Projekte
11.02.26
© Architektur Basel
Klangvolle Sprödheit – vom Bürobau zur Musikschule
Reinach hat eine neue Musikschule – und die stand schon da: Ein an architektonischer Sprödheit kaum zu überbietender Bürobau aus den 1980er-Jahren, robust, nüchtern, rationell. Statt ihn abzubrechen, hat Burckhardt Architektur den Bau transformiert. Der Umbau ist abgeschlossen, der Unterricht kann beginnen. Das Projekt zeigt exemplarisch, welches räumliche und kulturelle Potenzial in vermeintlich banalem Bestand steckt.
© Burckhardt Architektur Foto: Beat Bühler
Die Ausgangslage erwies sich als überraschend günstig. Das klare Stützenraster des Tragwerks erlaubte eine freie Neueinteilung der Geschosse, die räumliche Struktur war tragfähig – im wörtlichen wie im architektonisch-räumlichen Sinn. Entsprechend folgte der Entwurf einer einfachen Maxime: möglichst viel erhalten, nur dort eingreifen, wo es nötig ist. Christina Muchsel, Partnerin bei Burckhardt Architektur, formuliert es so: «Unsere Leitlinien waren: Minimaler, selektiver Rückbau und maximaler Einsatz von regenerativen und auch wiederverwendeten Bauteilen.» Tugenden, die man sich auch beim KV am Aeschengraben auch gewünscht hätte…
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Diese Haltung prägt das Haus von aussen wie von innen. Die aluminiumverkleidete Fassade mit ihrem 1980er-Jahre-Charakter blieb bestehen. Sie wurde von Hand gereinigt und neu beschichtet. Der Beton im Inneren wurde gereinigt, geflickt und lasiert – keine Glättung, sondern eine bewusste Weiterführung des Vorhandenen. Auch die originalen Fenster blieben, ergänzt durch eine zweite Ebene aus Holzfenstern als zusätzlicher Schallschutz.
© Burckhardt Architektur Foto: Beat Bühler
Im Inneren setzt sich die Logik des Weiterbauens fort. Abgehängte Decken aus dem Bestand wurden als Akustikwandelemente in Unterrichtsräumen wiederverwendet. Verspiegelte Chromstahl-Deckenelemente, früher funktionale Abhangdecken, erweitern heute im Foyer und im Korridor des Erdgeschosses optisch den engen Raum und erinnern an den ursprünglichen Ausbau. Innentüren wurden so weit wie möglich ertüchtigt und weiterverwendet. Re-Use soll hier kein aufgesetztes Narrativ sein, sondern Best Practice.
© Burckhardt Architektur Foto: Beat Bühler
Das festliche Prunkstück der Musikschule ist der grosse Saal im Erdgeschoss. Er fasst bis zu 90 Personen und steht in deutlichem Kontrast zur spröden Büroarchitektur des Bestands. Eine Lehmsteinwand prägt den Raum, nimmt das Motiv der gerundeten Wand aus dem Grundriss auf und formt eine gefasste Bühnenfläche. Der Saal mit seinen vielen Deckenleuchten wirkt festlich, warm der Holzpflasterboden – und konstruktiv als Raum im Raum ausgebildet. Auch im 1. Obergeschoss kommt dieses Prinzip zum Einsatz, um Musikräume mit starker Schallentwicklung von ruhigeren Bereichen zu trennen.
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Über vier oberirdische Geschosse verteilen sich Übungsräume, Bandräume mit Regiebereichen und schallisolierte «Silent-Räume». Im 2. Obergeschoss liegen die Räume von Lehrpersonal und Schulleitung. Jedes Geschoss erhält eine eigene Farbigkeit, während die linearen Gänge der Obergeschosse bewusst nüchtern gehalten sind. Grautöne dominieren, die Erschliessung tritt zurück. In Nischen und Raumerweiterungen wird der Massstab auf Kinder abgestimmt – mit Rückzugsorten zwischen Unterricht und Pause.
© Burckhardt Architektur Foto: Beat Bühler
Städtebaulich fügt sich das Haus neu ins Quartier ein. Wo früher Lagerhallen anschlossen, liegt heute der Eingang der Musikschule. Eine hinterlüftete Holzfassade akzentuiert den Sockel, eine lange Bank lädt zum Verweilen ein. Ein Bullauge erlaubt Einblicke ins Innere. Teile der Westfassade werden begrünt und binden das Gebäude in das Wohnquartier Hinterkirch ein, das Burckhardt in den letzten Jahren aus einem Industrieareal entwickelt hat. «Uns war wichtig, eine sinnvolle und dem Quartier dienende Nachnutzung zu finden, statt das gut erhaltene Bürogebäude abzubrechen», sagt Philipp Löffel, Projektleiter bei Burckhardt Entwicklungen.
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Mit Anlagekosten (Boden, Gebäude und Umbau) von insgesamt 8,9 Millionen Franken liegt der Umbau bei einem Kubikmeterpreis von knapp 1’500 Franken – und damit auf dem Niveau eines Neubaus auf der grünen Wiese. Besonders wirtschaftlich im engen Sinn ist das Projekt damit nicht. Sein Wert liegt im Erhalt der grauen Energie und in der kulturellen Aufladung des Bestands. Oder, wie Stefan Haller, Geschäftsleiter Technische Verwaltung der Gemeinde Reinach, es formuliert: «Der Zusammenzug der Musikschule schafft Synergien und Mehrwert und sorgt gleichzeitig für zusätzliche Raumkapazitäten in den Primarschulhäusern und Kindergärten.»
Wer sich selbst ein Bild machen will: Am Open House Basel 2026 steht die Musikschule offen. Der Klang ist gut. Zuhören lohnt sich.
Artikel: Lina Landwehr