen lässt. Als «schmal» und «lang» darf man das Wohnhaus W mit Abmessungen von 21.5 m × 5.4 m durchaus bezeichnen, ein «Langhaus» im besten Sinne. Über eine Stichstrasse kopfseitig erschlossen nutzt das Gebäude die Qualität der langgezogenen Parzelle, füllt sie aber nicht komplett aus. Der um 90° gedrehte Carport bietet einen überdachten Zugang zum Haus und Platz für ein Fahrzeug. Mitnichten ist der Vorbau damit effizient, schafft aber mit seiner runden Öffnung in Boden und Dach eine Eingangssituation, wie es sie in dieser Form in Seltisberg bestimmt noch nicht gibt.

Ein rundes Ankommen, Wohnhaus W, Seltisberg © Mark Niedermann Photography

Ein rundes Ankommen, Wohnhaus W, Seltisberg © Mark Niedermann Photography

Über eine Eichentür in einer schalungsrohen Sichtbetonwand betritt man das Gebäude. Der schmale, etwas gedrückte Eingang funktioniert zusammen mit dem Caport als Entrée. Schliesst man die Eingangstür, wird der Eingangsbereich mit Garderobe zum schmalen Verteiler und stellt sich gewollt in den Dienst der restlichen Räume. Über eine betonierte Doppelstufe nach unten betritt man das im Vergleich zur Grundfläche des Gebäudes äusserst grosszügige Wohn- und Esszimmer mit Küche.

Der Blick schweift entlang der fast gänzlich geschlossenen östlichen Wand in die Tiefe. Über die komplett geöffnete Nord- und Westfassade fällt das nachmittägliche und abendliche Sonnenlicht auf die rohen Eichendielen am Boden. Einzig die massiven Betonstützen vor den grossen Hebeschiebetüren werfen Schatten in den Raum. Die Küche hält sich dezent zurück. Die Oberflächen der hölzernen Fronten und der betonierten Arbeitsfläche gleichen sich dem Vorhandenen an. Übersehen werden möchte die Küche aber dennoch nicht; ein betonierter Rauchfang über der Arbeitsfläche fängt zwar keinen Rauch, verhilft der Küche aber zur räumlichen Verortung und bildet den Sturz des einzigen Fensters gegen Osten. Beleuchtet wird der Raum über in der Decke eingelassene «Spots» im Retro-Look; hängende Lampen etwa würden den Raum nur unnötig klein erscheinen lassen.

Wohnzimmer EG, Wohnhaus W, Seltisberg © Mark Niedermann Photography

Wohnraum in Eichenholz und Sichtbeton © Mark Niedermann Photography

Zurück im Eingang führen zwei baugleiche, minimale, halbgewendelte Treppen ins Untergeschoss zu Technik- und Kellerräumen und ins Obergeschoss zu den Schlafräumen. Noch die lichtdurchflutete Grosszügigkeit des Wohnzimmers im Hinterkopf, zwingt einen das Obergeschoss zum Umdenken. Erstmal blicken wir in die Tiefe eines schmalen Ganges ohne seitliche Fenster. Die Westwand ist komplett geschlossen. Oblichter und Zimmertüren wechseln sich ab.

Wiederum spielen die Architekten mit unterschiedlich intensiv einfallendem Licht und provozieren geometrische Schatten-Licht-Rhythmen. Der Eichenboden und die betonierte Untersicht der Dachschräge laufen durch. Raumhohe stumpfeinschlagende Blockrahmentüren ohne Sturz unterstützen die Raumabfolge. Im Gegensatz zum Erdgeschoss verfügen die seitlichen Räume je über ein Fenster nach Osten. Die Morgensonne lässt grüssen!

Gang OG, Wohnhaus W, Seltisberg © Mark Niedermann Photography

Gang OG, Wohnhaus W, Seltisberg © Mark Niedermann Photography

Eine komplett rahmenlose Tür am Ende des Ganges führt ins grosse Schlafzimmer. Wer hier allerdings eine Sackgasse erwartet, wird erneut überrascht. Schlafzimmer und Bad bilden über raumhohe Öffnungen eine funktionale Einheit. Kleinteilige, hellblaue Mosaikfliesen markieren den Nassbereich. Der Boden geht türlos über in die Dusche und Toilette. Lavabos und Badewanne stehen aufgesetzt oder auf Füssen im Raum. Warum auch nicht… 

Auch in formaler Hinsicht ist das Haus im Schlafzimmer nicht zu Ende. Ein grosses nach Norden ausgerichtetes rundes Fenster schlägt den Bogen zum horizontalen Rund im Carport und lässt den Betrachter schmunzeln. Obschon nur ein Stockwerk hoch, lässt sich der Ausblick über die unverbaute Wiese sehen. Dies dürfte aufgrund des Raumplanungsgesetztes (hoffentlich) noch lange so bleiben.

Rundfenster OG, Wohnhaus W, Seltisberg © Mark Niedermann Photography

Rundfenster OG, Wohnhaus W, Seltisberg © Mark Niedermann Photography

Es wäre wohl gelogen zu behaupten, das Rundfenster sei in Seltisberg erfunden worden. Wir erinnern uns an die frühen Umbau- und Neubauprojekte von Herzog und de Meuron, insbesondere das Blaue Haus in Oberwil von 1980. Sowohl in Oberwil als auch in Seltisberg dürfte das runde Fenster ohnehin eine vertraute Form sein; die ländliche Architektur kennt diese Maueröffnung zumeist in der Giebelwand schon lange.

Was den oberen Abschluss anbelangt, so haben Herzog und de Meuron auf ein traditionelles Sparrendach mit ordentlichem Vorsprung und ebensolcher Entwässerung über vorgehängte Regenrinnen gesetzt. Kunz und Mösch hingegen interpretierten dies anders. Entgegen der Erwartung – wir erinnern uns an die betonierte Untersicht – überrascht uns von aussen eine zurückversetzte Kupfereindeckung. Momentan wirkt sie noch etwas klinisch, sobald sich aber eine Patina gebildet hat, dürfte sie sehr gut mit dem rohen Betondach des Carports funktionieren, und sich wie das ganze Haus bestens – ganz ohne rurale Anbiederung – in das Dorfgefüge von Seltisberg eingliedern.

Wohnhaus W, Seltisberg © Kunz und Mösch Architekten GmbH

Planübersicht: Wohnhaus W in Seltisberg © Kunz und Mösch Architekten GmbH

Wohnhaus W
Funktion: Einfamilienhaus
Adresse: Hauptstrasse 100, 4411 Seltisberg
Baujahr: 2018
Bauherrschaft: privat
Architektur: Kunz und Mösch Architekten GmbH, Basel


Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Fotos: © Mark Niedermann Photography / www.markniedermann.com
Pläne: Kunz und Mösch Architekten GmbH / www.kunzundmoesch.ch

Teile diesen Beitrag!

Comments are closed.