Viel Asphalt und das halb verdeckte Bernoullianum.
Handel mit den städtischen Freiräumen - Ein Geben und Nehmen am Beispiel des Neubaus für den Sonderbestand beim Bernoullianum
Der Freiraum ist ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste, Bestandteil einer Stadt. Mit der zunehmenden Verdichtung verschwinden informelle Aufenthaltsorte zunehmend. Im Gegenzug werden bislang monofunktional genutzte Orte – zum Beispiel Verkehrsflächen – transformiert und neu multifunktional bespielt. Mögliche Kombinationen sind Aufenthaltsräume, Erschliessungsflächen und Parkplätze. Genau ein solcher Austausch von Nutzungen soll im Zusammenhang mit dem Neubau für den Sonderbestand der Universitätsbibliothek Basel stattfinden. Wir haben darauf einen kritischen Blick geworfen.
Auf der heutigen Hebelschanze wachsen einige grosskronige Ahornarten. Der Ort lädt aber bisher nicht besonders zum Verweilen ein.
Bereits im Vorwort des Juryberichts wird die Bedeutung der Sammlung deutlich gemacht. Der Sonderbestand „repräsentiert nicht nur das schriftliche Kulturerbe Basels, sondern ist von internationalem Rang und für die Kulturgeschichte der Menschheit von grösster Bedeutung.“ Aus diesem und weiteren Gründen muss die Hebelschanze dem Neubau des Archivs weichen. Im Gegenzug wurde ausgehandelt, dass der Vorplatz des Bernoullianums anstelle einer Verkehrsfläche zu einem verbindenden Aufenthaltsort umgestaltet wird. Ebenso sollen die umliegenden Strassen und Plätze aufgewertet werden, um Lebendigkeit und Biodiversität zu fördern. Was heisst das konkret? Wir werfen einen Blick auf die Freiraumgestaltung des Siegerprojekts von Vogt Landschaftsarchitekten in Zusammenarbeit mit Diener & Diener Architekten.
Eine zweispurige Fahrbahn trennt das Bernoullianum von der UB. Die beiden niedrigen Zedern nehmen viel Platz ein und versperren den Blick auf die Fassade.
Stadtgarten vor Bernoullianum © Diener & Diener Architekten
Der Situationsplan mit den neuen vielfältigen Freiräumen um das Bernoullianum
Eine mutige Geste ist die Fällung der beiden Libanonzedern – diese ist jedoch notwendig, um eine einladende Ankunftssituation zu schaffen und den Stadtgarten möglichst grosszügig zu gestalten. Durch historische Referenzen wird aufgezeigt, dass sich dieser Ort schon immer gewandelt hat. Insgesamt werden mehr Bäume gepflanzt als gefällt, wobei die ausgewählten Arten einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität leisten, da sie einheimischen Lebewesen die notwendige Nahrung bieten.
Die wenig ansprechende Strassenschlucht wird zu einem Heckenkabinett und trifft an der neugestalteten Kreuzung auf die Rosskastanienallee.
Mit dem Neubau entfällt auf der Hebelschanze der vielfältige Ahornbestand. Dafür wird entlang der Schönbeinstrasse ein „Heckenkabinett“ angepflanzt. Die Gestaltung dieses Strassenzugs umfasst klimaangepasste Ahornarten in unterschiedlichen Wuchsformen, zum Beispiel Heckenkörper, Mehrstämmer und Hochstämmer. Am unteren Ende der Schönbeinstrasse ist ein Square vorgesehen – eine Aufwertung des bestehenden Platzes, der die Eingangssituation zum Verwaltungsgebäude des Unispitals bildet. Dies wird zu einem informellen Ort des Aufenthalts.
Dieser Vorplatz soll zu einem Square, „einer Kippfigur zwischen Quartierpark und Quartierplatz“, aufgewertet werden.
Eine gewisse Ähnlichkeit zur Elisabethenanlage – ebenfalls von Vogt gestaltet – ist bereits anhand der Visualisierung erkennbar. Weitere dort etablierte Elemente sollen auch in diesem Projekt zur Gestaltung beitragen. Eine Kritik, die auch aus dem Jurybericht hervorgeht, betrifft die fehlende Abschirmung zur Schönbeinstrasse bei der Universitätsbibliothek. Dennoch: Insgesamt überzeugt das Freiraumkonzept durch seine Qualität, sich harmonisch in das bestehende Stadtbild zu integrieren und trotz des Verlustes eines öffentlichen Raums mehrere neue attraktive Aufenthaltsorte zu schaffen.
Text: Martin Zwahlen / Architektur Basel