Gemeindezentrum Muttenz, Grundriss Erdgeschoss © werk, bauen + wohnen 002 1971
Einwurf von Harry Gugger zur Umnutzung Mittenza: "Architektur muss den Freiraum in Wert setzen"
Gemeindezentrum Muttenz, Platzgestaltung © werk, bauen + wohnen 002 1971
Gemeindezentrum Muttenz, Rolf Keller Architekten © werk, bauen + wohnen 002 1971
Heutige Eingangssituation Kongresszentrum
Aktueller Zustand der Kolonnade
Heutiger Blick Richtung Gemeindeverwaltung
Grundriss Erdgeschoss © Harry Gugger Studio
Neuer Eingang zum Saalfoyer © Harry Gugger Studio
Baumbestandene Terrasse am Café © Harry Gugger Studio
«Es ist Reichlin, Reinhart und mir aufgefallen, daß in den Erklärungen der Architekten von Bauformen, welche vorgefunden wurden, von Dachformen und Materialien die Rede war, aber eigentlich nie von Dorfstruktur, ……. Durch das neue Zentrum und vor allem den Platz wird die Begrenzung der Straßenräume empfindlich gestört, indem plötzlich nicht nur eine Hausbreite diese Begrenzung bildet, sondern eine zusätzliche Raumschicht mit öffentlicher Nutzung, welche als strukturfremdes Element die bestehende Dorfstruktur angreift, …. Das ist ein Eingriff in die Dorfstruktur, was nichts zu tun hat mit Bauformen, sondern mit Gesellschaftsformen, aus welchen dieses Dorf herausgewachsen ist, mit einer klaren Trennung der verschiedenen Bereiche. Es stellt sich die Frage: Was ist wichtiger, die Dorfstruktur oder die Bauformen? Auf die Bauformen wird eingegangen, nicht aber auf die Dorfstruktur.»
Bruno Reichlin machte seinerseits im Gespräch folgende prägnanten Aussagen:
«Wir meinen nicht, daß man Muttenz an diese neue Entwicklung (Umwandlung wertvoller Siedlungsbilder) preisgeben muß. Man gibt es aber preis, wenn man eine Dorfstruktur als Folge neuer, durch die kapitalistische Gesellschaft geschaffener Verhältnisse umfunktioniert und diesen Sachverhalt gleichzeitig verschleiern will, indem man das Problem erstens auf bauliche Merkmale reduziert und diese zweitens aus dem bestehenden Dorfbild übernimmt. ….. Wir sehen eine Zweideutigkeit in der Lösung, die gewählt wurde. Wenn man den Dorfplan anschaut, merkt man sogleich, daß hier etwas passiert, das neu ist. Und dann, wenn man vor dem Bau steht, sieht man, daß das Problem «Bauen im historischen Dorfkern» auf der Ebene der architektonischen Elemente gestellt wurde und nicht auf der Ebene der städtebaulichen Relevanz.»
In der im Werk 11/1971 publizierten Zuschrift von Alfred Wyss und Peter Zumthor finden sich letztlich noch die folgenden Feststellungen:«Der Ort der Begegnung ist die Gasse, in welcher der ehemalige Platz nur eine Ausweitung bedeutete. Heute ist die öffentliche Zone zu einer zweiten Raumschicht ausgeweitet: ein tiefer Eingriff in die Dorfstruktur, den der Versuch einer formalen Einfügung der Baukörper nicht heilen kann; der Platz am Hauptgelenk bei der Kirche ist verloren. Der neue Raum ist kein Ersatz - er ist im wesentlichen Durchgang und wir vermuten und hoffen für die Zukunft- Kaffeeterrasse.»
Diesen Abschnitt hat bereits Christina Leibundgut in ihrem Artikel zitiert. Die folgenden heftigen Aussagen aber leider nicht bedacht.«In der Anlage also widerspricht das Gemeindehaus der Dorfstruktur: Die Pflege der Siedlungsstruktur ist aber Voraussetzung jeder Siedlungspflege, jeder Erhaltung eines Dorfkernes. Diese Überlegungen sind nicht Ableitungen aus dem Grundrißplan, sondern sie erfassen das räumliche Erlebnis, und wir schreiben das Unbehagen, das man hier empfindet, dieser Durchbrechung des alten Platzes zur Erweiterung der öffentlichen Zone in eine zweite Schicht, ….. zu. …. Das Gemeindehaus hält sich weder in der Struktur noch in der Bauweise an dieses Maß (der Massstab der bestehenden, gemauerten und geschlossenen Baukörper). Als neues Zentrum im Dorf durchbricht es die Dorfanlage, als strahlungsfähige Architektur bedroht es den überlieferten Baukörper. So müssen wir dieses Beispiel, bei welchem die Architekten voll guten Willens und mit Sorgfalt eine Einfügung versucht haben, als nicht gelungen betrachten.»
Es zeigt sich, dass Christina Leibundgut in ihrem Artikel der Sache nicht entschieden genug auf den Zahn fühlt. So zum Beispiel, wenn sie schreibt: «Die Bevölkerung identifiziert sich mit der Anlage, die der Gemeinde 1983 den Wakkerpreis für seinen Umgang mit dem historischen Dorfkern einbrachte.». Für den Erhalt des Dorfkernes entscheidend war der im Jahr 1965 von der Gemeindeversammlung gutgeheissene Teilzonenplan Ortskern der die rechtlichen Voraussetzungen für die Erhaltung und Belebung des Dorfzentrums und somit die spätere Auszeichnung durch den Wakkerpreis schaffte. Für die Teilnehmer des Studienauftrags zeigt sich der mangelnde Tiefgang am Umstand, dass der Artikel die Diskussion der einzelnen Beiträge den Projektbeschrieben aus dem Jurybericht überlässt. Wir sind überzeugt, dass Christina Leibundgut zu einem entschiedeneren Urteil gefunden hätte, wenn sie sich den verschiedenen Projekten vertieft gewidmet hätte. Wir meinen aber zu lesen, dass wir uns im Wesen unserer Kritiken einig sind. Nur sehen wir die eventuell notwendige Nachbesserung des Projektes von Buol & Zünd weniger bei Küche, Restaurant oder den Untergeschossen, sondern vielmehr in der Hinwendung zu einer umsichtigen, lebenswerten und klimagerechten Freiraumgestaltung welche die Mittenza endlich im Dorfkern zu verankern mag. Basel, 7. März. 2023 Harry Gugger für HGS LtdKasten mit den Gesprächsteilnehmern des im Werk 4/1971 abgedruckten Gesprächs vom 9. Januar 1971: Architekten Rolf Keller und Fritz Schwarz, Bauverwalter von Muttenz, Max Thalmann, die Redaktoren des werk, Lucius Burckhardt und Diego Peverelli, mit den folgenden Fachleuten: Gilles Barbey SIA, Geneve Hans-Peter Baur BSA, Basel Heini Baur BSA, Basel Wolfgang Behles BSA, Zürich Othmar Birkner, Architekt und Denkmalpfleger, Oberwil Werner Blaser, Architekt, Basel Georg Büchi, stud. arch. ETH-Z Lukas Dietschy, stud. arch. ETH-Z Jacques Gubler, Kunsthistoriker, Lausanne Andreas Herczog, stud. arch. ETH-Z Prof. Dr. Antonio Hernandez, Kunsthistoriker, TU Stuttgart Dr. H. R. Heyer, Denkmalpfleger, Liestal Prof. Dr. Paul Hofer, Kunsthistoriker ETH-Z Philippe Joye, Architekt, Geneve Manuel Pauli BSA, Zürich Hanspeter Rebsamen, Kunsthistoriker, Zürich Bruno Reichlin, Assistent ETH-Z Fabio Reinhart, Assistent ETH-Z Martin Steinmann, Assistent ETH-Z