Hofbebauung Hegenheimerstrasse von Luca Selva Architekten

0

In Zeiten, in denen der Wohnraum in Basel knapp ist und längst nich alle Wohngenossenschaften vor Innovationskraft strotzen, erscheint der Neubau von Luca Selva Architekten im Hinterhof des Gevierts Hegenheimer-, Rämel-, Grien- und Blotzheimerstrasse als Lichtstreifen am Horizont. „Im Westen der Stadt Neues!“, denkt der Architekturinteressierte und macht sich auf den Weg. Vom Haus Nr. 149 führt ein etwas düsterer Durchgang in den Hinterhof. Als erstes erblicke ich einen gedeckten Veloabstellplatz, der bis auf den letzten Platz mit Velos aller Farben und Grössen belegt ist. Weiter rechts erstreckt sich eine hellgraue Betonfassade mit variierenden Öffnungen. Die Holzfenster sind innen angeschlagen. Das erzeugt ein Bild von Massivität und Schwere. Bei einigen Öffnungen kommen Holz- oder Stoffstoren zum Vorschein. Bei näherer Betrachtung wird klar, dass sich hinter den Stoffstoren jeweils die Loggia befindet. Der Dachrand aus Aluminium hält sich dezent zurück.

Die Entstehung des Projekts wurde möglich, nachdem der sich im Hof befindende städtische Werkhof 2006 freigegeben wurde. Da die umliegenden Häuser  zur Genossenschaft Hegenheimerstrasse gehören, war die Idee naheliegend, die freiwerdende Parzelle für den Bau von genossenschaftlichem Wohnraum zu nutzen. Der Weg für den Neubau wurde 2008 endgültig geebnet: An der Generalversammlung  wurde von den Mitgliedern der nötige Projektkredit gesprochen. Die Genossenschaft unterschrieb daraufhin den Baurechtsvertrag mit der Stadt, der unter anderem die Residenzpflicht der Bewohner beinhaltet. Noch im selben Jahr wurden fünf Basler Architekturbüros mit dem Studienauftrag für eine neue Hofbebauung beauftragt. Luca Selva ging daraus als Sieger hervor. Nach der Projektierungsphase konnte 2010 mit der Ausführung begonnen und ein Jahr später wurden die insgesamt 21 Wohnungen bezogen.

Im Hof stehend erblickt man hinter dem Betonvolumen ein bräunlich schimmerndes Haus mit aussenliegenden Metallfenstern. Ein kurzer Moment der Irritation: Haben wir es mit zwei Häusern zu tun? Nach wenigen Schritten und dem Erreichen eines kleinen, mit fünf Bäumen bepflanzten Vorplatzes, dessen Bodenbelag mit Kreidezeichnungen bedeckt ist, wird klar, dass es sich um ein und dasselbe Haus handelt. In der Ecke, wo die beiden Körper aufeinandertreffen, befindet sich der Haupteingang: Eine massive Holztüre mit einem seitlichen Fenster, das Einblick in den Eingangsbereich gewährt. Die Fassade des Längstrakts ist mit einem kupfernen Streckmetall bekleidet. Die aussenbündigen Dachfenster mit ihrem breiten Rand und der leichten Ausstülpung wirken gekonnt aufgesetzt. Die teilweise geöffneten Schwingflügel verleihen der durch die geschossweise Verschiebung der Fenster in Bewegung versetzten Fassade zusätzliche Dynamik.

Ich erreiche die Nordecke des Hofs: Das Haus lässt sich von hier aus gut erfassen. Ein Volumen aus Kupfer lehnt an einen massiven Betonblock. Auf der Südwestseite kommt die dezente Landschaftarchitektur von August Künzel am zum Tragen: Von einem Kiesvorplatz erreicht man über drei in ein Betonbord eingelassene Stufen eine höhergelegene Ebene, wo zwei Beete den Bewohnern den Anbau von Gemüse und Kräutern ermöglichen. Insgesamt stelle ich fest: Mit wenigen dafür umso präziseren Elementen wurde der Aussenraum gezielt gestaltet. Eine weitere Irritation hält die Westfassade bereit: Hier greift der Beton auf das Kupfervolumen über. Die erkannt geglaubte Logik in der Dialektik zwischen den beiden Gebäudeteilen bzw. Materialien wird verwischt. „Damit bleibt die Zuordnung der beiden Materialien geheimnisvoll, erscheint fast zufällig,“ wie die Architekten schreiben.

Die zwei untersten Geschosse sind klar gegliedert. Die T-förmige Grundfläche ist zweigeteilt. Der Längstrakt beinhaltet sechs direkt von aussen erschlossene 4.5-Zimmer-Maisonettewohnungen für Familien. Bemerkenswert ist hierbei der Wechsel der Schottenstruktur von sechs Raumschichten im Erd- zu neun im ersten Obergeschoss. Im Kopfbau befinden sich zwei bzw. drei  Etagenwohnungen. Ab dem 2. Obergeschoss beginnt die sich im Äusseren abzeichnende Verschmelzung der beiden Gebäudeteile durch das Übergreifen der Erschliessung  des Kopfbaus auf den Längstrakt. Das Haus wird hier dank geschickter Raumorganisation zum Sechsspänner. Das Attikageschoss beinhaltet aufgrund der reduzierten Geschossfläche lediglich vier Wohnungen. Die Wohnungen sind äusserst vielfältig geschnitten. Einzig die Absicht, die Verkehrsfläche möglichst klein zu halten, ist allen gemein. So werden die Schlafzimmer oft direkt über den Eingangsbereich oder den Wohnraum erschlossen. Die Materialisierung der Innenräume ist einheitlich und schlicht: Lamellenparkett und Weissputz. Die Oberflächen der Erschliessungszone wurden als Sichtbeton belassen. Ursprünglich bestand die Idee, auch im Innern die Zweiteilung durch Materialwechsel beispielsweise im Bodenbelag abzubilden. Die Architekten haben gut daran getan, darauf zu verzichten.

Was zeichnet der Bau vor andern aus? In Basel kann man die genossenschaftlichen Neubauten der letzten fünf Jahre an einer Hand abzählen. Umso bemerkenswerter ist es, wenn eine relativ kleine Genossenschaft wie diejenige an der Hegenheimerstrasse den Mut aufbringt, in einen Neubau zu investieren und dabei zudem auf qualitätsvolle Architektur zu setzen. Nebst der Würdigung der „interessanten, künstlerisch einfallsreichen Architektur“ ist die 2012 erfolgte Prämierung durch den Heimatschutz auch als Signal an andere Genossenschaften zu verstehen. Der politische Wille den Bau von günstigem Wohnraum zu ermöglichen ist so gross wie schon lange nicht mehr. „Die Voraussetzungen für eine lebendige Zukunft des genossenschaftlichen Wohnungsbaus sind geschaffen“, schreibt Regierungsrätin Eva Herzog. Den Neubau an der Hegenheimerstrasse als Startsignal einer Renaissance des gemeinnützigen Wohnungsbaus in Basel? Mit Blick nach Zürich wirkt der Bau von 21 Wohnungen ziemlich bescheiden. Um der sich abzeichnenden  Wohnungsknappheit zu begegnen, muss man in grösseren Massstäben denken. Bezeichnenderweise hat sich der Vorstand der Genossenschaft Hegenheimerstrasse nach Abschluss des Projekts gesagt, „dass es interessant wäre, in grösserer Menge und dadurch mit Mengenvorteilen zu bauen. Natürlich eher im Scherz…“

Auf der architektonischen Ebene überzeugt der Bau durch sein Spiel mit Gegensätzen und Widersprüchen, ein Meisterwerk einer dialektischen Architektur. Das gebaute Resultat ist die Symbiose aus funktionaler und rationaler Entwurfsmethode, die Adolf Behne so treffend zu charakterisieren und unterscheiden vermag: „Spitzt nämlich der Funktionalist den Zweck am liebsten zum Einmalig-Augenblicklichen zu – für jede Funktion ein Haus! –, so nimmt ihn der Rationalist breit und allgemein als Bereitschaft für viele Fälle, eben weil er an die Dauer des Hauses denkt, das mehrere Generationen mit vielleicht wechselnden Ansprüchen sieht und deshalb nicht leben kann ohne Spielraum. … Sucht der Funktionalist die größtmögliche Anpassung an den möglichst spezialisierten Zweck, so der Rationalist die beste Entsprechung für viele Fälle.“ Auf den Bau von Luca Selva übertragen, erkennt man in der Reihung der Maisonettewohnungen die Strategie des Rationalisten. Man glaubt in den Grundrissen Reiheneinfamilienhäuser in bester WOBA-Manier wiederzuerkennen. Hier wurde ein Typus geschaffen, der durch Addition ins Endlose weitergebaut werden könnte. So betrachtet, erscheint das untere Fenster auf der Nordfassade als bewusste Irritation. Im Gegensatz dazu steht die Konzeption des Kopfbaus: Es ist bezeichnend, dass die Architekten beispielsweise von einer „höchst effizienten Gebäudeerschliessung“ sprechen. Aus dem Anspruch vielfältige, spezifische Wohnungen zu gestalten, entstand ein komplexes Gefüge, das stets den optimalen Flächenverbrauch bei maximaler Wohnqualität anstrebt, und somit durchaus funktionalistisch geprägt ist.

Man könnte die Ansicht vertreten, dass der heute vielerorts betriebene Wettbewerb der Grundrissvielfalt überbordet. Es steht jedoch ausser Frage, dass in Zeiten des ausgeprägten Individualismus, auch die Wohnungen spezifischer sein sollten. Andererseits könnte man fragen, ob Luigi Snozzis berühmter Aphorismus „Willst du Monotonie vermeiden, dann wiederhole dein Element“ nach wie vor Gültigkeit besitzt? Luca Selva gelingt es auf gekonnte Art und Weise, beide Thesen in einen Dialog zu setzen. Der Gang in den unscheinbaren Hinterhof in der Hegenheimerstrasse lohnt sich.

Text:
Lukas Gruntz / Architektur Basel

Literatur:
– Heinz Wirz(Hrsg.): Luca Selva Architekten. Luzern: Quart Verlag, 2012
– Esther Jundt: „Vorbildliches Bauen wird prämiert“, in: BaZ vom 7.11.2012, S. 14
– Dorothee Huber, Guido Köhler, Christof Wasmeier, Peter Würmli: Wohngenossenschaften der Region Basel 1992 – 2012. Basel: Wohnbaugenossenschaften Nordwestschweiz, 2012
– Adolf Behne: Der moderne Zweckbau. München: Drei Masken Verlag, 1926

________________________________________________

Projekt: Hofbebauung Hegenheimerstrasse Basel
Studienauftrag auf Einladung
Architektur: Luca Selva Architekten, Basel
Auftraggeber: Wohngenossenschaft Hegenheimerstrasse, Basel
Studienauftrag: 2008, 1. Preis
Projekt: 2009
Ausführung: 2010 -2011

Teile diesen Beitrag!

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.

Powered by themekiller.com