Architektur Basel im Gespräch mit Emanuel Christ © Armin Schärer / Architektur Basel
Emanuel Christ: „Das ist ein wunder Punkt bei uns Architekten“ – Monatsinterview #2
Sind Architekten die besseren Politiker? In der Legislative sind sie auf jeden Fall kaum vertreten. Ob Architektur denn überhaupt als politische Disziplin zu verstehen sei, wollen wir von Emanuel Christ im zweiten Teil des Monatsintervies wissen. Er findet: "Jedes Projekt ist ein konkreter Vorschlag zur Realität von Morgen." Ein Gespräch über Demokratie, öffentliche Kritik, Parteipolitik und das Meret Oppenheim-Hochhaus.
Lukas Gruntz (Architektur Basel): Inwiefern ist Architektur eine politische Disziplin?
Emanuel Christ: “Da sie mit der Polis, also der Stadt, zu tun hat, ist Architektur per se politisch. Das predigen wir auch unseren Studierenden. Jedes Projekt ist ein politischer Akt. Ein Haus richtet sich immer an die Gesellschaft, ist immer ein Statement, wie wir das Leben gestalten wollen. Jedes Projekt ist ein konkreter Vorschlag zur Realität von Morgen. Architektur ist somit hochpolitisch. Daraus folgt die Frage, wer die Politik der Architektur bestimmt. Sind wir das? Oder inwiefern erfüllen wir die Vorstellungen und Wünsche von Bauträgern, Investoren und Behörden?”
"Das ist ein wunder Punkt bei uns Architekten. Es gibt tausend Ausreden aber keine Entschuldigung. Natürlich haben wir politischen Einfluss als Bürger und über unsere Praxis. Dafür kämpfen wir jeden Tag. Aber natürlich stimmt es, dass die Leitlinien unsere Gesellschaft von der Legislative, dem Parlament, bestimmt werden."
Ich bin dezidiert der Meinung, dass wir die Rahmenbedingungen aktiv mitbestimmen sollten. Insbesondere, weil Architektur an der Schnittstelle zwischen Technik und Kultur steht, wir uns als Generalisten verstehen. Es doch ist eine essentielle Fähigkeit für das politische Handeln, dass man die Komplexität und Vielschichtigkeit einer Fragestellung erkennt und entsprechend abwägen kann. Da drängt sich die Frage auf, wieso kaum Architektinnen und Architekten im Grossen Rat oder Nationalrat vertreten sind? Könntest du dir vorstellen, jemals für ein politisches Amt zu kandidieren?
“Das ist ein wunder Punkt bei uns Architekten. Es gibt tausend Ausreden aber keine Entschuldigung. Natürlich haben wir politischen Einfluss als Bürger und über unsere Praxis. Dafür kämpfen wir jeden Tag. Aber natürlich stimmt es, dass die Leitlinien unsere Gesellschaft von der Legislative, dem Parlament, bestimmt werden. Dass da – etwas provokativ formuliert – fast nur Staatsangestellte sitzen, die sehr nahe an der Verwaltung sind, und Architekten und Planer kaum vertreten sind, ist ein Problem. Sollte ich jetzt also im Grossen Rat sein, anstatt mit dir zu sprechen? Ich habe die Ausrede, dass ich in der Lehre an der ETH stark engagiert bin. Wir verstehen das als Beitrag zur politischen Erziehung durch das Medium der Architektur. Das ist eine grosse Aufgabe, die daneben rein zeitlich kein politisches Engagement zulässt. Ich habe mich auch schon zur Bemerkung hinreissen lassen, dass ich dann im nächsten Lebensabschnitt parteipolitisch aktiv werde, wobei ja eigentlich vor allem die junge Generation in die Politik gehen sollte. Bist du selbst im Grossen Rat?”
Nein, das bin ich nicht. Aber zumindest parteipolitisch aktiv bei der SP.
“Siehst du! Ich bin nicht einmal in einer Partei.”
"Und vielleicht sorgt diese Konkurrenz manchmal auch für Opportunismus. Wenn jede und jeder für sich selbst schauen muss, macht man auch mal das, was gerade opportun ist und ordnet die eigenen Ansprüche dem ökonomischen Erfolg unter. Man muss das Geschäft schliesslich am Laufen halten.”
Andererseits könnte man sich auch über einen Berufsverband, wie den BSA, gemeinsam organisieren und sich in dieser Form stärker in die Politik einbringen. Leider passiert das in meiner Wahrnehmung kaum. Bei Abstimmungen bleibt die Architektenschaft meist vornehm im Hintergrund – und der BSA beschränkt sich auf eine karge Medienmitteilung, wie das beispielsweise bei der Abstimmung über das Areal Volta Nord geschehen ist. Wieso kommt da nicht mehr? Ist das als ein Zeichen von politischem Desinteresse zu werten?
“Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich finde, dass wir Architekten durch die Verbände durchaus aktiv sind. Aber man kann immer noch mehr machen. Wir sind halt alle sehr eingebunden. Und vor allem arbeiten wir in einem hochkompetitiven Umfeld. Und vielleicht sorgt diese Konkurrenz manchmal auch für Opportunismus. Wenn jede und jeder für sich selbst schauen muss, macht man auch mal das, was gerade opportun ist – und ordnet die eigenen Ansprüche dem ökonomischen Erfolg unter. Man muss das Geschäft schliesslich am Laufen halten.”
Architektur Basel im Gespräch mit Emanuel Christ © Armin Schärer / Architektur Basel
Nochmals zurück zum BSA. Wieso bringt er sich politisch nicht stärker ein?
“Wir sind alle sehr stark mit uns selber beschäftigt. Ein Verband, der zum richtigen Zeitpunkt mit einer geeinten, dezidierten Stimme auftritt, entspricht nicht unserer Berufs- und Lebensrealität. Ich möchte dir jedoch entgegenhalten, dass der BSA in meiner Wahrnehmung viel aktiver und besser kommuniziert, als auch schon. Das heisst nicht, dass es ausreichend und genügend ist. Beispielsweise im Fall der Stadtbildkommission. Wenn der SIA und BSA da noch dezidierter aufgetreten wären und noch mehr mobilisiert hätten, wäre die Entmachtung vielleicht zu verhindern gewesen. Uns fehlen da im Grossen Rat ein paar gewichtige Stimmen aus Planung und Architektur. Was machen wir mit dieser Situation? Wir Architekten müssen vermehrt in die Politik gehen.”
Ein anderes Thema, das mich stört, ist das Fehlen einer lebendigen und kontroversen Architekturdebatte. Es wird von Architektenseite kaum über Bauwerke in der Öffentlichkeit gestritten. Es gibt kaum Widerspruch. Der Wettstreit der Ideen ist in der Politik und unserer direktdemokratischen Kultur ja eigentlich Gang und Gäbe. Wieso gibt es keine öffentliche Debatten zwischen ArchitektInnen?
“Dass wir uns mit Samthandschuhen anfassen, ist manchmal tatsächlich ein Problem. Christoph und ich haben uns immer wieder exponiert und in Zeitungen entsprechende Kommentare für oder gegen gewisse Entwicklungen geschrieben. Da gab es dann immer postwendend die entsprechenden Reaktionen. Nehmen wir das Klybeck: Wenn man da einen Anspruch an die städtebauliche und architektonische Qualitätssicherung anmeldet, fühlt sich schnell jemand auf den Schlips getreten. Davor haben wir keine Angst. Letztlich sind wir als Einzelstimmen aber zu wenig einflussreich. ”
"Natürlich kannst du jetzt sagen, dass es in Anbetracht der grossen Themen wie beispielsweise dem Klimawandel sekundär sei, ob du dich jetzt als Klassizisten oder Modernisten verstehst, ob du die direkte Beziehung von Form und Typus durch alle Böden verteidigst und dich damit gegen eine Position der Bricolage oder der postmodernen Collage abgrenzt. Da geht es um die Architektur im eigentliche Sinne."
Architektur Basel im Gespräch mit Emanuel Christ © Armin Schärer / Architektur Basel
Und deshalb findet heute kaum eine architektonische Debatte statt?
“Vielleicht. Was uns abhandengekommen ist, den architektonischen Diskurs im Inneren zu führen, dass wir uns architekturtheoretisch positionieren. Natürlich kannst du jetzt sagen, dass es in Anbetracht der grossen Themen wie beispielsweise dem Klimawandel sekundär sei, ob du dich jetzt als Klassizisten oder Modernisten verstehst, ob du die direkte Beziehung von Form und Typus durch alle Böden verteidigst und dich damit gegen eine Position der Bricolage oder der postmodernen Collage abgrenzt. Da geht es um die Architektur im eigentliche Sinne. Die Generationen vor uns waren im Bezug auf ihre architektonische Position oftmals klarer und vor allem viel expliziter. Sie waren in der Lage, sich inhaltlich abzugrenzen, und konnten zueinander sagen: “Ich mag dich als Person und Kollegen. Inhaltlich kann ich dich aber nicht ausstehen.” Diese inhaltliche Abgrenzung ist wichtig, wenn man verstehen will, wo die eigene Position ist und wohin die Reise führen soll. Heute ist der Diskurs oft ziemlich diffus, und es fehlen profilierte Positionen.”
Wenn wir jetzt als konkretes Beispiel das Meret Oppenheim-Hochhaus nehmen, das in der breiten Bevölkerung stark polarisiert. Wäre es nicht möglich an Hand von diesem konkreten Bauwerk eine öffentliche Debatte zu führen? Es gibt ja sicherlich gute Gründe und Argumente für die Form und Gestalt.
“Ich bin auf jeden Fall bereit, öffentlich über Architektur zu diskutieren. Es sollte jedoch keine Unterhaltungsshow werden. Wenn dann einer kommt, der einfach sagt, dass das Meret Oppenheim-Hochhaus grausam und hässlich sei, trägt das nichts zur Debatte bei. Solche Schaukämpfe zur öffentlichen Belustigung bringen nichts.”
"Es erreicht eine überdurchschnittliche Präsenz, die nicht nur mit seiner Höhe zu tun hat. Woran liegt das? Da kann man über Massstab und Komposition von Körpern sprechen. Und über die grosse Öffnung im Volumen. Sie formt eine Art Physiognomie und gibt dem Haus ein Gesicht. Es ist vielleicht ein etwas morbides Gesicht. Denn sein Mund ist stumm. Ein Art Totem. Aber eben sehr ausdrucksstark."
Meret Oppenheim Hochhaus © Architektur Basel
Was wäre demnach anzustreben?
“Eine fundierte öffentliche Debatte. Ich persönlich finde das Meret Oppenheim-Hochhaus hochinteressant. Es hat eine Gestalt, die einige, wie man immer wieder hört, als geradezu bedrohlich empfinden. Gerade deshalb finde ich es aber spannend. Es ist übrigens viel spannender als der danebenstehende Südpark mit den pixelartigen Lochfenstern. Es erreicht eine überdurchschnittliche Präsenz, die nicht nur mit seiner Höhe zu tun hat. Woran liegt das? Da kann man über Massstab und Komposition von Körpern sprechen. Und über die grosse Öffnung im Volumen. Sie formt eine Art Physiognomie und gibt dem Haus ein Gesicht. Es ist vielleicht ein etwas morbides Gesicht. Denn sein Mund ist stumm. Ein Art Totem. Aber eben sehr ausdrucksstark. Über solche Dinge kann man sprechen, unabhängig davon, ob es gefällt oder nicht. Beim MOH wird ein beträchtlicher Aufwand betrieben, mit den primären Mitteln von Körper und Komposition eine explizite Gestalt zu erreichen. Während das Hochhaus auf dem Baloise Park beispielsweise die Gestaltung eher auf der Ebene des Details sucht. Und da sieht man auch, wie vergleichsweise anfällig ein solcher Entwurf ist, wenn er unter den schonungslosen Druck des renditegetriebenen Bauens kommt.”
Ist dir Kritik unangenehm?
“Es gehört zu unserem Beruf, dass wir die Meinung und Kritik anderer aushalten müssen. Auch wir mussten uns schon vieles anhören, beispielsweise beim Landesmuseum in Zürich. Kritik ist intellektuell notwendig und bringt uns weiter. Emotional ist es aber ehrlich gesagt nie besonders angenehm, wenn Dir jemand sagt, dass er Deine Arbeit nicht gut findet. Vielleicht sind wir deshalb auch so zurückhaltend mit der Kritik unter Kollegen.
"Das ist das Dilemma: Wir leisten nur dann einen echten Beitrag, wenn wir unsere Ideen auch tatsächlich realisieren. Wenn wir allerdings zu viele Kompromisse eingehen, haben wir zwar etwas gebaut, aber es ist nicht gut genug. Und wenn wir umgekehrt gar keine Kompromisse machen, bauen wir am Schluss gar nicht."
Architektur Basel im Gespräch mit Emanuel Christ © Armin Schärer / Architektur Basel
Hängt das nicht auch mit der von dir erwähnten Konkurrenzsituation zusammen? Dass man sich nicht auch noch diskursiv konkurrenzieren möchte?
“Bis zu einem gewissen Punkt leben wir Architekten in einer Art Schicksalsgemeinschaft. Und wir haben ein Peer-Reviewing-System. Das heisst, wir hängen von einander ab. Wenn sich Kolleginnen und Kollegen gegenseitig beurteilen, ist man entsprechend vorsichtig miteinander."
Hat das vielleicht mit unserer gutschweizerischen Zurückhaltung zu tun?
“Vielleicht. Aber wie gesagt hat es auch damit zu tun, dass wir uns als freischaffende Architekten zwingend in grosse Abhängigkeiten begeben. Wenn wir im Büro von einem wichtigen Projekt abhängen, dann äussern wir uns im Kontext dieses Projekts womöglich vorsichtig und nehmen auch gewisse Kompromisse in Kauf. Ich spreche jetzt nicht nur für Christ & Gantenbein, sondern allgemein von uns als Architektenschaft. Wir leben von unseren Projekten, materiell und emotional. Die Frage ist immer, was auf dem Spiel steht. Und trotzdem haben wir alle auch schon Projekte aufgegeben, frustriert hingeschmissen oder gesagt: Bis hierher und nicht weiter, auch wenn es schmerzhaft war. Das ist das Dilemma: Wir leisten nur dann einen echten Beitrag, wenn wir unsere Ideen auch tatsächlich realisieren. Wenn wir allerdings zu viele Kompromisse eingehen, haben wir zwar etwas gebaut, aber es ist nicht gut genug. Und wenn wir umgekehrt gar keine Kompromisse machen, bauen wir am Schluss gar nicht. Architekt ist ein sehr realpolitischer Beruf.”
Sind wir dadurch auch stärker angreifbar?
“Es gibt unterschiedliche Phasen: Am Anfang eines Entwurfs ist der Architekt frei. Alles ist möglich – zumindest theoretisch. Diese Freiheit währt jeweils solange, bis sich der Entwurf konkretiesiert und die inhaltlichen Positionen bezogen sind. Von da an habe ich inhaltlich etwas zu verlieren. Das Projekt ist exponiert, und damit werde auch ich in gewisser Weise angreifbar.“
Und dennoch gab es in der Geschichte Figuren wie Hans Bernoulli, der viel gebaut, eine klare Position vertreten und sich politisch stark exponiert hat.
“Klar. Bernoulli hat eine sehr radikale und mutige Theorie zum Umgang mit dem Boden und dem Verhältnis des Grundeigentümers zum Staat vertreten. Er hatte damals eine visionäre Position formuliert, sich sehr stark exponiert und ja mitunter deshalb die Professur an der ETH verloren. Das hat schon etwas Heroisches. Da bin ich noch nicht ganz so weit, aber mal schauen, wie sich die Zukunft gestaltet. Man weiss nie (lacht). Wir alle haben eine Schmerzgrenze und tiefe Überzeugungen. Aber, dass jemand wegen seiner fachlichen Meinung entlassen wird, ist heute wohl eher unwahrscheinlich. Da hat sich die Diskussion sehr starkt auf andere Gebiete verlagert. Aber es ist tatsächlich interessant zu fragen, wer der Bernoulli von heute ist?”
Architektur Basel im Gespräch mit Emanuel Christ © Armin Schärer / Architektur Basel
Ich sehe ihn beispielsweise in der Person von Barbara Buser, die inhaltlich extrem konsequent und stringent ihre Themen verfolgt.
“Da bin ich mit dir einverstanden. Sie vertritt eine sehr aktuelle und glaubwürdige Position. Das stimmt. Aber vielleicht fehlt dennoch etwas der architektonische Anspruch.”
Am vergangenen Podium im S AM mit jungen Basler Architekturbüros wurde die These aufgestellt, dass in Basel - im Unterschied zu Zürich - eine relativ heterogene Architekturszene besteht. Die meisten Architekturbüros würden ihr eigenes Süppchen kochen. Wie nimmst du das wahr?
“Ich kann das offen gestanden zu wenig beurteilen. Ich bin nicht sicher, ob das zutrifft. In Zürich ist die ETH sicher prägend - und vielleicht auch für eine gewisse Homogenität verantwortlich. In Basel sind die jungen Büros eher Spin-Offs der grossen Büros. Da gibt es ganz unterschiedliche Prägungen.”
Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel
Teil 1 > Emanuel Christ: „Unsere westliche Gesellschaft basiert auf der Idee des Wachstums“