Projekte 24.09.25

© Flurina Kühne

Ein Pavillon als Spiel von Leere und Masse

Sie diente einst als Lagerregal für Schrauben. Die verzinkte Stahlkonstruktion fand sich diesen Sommer unverhofft in Langenbruck wieder. Am diesjährigen Epikur Festival entstand aus dem ehemaligen Regal ein besonderer Pavillon. Für die architektonische Umsetzung war Pius Rümmler verantwortlich: "Der Pavillon spielte mit konzeptionellen Gegensätzlichkeiten." Wir haben mit ihm über die Entstehung und Umsetzung gesprochen. Architektur Basel: Beginnen wir am Anfang. Wie kam es überhaupt dazu, dass Du am diesjährigen Epikur Festival einen Pavillon entwerfen und bauen durftest? Pius Rümmler: "Ich habe das Glück, mit einer der Organisator:innen des Festivals zusammen zu wohnen und eng befreundet zu sein. Letzten Winter waren wir zusammen in den Ferien und haben dort angefangen zu träumen, wie wir im kreativen zusammenarbeiten könnten, aus diesem Austausch hat sich die Idee herauskristallisiert, einen Pavillon für diesen Anlass zu realisieren. Grundsätzlich ist das Festival sehr offen und niederschwellig gestaltet, dass kreativ schaffende Menschen aus jeglichen Disziplinen in diesem Rahmen etwas schaffen und präsentieren können."

Grundriss © Pius Rümmler

Wie würdest Du das architektonische Konzept des Pavillons zusammenfassen? "Der Pavillon spielte mit konzeptionellen Gegensätzlichkeiten auf drei Ebenen: der Nutzung, der Form und des Materials. All das in Form eines engen Gangs zwischen zwei stählernen Wänden, die in der Mittagssonne schillernd, in der idyllischen Landschaft von Langenbruck standen."

Axonometrie Nacht © Pius Rümmler

Der enge Gang ist tatsächlich besonders. Was für einen Raum wolltest Du damit schaffen? "Durch den Tag bot der Zwischenraum er Schatten und diente als Rückzugsort für Kontemplation und Beruhigung. Nach Sonnenuntergang erleuchteten zwei Laternen, illustriert von Stefanie Herrmann, den Pavillon und somit hob sich der helle Lichtraum von der umliegenden Natur ab und wurde zum belebten Begegnungsort. Gleichzeitig spielte er auch mit Masse und Leere. Von aussen wurde er als zwei massive Wände wahrgenommen, beim Betreten löste sich diese Masse plötzlich in ihre filigranen Einzelteile auf, fast wie das Skelett in einem Körper."

© Flurina Kühne

Ein spannendes Zusammenspiel von Masse und Leere. "Zudem behandelte der Pavillon auch die Thematik von alt und neu. Die Struktur der beiden Wände bestand aus einem bestehenden Errex-Regalsystem, welches wir aus der ehemaligen Koch-Lagerhalle am Voltaplatz erwerben konnten. Alten Rohstoffen wurde für eine kurze Zeit ein neuer, für diese Elemente bisher fremder Nutzen gegeben. Nach dem Festival wurde der Pavillon wieder in seine Einzelteile zerlegt und heute erfüllt das Regal im Lager des Festivalkollektivs wieder seine alte Funktion." Welche Referenzen haben Dich dabei inspiriert? "Während des Entwurfs habe ich mich von formähnlichen Räumen stark inspirieren lassen. Ich finde die langen, hohen Gänge im Schweizer Pavillon an der Expo 2000 in Hannover von Peter Zumthor in ihrer räumlichen Atmosphäre und mit seinen Proportionen sehr gelungen. Die Modeshow der Sommerkollektion 1990 von Maison Margiela hat in der Nutzungskonzipierung meinen Prozess geleitet. Die Kollektion wurde als Gegenbewegung zum Mode-Etablissement, nicht wie sonst üblich, in einem sterilen, exklusiven Umfeld präsentiert, sondern auf der Strasse in einem Vorort von Paris. Die Models liefen durch den Zwischenraum zwei lebendiger Reihen von Schulkindern aus der Gegend, Reporter:innen und Modebegeisterten - alle zusammengewürfelt ohne Sitzordnung. Eine solche Spontanität und Lebhaftigkeit war das Ziel des Pavillons."

Urbane Mine: Regal für Schrauben

Der Pavillon leistet auch einen Betrag zum Thema ReUse. Wie wurdest Du auf die Mine aufmerksam? "Sehr früh im Prozess wurde klar, dass wir nebst unserer politischen Einstellung auch aus finanziellen Gründen mit ReUse-Rohstoffen arbeiten mussten. Ich bin online über verschiedene Vermittlungsplattformen von ReUse Elementen auf die Suche nach einem passenden Material für die Struktur gegangen. Zu diesem Zeitpunkt war der Entwurf noch sehr offen und Flexibel. Über die Webseite von Salza bin ich auf das Regal an der Hüningerstrasse gestossen. Rückgebaut haben wir das Regal selbst, was sich etwas schwieriger erwies als erwartet. Die Baustellennetze, aus denen die Laternen gestaltet wurden, fanden wir im Offcut am Dreispitz, mit dem das Festival für Materialwiederverwendung zusammenarbeitet." Welche Herausforderungen brachte das ReUse im Entwurf und der Umsetzung mit sich? "Ich würde gar nicht unbedingt von Herausforderungen sprechen. Selbstverständlich ist nicht alles mit jedem Material möglich, aber die klare Entscheidung, mit einem vordefinierten ReUse Element zu arbeiten ergab in diesem Projekt gute Rahmenbedingungen für den Entwurf. Es gab mir schon sehr früh im Entwurfsprozess die Möglichkeit, mich in Studien innerhalb der vorgegebenen Konstruktion zu vertiefen und die Atmosphäre in den Vordergrund zu stellen. Was diesbezüglich natürlich geholfen hat, war die Freiheit von Nutzungsvorgaben und Baureglementen, was weniger Flexibilität im Bau mit ReUse Ressourcen erlaubt."

© Pius Rümmler

Der Pavillon schafft einen Raum des Rückzugs, fast schon der Intimität. Wie wurde er von den Festivalbesucher:innen angenommen? "Zu Beginn des Festivals waren viele Besuchende unsicher, was für eine Funktion dieses Gebilde hat. Im Laufe des viertätigen Festivals wurde der Pavillon von immer mehr Menschen als solcher entdeckt und schliesslich oft aufgesucht und genutzt als einladender Rückzugsort. Die schimmernden Stahlkuben ergaben ein spannendes Pendant zu den anderen räumlichen Strukturen auf dem Gelände, die hauptsächlich aus textilen Stoffen bestanden. In diesem fremdartigen Körper wurde sich anders aufgehalten als in den restlichen Räumen des Festivals. Die Besucher:innen haben im Pavillon primär Rückzug gesucht und gedämpftere und auch ernstere Gespräche geführt, untereinander in kleinen Gruppen aber auch in spontanen Begegnungen."

© Pius Rümmler

Was nimmst du vom Pavillon mit für künftige architektonische Projekte? "Die Freude an einem so freien Projekt zu arbeiten. Es war sehr erfrischend und lehrreich mit Kreativschaffenden anderer Felder so eng zusammenzuarbeiten und deren Sichtweise auf Raum mitzunehmen. Dank geht an alle Mitwirkenden von der Materialbeschaffung über die Montage bis zum Abbau. Auch die Inszenierung von künstlichem Licht und die damit verbundene Umwandlung eines Raums war für mich ein faszinierender Prozess. Ich bin sehr motiviert auch zukünftig an solchen Projekten zu arbeiten, welche die Grenze zwischen Architektur, Kunst und Szenografie verwischen. Die Freiheiten in diesem Massstab und Kontext gefallen mir sehr."

Projektinfos

Adresse: Schöntalstrasse 9, 4438 Langenbruck Bauherrin: Epikur Festival 2025 Architektur: Pius Rümmler Illustration Laterne: Stefanie Herrmann Bauleitung: Linus Mohr Fotos: Flurina Kühne, Pius Rümmler

© Flurina Kühne