Projekte 03.06.26

EMI’s erster «Straich» in Basel

Die Zürcher Wohnbauspezialist:innen bauen ihr erstes Werk in der Rheinstadt und zeigen, wie Wohnlichkeit entsteht wenn Holzbau und feine Details zusammenkommen.

An diesem Frühlingssamstag herrscht kurz nach dem Mittag reges Treiben; draussen wird Kaffee getrunken, Kinder spielen vergnügt. In den letzten Jahren entstand auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs der Deutschen Bahn das Erlenmattquartier. In den Nullerjahren bekannt als nt-Areal, der berühmt-berüchtigte und urbanste Treffpunkt von Basel, wo sich die Jugend die Nächte um die Ohren schlug. An die Zeit der lauten Beats erinnert kaum noch etwas. Unter der Leitung der Stiftung Habitat wurde im Osten des Areals nach den Grundprinzipien der Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit auf der Industriebrache ein neues Wohnquartier erschaffen. Rund um den grossen freien Park, der nun ebenfalls fertiggestellt ist, reihen sich grossmassstäbliche Baublöcke. Der städtebauliche Massstab bleibt für Basel fremd und erinnert an verdichtete Aglomerationsorte wie Neu Oerlikon. Grundfläche und Gebäudehöhe sind vom Bebauungsplan aus dem Jahre 2002 vorgeschrieben, so auch in diesem Fall - der Städtebau des Bausteins 12 war für die Teilnehmer:innen des Studienauftrags verbindlich.

Kontrastreiche Fassade - opake Felder aus karbonisierten Holzschindeln und helle, gesprosste Fenster und Balkontürme prägen das Erscheinungsbild im Wechsel © Roland Bernath

Konsequenter Holzbau

Bei der ersten Zwischenbesprechung im Studienauftrag schlug das siegreiche Team um EMI Architekt*innen in Zusammenarbeit mit dem Ingenieur Joseph Schwarz noch ein Re-Use-Projekt mit Pilzstützen und Deckenfelder aus Beton vor. Aufgrund der Rückmeldung der Bauherrschaft, die sich zu jener Zeit mit dem aufwändigen Rückbau des Weinlagers konfrontiert sah, haben EMI*Architektinnen auf einen konsequent durchgearbeiteten Holzbau mit Fachwerkaussteifungen umgestellt und konnten so sowohl die Jury als auch die Bauherrschaft überzeugen.Der Grundriss wird durch ein hölzernes Skelett mit vier Tragachsen und Unterzügen in Längsrichtung gegliedert. Die prägenden Gabelstützen sorgen dafür, dass die Lastabtragung direkt von Stütze auf Stütze geschieht. Auf den Unterzügen liegen Brettstapeldecken. Die Aussteifung ist nicht mit Hilfe des Treppenhauskerns gelöst, sondern als Teil des Holzbaus. Bei den geschlossenen Feldern der Fassade wurden dafür imposante Holzfachwerkträger integriert. Aussen prägen schwarz karbonisierte Holzschindeln diese opaken Felder. Im Kontrast dazu gibt's dazwischen gesprosste, helle Fenster mit Aluminiumverkleidung. So entsteht ein Wechselspiel von warm, weich und matt mit kalt, hart und glänzend.

Die Aussteifung wird mittels imposanten Fachwerkträger in der Fassade gewährleistet © Barbara Bühler

Da die Stiftung in den Vorgängerbauten auf dem Areal schon ein grosses Angebot an Gemeinschaftsräumen geschaffen hat, war das Programm an sozialen Räumen für den Baustein 12 bescheiden. Damit das Haus eine Adresse und gemeinschaftlichen Ort erhält, wurden die beiden Treppenhäuser im Erdgeschoss mit einer Velohalle verbunden. Ausgeräumt bietet sie die Möglichkeit für ein Hausfest, so dass auch beim Baustein 12 die Beats für einen Abend auf das Areal zurückkehren können.

Die Velohalle bindet die beiden Treppenhäuser zusammen und bietet Raum für Begegnungen und sozialen Austausch © Roland Bernath

Parallelen zu einer Basler Wohnikone

Sowohl die Grundrisstypologie als auch die Balkontürme, die ursprünglich als Wintergärten gedacht waren und die quadratischen Fensterformate erinnern an Diener & Diener's Hammer 1. Dank den guten und prägnanten Grundrissen stand Hammer 1 schon öfters Pate. In diesem Fall wurden die Hallenwohnungen gekonnt in die Holzbauweise übersetzt und an die heutigen Bedürfnisse angepasst. Dass zugleich auch die Architektursprache an Hammer 1 erinnert, zeigt, dass gewisse Ausprägungen der Postmoderne wieder ihre Gültigkeit haben.

Vier Grosswohnungen werden pro Geschoss über zwei Treppenhäuser erschlossen, die zentrale Wohnhalle prägt die Grundrisstypologie © EMI Architekt*innen

Gesucht waren Familienwohnungen mit vielen Zimmer. Diese gruppieren sich um die innere, zentrale Halle, die Zimmertüren ermöglichen diagonale Durchsichten und lassen die Wohnungen grosszügig erscheinen. Die Raumfolge Küche-Essen-Wohnen, die bei vielen Durchwohn-Typen angewendet wird, ist hier kein nüchterner, langgestreckter Raum, sondern wird durch die Unterzüge und das Erweitern der Halle in Querrichtung gekonnt zoniert.

Für die raumtrennenden Innenwände suchten die Architekt:innen nach einem leicht wirkenden Motiv, das eher den Charakter eines Vorhangs annimmt. Mit geknickten Holzständerwänden, die so mit leicht hellgrau getünchten Gipsplatten beplankt sind, dass die Ständer im Knick sichtbar bleiben, gelingt dieser Effekt. Das leichte Grau überrascht positiv, es macht die Wände weich und den Kontrast zum Holz fein. Da jeweils in den Zimmern nur eine Wand genickt ist, dürfte auch die Möblierbarkeit keine grosse Herausforderung darstellen. Gespannt warten wir auf Erfahrungswerte der neuen Bewohnerschaft.

Konsequenter Holzbau mit Gabelstützen, Unterzügen und Brettstapeldecken © EMI Architekt*innen

Wenn es heimelig wird

Auch im Inneren prägt die Holzbauweise die Wohnungen. Die Architekt:innen sprechen von «beinahe alpinem Wohnen», und dies in Basel, weit weg von der Bergwelt. Zu der Fichte gesellt sich die Eiche. In konsequenterweise sind alle schwerbelasteten Elemente wie Boden, Sockel und Griffe im harten Holz – und laden geradezu zum Anfassen und Gebrauch ein. Die Brettstapeldecke wirkt am Ende auch in Kombination mit dem Parkett rustikal – an dieser Stelle hätte eine entmaterialisierende Oberfläche gut getan, sei es mit einem harten Gussboden oder einer Lasur der Decke.

Das Innenfenster trennt den Eingangsbereich räumlich und schafft gleichzeitig einen Sichtbezug und Grosszügigkeit © Roland Bernath

Details für den Alltag

Auch aus den durch die Systemtrennung bedingten Aufputzleitungen wurde eine gestalterische Qualität entwickelt. Anders als üblich ist die Grundbeleuchtung mit schlichten Wandleuchten schon bereitgestellt. Die Decken sind frei von Installationen. Steckdosen in Deckennähe gewährleisten einen einfachen Anschluss für eine Pendelleuchte. Im Treppenhaus wachsen die schwarzen Leitungen in floraler Manier aus dem Boden. Sorgfältig in die Fugen gesetzte Klemmen wirken wie Blätter und lassen aus Leitungen und Leuchten beinahe Kunst am Bau entstehen. Die Freude am Entwurf ist dem Haus anzumerken: Alles ist sorgfältig durchdacht – vom Innenfenster zwischen Küche und Eingang bis hin zu den Stangen für die Abtrocknungstücher aussen am Küchenfenster. Die Entwerfenden bieten Hand für Details, die den Wohnalltag vereinfachen und ästhetisch überzeugen. Die Erfahrungswerte, aus denen EMI Arhitekt*innen im Wohnungsbau schöpfen können, sind im ganzen Haus spürbar.

Nun ist beim Baustein 12 alles bereit, dass das Leben einzieht. Auf weitere «Straiche» der Zürcher:innen sind wir in Basel gespannt.

Text: Christina Leibundgut, Architektur Basel


Wohnhaus Baustein 12, Erlenmatt Ost, 2022-2026
Goldbachweg 20/22, 4058 Basel

– Auftrag: Wettbewerb 2022
– Bauherrschaft: Stiftung Habitat, Basel
– Architektur: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekt*innen AG
– Landschaftsarchitekt: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekt*innen, Zürich
– Ingenieur: wlw Bauingenieure AG, Zürich
– Holzbauingenieur, Bauphysik: Pirmin Jung Schweiz AG, Sursee
– HLS-Planer: Bogenschütz AG, Basel
– Elektroplaner: Schäfer Partner AG, Lenzburg
– Geschossfläche: 3250 m2