Heuwaage-Hochhaus: Kritischer Blick auf die weiteren Wettbewerbsbeiträge

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Vor einer Woche liess die die Basellandschaftliche Pensionskasse (BLPK) als Eigentümerin der Parzelle des Hochhauses (erbaut 1955) an der Heuwaage die Katze aus dem Sack: Da das bestehende Heuwaage-Hochhaus „den heutigen Anforderungen bezüglich Wohnkomfort, Ökologie, Erdbebensicherheit und Brandschutz“ nicht mehr genügt, soll ein Neubau her. Da zudem im näheren Umfeld der Heuwaage verschiedene markante Projekte, wie der Neubau des Ozeaniums, die Reorganisation des Verkehrsknotenpunkts unter dem Viadukt mit Kreisverkehr sowie die Aufwertung des Birsig-Parkplatzes anstehen, scheint die Zeit für eine städtebauliche Neuinterpretation reif. Für die Planung des Ersatzbaus wurde ein Studienauftrag mit sechs teilnehmenden Architektenbüros durchgeführt. Nachdem wir den siegreichen Beitrag von Miller & Maranta bereits ausführlich diskutiert haben, wollen wir euch die weiteren fünf Projekte vorstellen.

Buchner Bründler (Basel): Zwischen Radikalität und Sprödheit
Der Entwurf von Buchner Bründler überzeugt vor allem auf der Ebene des Grundrisses: Die Basler Architekten entwickeln ein extrem robustes und gleichzeitig flexibles Trag- und Erschliessungssystem, das eine effiziente Büronutzung genauso wie gut geschnittene Wohnungstypologien zulässt. Die Radikalität des Entwurfs liegt darin, dass das in äusserster Konsequenz gedachte innere System schonungslos an die Fassade tritt. Wollten die Architekten damit absichtlich an die funktionalistische Ästhetik des bestehenden Hochhauses aus den 50er-Jahren anknüpfen? Die Jury geht davon aus: „Die pragmatische und doch elegante Architektursprache entspricht der Sprödheit des Ortes, wie auch der sich teilweise im Inventar befindenden Bauten der 50-iger Jahre, die die Nachbarschaft charakterisiert.“ Bei allem Respekt für die Konsequenz und Radikalität des Entwurfs bleibt es fraglich, ob die (durchaus sympathische) „Sprödheit“ der Heuwaage gesteigert werden sollte.

Deon Architekten (Luzern): Die Angst vor dem grossen Wurf
Das auf polygonaler Grundfläche nach oben abgetreppte Volumen des Hochhauses von Deon Architekten versucht sich möglich selbstverständlich in den Ort einzuschreiben. Durch die geknickten Fassaden wird eine allzu massive Erscheinung des Hochhauses verhindert. Der hexagonale Grundriss der Wohngeschosse wird als Sechsspänner organisiert. Eine ökonomische Lösung, wobei die Wohnungen nur bedingt zu überzeugen wissen: „Die Wohnungen sind radial um den mittigen Kern angeordnet. Einige erreichen eine grosse Tiefe und benötigen in der Folge ausgedehnte innere Erschliessungsflächen. Die Individualzimmer sind fast ausnahmslos schmal und tief.“ Der lobenswerte Ansatz einer städtebaulichen Klärung durch ein präzise eingefügtes Neubauvolumen lässt die architektonische Prägnanz des Entwurfs vermissen. Es fehlt eine eigenständige Haltung, die dem Ort eine neue Dynamik verleihen könnte.

jessenvollenweider (Basel): Subtile Annäherung an den Ort
In unseren Augen gelang jessenvollenweider ein besonders eleganter Entwurf: Das 66 m hohe Haus wirkt durch die geschickte Verformung des Volumens durch Einschnitte der Loggien schmaler, als es eigentlich ist. Man hat fast das Gefühl, es handelt sich um ein Ensemble von mehreren schmalen Hochhäusern. Eine äusserst subtile architektonische Antwort auf die Herausforderungen des Kontexts an der Heuwaage. Der zweigeschossige Sockel nimmt dabei Bezug auf das Viadukt. Die städtebauliche Raffinesse erhält bei genauerer Betrachtung einige kleine Kratzer: Die fugenlos doppelschalige Betonfassade scheint bautechnisch sowie ökonomisch fragwürdig – auch die Klarheit des Tragwerks lässt das Projekt etwas vermissen. Nichtsdestotrotz: Ein sehenswerter und sensibler Beitrag von jessenvollenweider.

Morger Partner (Basel): Viel Disziplin, wenig Rafinesse
Das Hochhaus von Morger Partner wächst aus der Häuserzeile an der Steinentorstrasse empor. Der fünfgeschossige Sockel schliesst direkt an die Nachbarbauten an. Das Öffnungsverhalten der Fassade wirkt irritierend: Auf die grossen Fenster des Sockels mit Läden und Büronutzungen folgen ziemlich knapp bemessene Öffnungen der Wohngeschosse. Es handelt sich dabei um eine architektonische Interpretation der Lärmvorgaben: „Diese Introvertiertheit formuliert die kritischen Lärmbedingungen an diesem Ort auf eine unnötig explizite Art und ist sowohl in Bezug auf den Charakter des Gebäudes als auch auf die Qualität der Wohnungen, insbesondere deren Belichtung, nicht von Vorteil.“ Die Erscheinung des Hochhauses wird ungemütlich massiv. Zumindest könnte man dem Bau in der Sprache der Immobilienentwickler als „Landmark“ gegenüber dem Ozeanium etwas abgewinnen. Die Grundrisse sind mit viel Disziplin und einer Symmetrieachse entwickelt. Die Organisation der Wohnungen rund um eine grosse Loggia weist Qualitäten auf. Dennoch mag die Stringenz der Grundrisse nicht über die mangelnde Raffinesse der äusseren Erscheinung hinwegtrösten.

Staufer & Hasler (Frauenfeld): Von den Tücken der Polygonalität
Staufer & Hasler aus Frauenfeld suchen ihr Glück in der Polygonalität der vorgefundenen städtebaulichen Situation. Was im Bereich des Sockels gut funktioniert, wird in der Volumetrie des Turms zum Problem: Die viel zu breite Nord-Ostfassade erzeugt von der Innenstadt gesehen einen visuellen Riegel in Richtung Birsigtal. „Die Materialisierung ist für die Fassade mit Betonelementen gedacht, die Untersichten farbig gestaltet. Die Einschnitte der Loggien kannelieren die fünf polygonal angeordneten Fassadenabschnitte und schaffen eine starke Vertikalität“, beschreibt der Jurybericht die durchaus stimmige Fassadengestaltung. Die verschiedenen Wohnungsgrundrisse, wobei sich der Wohnbereich um eine Loggia organisiert, wissen nicht alle gleichermassen zu überzeugen. Insbesondere die Küche scheint teilweise unglücklich positioniert. Der Beitrag besitzt ohne Frage grosse Qualitäten: Der vermeintlich selbstverständliche Umgang mit der polygonalen Parzelle bekommt auf der Ebene der Hochhaus-Volumetrie und der Grundrisse jedoch Risse.

Wie geht es weiter
Auf das Gewinnerprojekt von Miller & Maranta warten einige (politische) Hürden: Das Projekt erfordert die Ausarbeitung eines Bebauungsplanes, der zusammen mit dem Kanton erarbeitet wird und durch den Basler Grossen Rat genehmigt werden muss. Ebenso muss das Projekt noch auf seine technische Machbarkeit hin geprüft werden. Dieser Prozess dauert voraussichtlich ein bis zwei Jahre. Anschliessend muss ein ordentliches Baubewilligungsverfahren durchgeführt werden. Mit einem Baubeginn ist also nicht vor 2020 zu rechnen.

Der Jurybericht steht hier bereit: Download Jurybericht

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