© Federico Farinatti
Die Poesie des Einfachen – Schiebetürenpavillon von Piertzovanis Toews
Architektur beginnt nicht immer auf Skizzenpapier. In Nuglar-St. Pantaleon war es der offene Brief einer Gruppe Jugendlicher an den Gemeinderat. Ihr Anliegen war unmissverständlich: ein Ort, an dem sie sich treffen konnten, ohne immer wieder an Nutzungskonflikten mit der Nachbarschaft zu scheitern. Das Resultat: Ein besonderer Pavillon aus der Feder von Piertzovanis Toews.
Situationsplan © Piertzovanis Toews
Der Brief entfaltete seine Wirkung. Der Gemeinderat lud unter Federführung von Architektin Lilitt Bollinger mehrere Architekturbüros zur Vorstellung ein. Für die Baukultur im Ort ist Bollinger die entscheidende Figur: Sie rückte Nuglar mit dem Umbau des Alten Weinlagers auf die architektonische Landkarte. Die Ausstrahlung war gross. 2022 erhielt sie dafür den Architekturpreis des Kantons Solothurn. Neben ihrer Arbeit als Architektin engagiert Bollinger sich auch politisch. Als Gemeinderätin setzte sie wichtige Impulse, wie die Realisierung des Pavillons. Aus dem offenen Brief entstand eine Arbeitsgruppe aus Jugendlichen, Gemeinde, Bevölkerung und Planenden. In einem gemeinsamen Prozess verdichtete sich die Idee zu einem kleinen Pavillon auf der Breitenrüti – eingebettet in die Landschaft und bewusst einfach gedacht. Nicht als abgeschlossenes Gebäude, sondern als wettergeschützter Freiraum.
© Federico Farinatti
Der Entwurf stammt vom Piertzovanis Toews aus Basel. Ihr Pavillon erzählt von der Poesie des Einfachen. Schlichte Bauteile entfalten ihre Wirkung durch ihre präzise Fügung. Bereits der Trittstein am Eingang – man könnze von einem Fumi-ishi sprechen – erinnert an die Sorgfalt traditioneller japanischer Architektur, wo selbst der Übergang zum Gebäude Teil der räumlichen Inszenierung wird. Ein leichtes Holzskelett, knapp über der Wiese schwebend, wird von einem feinen Farbkonzept getragen: Die in hellem Mintgrün gestrichene Holzkonstruktion setzt einen zurückhaltenden Kontrast zu den warmen Grün- und Brauntönen der Umgebung, während rosafarbene Netzvorhänge dem Innenraum eine überraschende Tiefe verleihen.
© Federico Farinatti
Das zentrale Element bilden die Schiebetüren. Je sieben Elemente auf beiden Längsseiten gleiten in vier Ebenen. Sie bestehen aus transluzentem Plexiglas. Die Türen öffnen und schliessen den Pavillon nicht nur, sondern verändern seinen Charakter. Je nach Anordnung entstehen ein geschützter Aufenthaltsraum, eine offene Bühne, ein Konzertpavillon oder ein kleines Theater. Das gefilterte Licht zeichnet dabei wechselnde Muster auf Boden und Konstruktion und macht die Bewegung der Elemente unmittelbar erfahrbar.
Grundriss © Piertzovanis Toews
Auch konstruktive Details tragen zur besonderen Atmosphäre bei. Das schräg abgeschnittene Dachblech erzeugt entlang der Dachkante ein feines Ornament – ein unscheinbarer Eingriff, der dem Gebäude überraschende Präzision verleiht. Es sind solche zurückhaltenden Momente, aus denen der Pavillon, bei aller Bescheidenheit, seine Kraft schöpft.
© Federico Farinatti
Bemerkenswert ist auch der Weg zu seiner Realisierung. Die finanziellen Mittel waren begrenzt. Letztlich kostete der Pavillon bescheidene 78'000 Franken. Dank begrenzter Mittel wurde das Projekt zu einem Gemeinschaftswerk. Unternehmen spendeten Materialien oder gewährten Vergünstigungen, Handwerksbetriebe arbeiteten teilweise unentgeltlich, Jugendliche und Dorfbewohner strichen Holzteile und fertigten in Workshops die steckbaren Hocker selbst. Auch ökologisch folgt der Bau dem Prinzip der Angemessenheit. Holz aus einem nahegelegenen Wald, wiederverwendetes Trapezblech und Vorhänge sowie rückbaubare Schraubfundamente minimieren den Eingriff in die Landschaft. Der Pavillon könnte eines Tages verschwinden, ohne physische Spuren zu hinterlassen. Er bleibt in Bewegung.
© Federico Farinatti
Der «Schiebetürenpavillon» ist weit mehr als ein Jugendtreff. Er zeigt, wie aus politischer Eigeninitiative, kollektivem Engagement und architektonischer Sorgfalt ein Ort entstehen kann, dessen Wirkung weit über seine bescheidene Grösse hinausreicht. Baukultur im besten Wortsinn. Man kann alle Beteiligten nur gratulieren – und sich insgeheim merken: Manchmal lohnt es sich, einen Brief zu schreiben.
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel