Farbe als Raumerlebnis – Verner Panton im Vitra Schaudepot
Im Vitra Schaudepot in Weil am Rhein scheint der Boden stellenweise weich zu werden. Farben ziehen sich als abgestufte Landschaften durch den Raum, Formen wölben sich zu Höhlen, Sitzlandschaften und Rückzugsorten. Die Ausstellung "Verner Panton. Form, Farbe, Raum" widmet sich nicht nur den bekannten Entwürfen des dänischen Designers, sondern vor allem seiner Vorstellung davon, wie Räume auf Menschen wirken können.
Schon als Kind habe er davon geträumt, mit Kissen und Stoffen eigene Räume zu bauen, erzählte Verner Panton einst. Ein Gedanke, der sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung zieht. Denn Panton verstand Gestaltung nicht als blosses Objektdesign, sondern als atmosphärische Komposition aus Farbe, Licht, Material und Bewegung. Räume sollten nicht nur funktionieren, sie sollten Stimmungen erzeugen.
Heute ist Panton vor allem für Ikonen wie den Panton Chair, den Cone Chair oder die Flowerpot-Leuchte bekannt. Doch die Ausstellung macht deutlich, dass sein Werk weit über einzelne Möbel hinausgeht. Sie zeigt einen Gestalter, der den Raum als Ganzes dachte und dessen Arbeiten stets um dieselbe Frage kreisen: Wie verändert Gestaltung das menschliche Empfinden im Raum?
Dabei beginnt Pantons Laufbahn zunächst scheinbar in der Tradition des skandinavischen Designs. Nach dem Architekturstudium an der Kunstakademie in Kopenhagen arbeitete er Anfang der 1950er Jahre im Büro von Arne Jacobsen. Doch bereits früh begann er, sich von der reduzierten Formensprache des nordischen Modernismus zu lösen. Während viele seiner Zeitgenossen auf Zurückhaltung und handwerkliche Präzision setzten, suchte Panton nach emotionaleren, experimentelleren Räumen.
Seine Möbel wurden plastischer, farbiger und spielerischer. Gleichzeitig blieb der Umgang mit Form erstaunlich präzise. Gerade darin liegt die besondere Spannung seiner Arbeiten: Trotz aller Radikalität wirken sie nie beliebig. Der berühmte Cone Chair erscheint beinahe wie eine geometrische Studie, während der gemeinsam mit Vitra entwickelte Panton Chair technische Innovation mit skulpturaler Klarheit verbindet. Als erster freischwingender Kunststoffstuhl aus einem Stück wurde er 1967 zu einer gestalterischen und industriellen Sensation.
Die Ausstellung folgt Pantons Entwicklung chronologisch und zeigt, wie konsequent er seine Themen über Jahrzehnte hinweg weiterverfolgte. Früh entstehen erste Rauminszenierungen, später immersive Interieurs, modulare Möbelsysteme, textile Experimente und visionäre Architekturkonzepte. Dabei wird sichtbar, wie eng für Panton Möbel, Farbe, Licht und Architektur miteinander verbunden waren. Kein Objekt existiert isoliert, alles ist Teil einer räumlichen Gesamtstimmung.
Besonders eindrücklich zeigt sich dies in der rekonstruierten Fantasy Landscape von 1970. Die begehbare Installation entstand ursprünglich für die Ausstellung Visiona II und gilt heute als eines der radikalsten Raumexperimente der Designgeschichte. Statt klassischer Möbel entsteht hier eine künstliche Topografie aus organischen Formen und leuchtenden Farben. Sitzflächen gehen in Wände über, textile Oberflächen erzeugen körperliche Nähe, der Raum verliert seine klare Ordnung. Man sitzt nicht mehr auf einem Möbel, man befindet sich in einer Landschaft.
Gerade heute wirkt diese Arbeit erstaunlich aktuell. In einer Gegenwart, die vielerorts von Effizienz, Optimierung und funktionaler Nüchternheit geprägt ist, erscheinen Pantons Räume beinahe als Gegenentwurf. Sie erlauben Rückzug und Spiel zugleich. Seine Interieurs wollen nicht rational erklären, sondern unmittelbar erfahren werden.
Gleichzeitig tragen sie den Optimismus ihrer Zeit in sich. Pantons Arbeiten entstehen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Epoche technologischer Euphorie, neuer Materialien und gesellschaftlicher Aufbruchsstimmung. Kunststoffe, modulare Systeme und industrielle Produktion wurden damals nicht nur als technische Mittel verstanden, sondern als Werkzeuge für neue Lebensformen. Panton glaubte an die Möglichkeit, den Alltag durch Gestaltung grundlegend verändern zu können.
Dabei zeigt die Ausstellung auch eine weniger bekannte Seite Pantons: jene des Architekten und Visionärs. Für ihn waren Architektur und Interieur untrennbar miteinander verbunden. Gestaltung sollte vom Objekt bis zur Stadt als zusammenhängendes System gedacht werden. In Entwürfen für modulare Wohnsysteme, urbane Strukturen oder neue Formen des Zusammenlebens entwickelte Panton in den 1960er und 1970er Jahren visionäre Zukunftsbilder.
Zu sehen sind Projekte für einen dänischen Stadtteil mit gemischter Nutzungsstruktur, Studien zur Stadtentwicklung von Karlsruhe und seine Entwurfskizzen für den Wettbewerb des Centre Pompidou in Paris. Viele dieser Entwürfe blieben unrealisiert, da kaum ein Bauherr bereit war, Pantons Ideen im urbanen Massstab umzusetzen. Dennoch besitzen die Zeichnungen und Modelle eine bemerkenswerte Aktualität. Fragen nach Verdichtung, flexiblen Wohnformen oder modularen Strukturen beschäftigen uns noch heute, wenn auch meist in deutlich nüchternerer Form.
Dass Pantons Visionen oft auf dem Papier blieben, scheint rückblickend beinahe folgerichtig. Seine Entwürfe verlangten nicht nur technische Innovation, sondern auch gesellschaftlichen Mut. Sie wollten bestehende Wohnvorstellungen nicht optimieren, sondern grundlegend neu denken. Realisiert wurden hingegen temporäre Architekturen wie das Kugelhaus in Kopenhagen oder das pyramidenförmige Plastikhus. Auch hier verstand Panton Architektur weniger als statisches Objekt denn als räumliche Erfahrung. Licht, Farbe, Material und Geometrie sollten immersive Umgebungen erzeugen, die emotional auf den Menschen reagieren.
Der Bezug zur Region Basel zieht sich dabei still durch Pantons Biografie. 1963 zog er nach Basel und arbeitete gemeinsam mit Willi und Rolf Fehlbaum an der Entwicklung des Panton Chair. Später lebte er in Binningen und entwickelte unter anderem ein Farbkonzept für die Parkhaus-Passage des Universitätsspitals Basel. Die Schweiz wurde für ihn nicht nur Produktionsstandort, sondern auch Experimentierfeld.
Die Ausstellung im Vitra Schaudepot profitiert dabei sichtbar vom umfangreichen Panton-Archiv des Museums. Es ist auch das erste Mal seit der Eröffnung des Vitra Design Museum, dass es eine zweite Ausstellung zum Werk eines Designschaffenden gibt. Möbel, Prototypen, Zeitschriften, Fotografien und Zeichnungen erlauben einen differenzierten Blick auf sein Werk und zeigen auch Entwurfsprozesse, die sonst oft im Hintergrund bleiben. Gerade die zahlreichen Skizzen machen deutlich, wie systematisch Panton arbeitete. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit seiner Räume steht eine präzise gestalterische Kontrolle.
Vielleicht liegt genau darin die anhaltende Faszination seiner Arbeiten. Viele seiner Zukunftsvisionen wirken heute nostalgisch, manche beinahe naiv. Und doch besitzen sie eine Offenheit und Experimentierfreude, die gegenwärtigen Debatten oft fehlt. Panton dachte Räume nie vorsichtig. Seine Entwürfe wollten nicht gefallen, sondern neue Möglichkeiten des Lebens imaginieren.
Die Ausstellung im Vitra Schaudepot macht Pantons Gestaltungswillen eindrücklich erfahrbar. Sie zeigt einen Designer und Architekten, der Farbe nicht als Dekoration verstand, sondern als räumliches Werkzeug. Und der überzeugt war, dass Gestaltung Einfluss darauf hat, wie Menschen fühlen, leben und miteinander in Beziehung treten. Vielleicht wirken Pantons Räume deshalb auch hundert Jahre nach seiner Geburt ungebrochen intensiv: Weil sie gestaltet wurden, um erlebt zu werden. Der Besuch im Schaudepot lohnt sich.
Text: Laurence Ziegler / Architektur Basel