«Groundwork» oder die Suche nach einer anderen Architektur
Die aktuelle Ausstellung «Groundwork» im S AM bewegt sich in einem Spannungsfeld, das derzeit viele Architekturdebatten prägt: Wie kann Architektur unter Bedingungen ökologischer und sozialer Krisen überhaupt noch handeln, ohne sich in der Produktion weiterer Bilder und Gebäude zu erschöpfen? Das Schweizerische Architekturmuseum übernimmt mit der Übernahme der gleichnamigen Ausstellung des Canadian Centre for Architecture (CCA) aus Montreal ein Format, das sich bewusst gegen klassische Architekturausstellungen stellt. Nicht das fertige Objekt steht im Mittelpunkt, sondern der Prozess, das Gespräch, der Zweifel, die Recherche. Architektur erscheint hier weniger als Disziplin der Formgebung denn als Praxis des Zuhörens.
Blick in die aktuelle Ausstellung im S AM "Groundwork" © Laurence Ziegler
Schon beim Betreten der Ausstellung wird deutlich, dass «Groundwork» keinen schnellen Konsum ermöglichen will. Die Räume des Architekturmuseums verwandeln sich in eine filmische Landschaft. Drei Dokumentarfilme strukturieren die Ausstellung entlang dreier geografisch weit auseinanderliegender Kontexte: die Insel Meizhou in China mit Xu Tiantian und DnA_Design and Architecture, Berlin mit dem Kollektiv bplus.xyz und HouseEurope!, sowie Minas Gerais in Brasilien mit Carla Juaçaba. Was diese Positionen verbindet, ist weniger eine gemeinsame Ästhetik als eine gemeinsame Haltung. Architektur wird nicht als autonome Disziplin verstanden, sondern als Eingriff in fragile ökologische, politische und soziale Systeme.
Die erste Ausstellung unter dem neuen Direktor Adam Szymczyk © Laurence Ziegler
Gerade darin liegt die Stärke der Ausstellung und zugleich ihre Schwierigkeit: «Groundwork» entzieht sich konsequent jener Bildsprache, die Architekturausstellungen oft dominiert: spektakuläre Modelle, ikonische Renderings, makellose Fotografien. Stattdessen sieht man Menschen beim Gehen, Zuhören, Diskutieren. Man hört Gespräche über Fischerei, Gesetzgebung oder Landwirtschaft. Architektur wird hier beinahe unsichtbar. Das ist zunächst irritierend. Denn die Ausstellung fordert vom Publikum eine Geduld, die man im gegenwärtigen Ausstellungsbetrieb kaum mehr gewohnt ist. Wer nur nach architektonischen Formen sucht, wird möglicherweise enttäuscht. Wer bereit ist, Architektur als kulturelle und politische Praxis zu lesen, entdeckt hingegen eine bemerkenswerte Verschiebung.
Architektur als politische Praxis? © Laurence Ziegler
Besonders eindrücklich gelingt dies im Kapitel über Xu Tiantian. Ihre Arbeit auf der Insel Meizhou wird nicht als heroischer Masterplan inszeniert, sondern als präzise Form architektonischer Akupunktur. Kleine Eingriffe reagieren auf bestehende ökologische und soziale Kreisläufe. Architektur erscheint dabei weniger als Neubau denn als Reparatur. Der Film beobachtet Xu Tiantian bei Gesprächen mit Fischer:innen, Meeresbiolog:innen und Bewohner:innen. Interessant ist dabei weniger das spätere Resultat als die Art, wie Wissen gesammelt wird. Der Entwurf entsteht aus Beobachtung statt aus Behauptung. In einer Zeit, in der Architektur oft durch Geschwindigkeit, Wettbewerb und Sichtbarkeit geprägt ist, wirkt diese Langsamkeit fast radikal.
Filmstill aus "Into The Island" © CCA
Auch der zweite Teil mit bplus.xyz gehört zu den stärksten Momenten der Ausstellung. Das Berliner Kollektiv verschiebt Architektur konsequent in den Bereich der Gesetzgebung. HouseEurope! wird als Versuch gezeigt, politische Instrumente selbst als architektonisches Material zu begreifen. Der Kampf gegen Abriss und spekulativen Neubau wird hier nicht über Formfragen geführt, sondern über rechtliche Rahmenbedingungen. Gerade in Basel entfaltet dieser Teil eine besondere Resonanz. Die Diskussion um Bestandserhalt, graue Energie und Nachverdichtung ist längst zentral geworden. Doch während vielerorts weiterhin über «nachhaltige» Neubauten gesprochen wird, formuliert «Groundwork» eine unangenehme Gegenfrage: Was, wenn die nachhaltigste Architektur jene ist, die gar nicht neu gebaut wird?
Filmstill aus "To Build Law" © CCA
Dennoch bleibt eine gewisse Ambivalenz. Die Ausstellung bewegt sich permanent an der Grenze zwischen kritischer Reflexion und ästhetischer Überhöhung. Die Filme sind atmosphärisch dicht, beinahe meditativ. Lange Einstellungen, langsame Bewegungen, präzise komponierte Bilder. Das erzeugt eine starke Präsenz, birgt aber auch die Gefahr einer Romantisierung. Die sozialen und ökologischen Konflikte, von denen die Ausstellung spricht, erscheinen stellenweise fast zu poetisch.
Man fragt sich gelegentlich, ob die filmische Schönheit die politische Härte der Themen nicht auch entschärft. Gerade deshalb wirkt der Ausstellungstitel «Groundwork» so treffend. Er beschreibt nicht nur die Arbeit am Boden oder am Fundament, sondern auch eine vorbereitende Arbeit des Denkens. Die Ausstellung zeigt Architektur in einem Zustand der Vorläufigkeit. Ideen bleiben offen, Prozesse unabgeschlossen. Vielleicht liegt genau darin ihre wichtigste Aussage. In einer Gegenwart, in der Architektur oft nach schnellen Lösungen, klaren Bildern und sofortiger Wirkung verlangt wird, plädiert «Groundwork» für etwas anderes: für Unsicherheit, Recherche und langfristige Verantwortung.
Das S AM knüpft damit an eine Reihe jüngerer Ausstellungen an, die Architektur nicht mehr allein als Objektkultur verstehen, sondern als gesellschaftliche Praxis. «Groundwork» untersucht die Bedingungen, unter denen Architektur überhaupt entstehen kann. Das Museum wird dadurch weniger zum Schaufenster fertiger Projekte als zu einem Raum des Nachdenkens. Genau darin liegt die Relevanz dieser Ausstellung, auch wenn sie sich bewusst gegen einfache Zugänglichkeit sperrt. Vielleicht ist «Groundwork» gerade deshalb eine der wichtigeren Architekturausstellungen der letzten Jahre in Basel. Nicht weil sie Antworten liefert, sondern weil sie die Frage neu formuliert, was Architektur heute eigentlich leisten kann – oder leisten sollte.
Filmstill aus "With an Acre" © CCA