Interviews
03.03.26
© Park Books
Manuel Herz: «Ich würde nie ein Gefängnis bauen.»
Mit Unfinished Atlas legt Manuel Herz keine klassische Architekturmonografie vor. Das Buch versteht sich vielmehr als kartografische Selbstbefragung eines international tätigen Architekturbüros, das seine Projekte nicht chronologisch oder typologisch ordnet, sondern thematische Linien, Wiederholungen und Brüche sichtbar macht. Im Gespräch mit Architektur Basel-Redaktor Lukas Gruntz spricht Herz über die Skepsis gegenüber gängigen Monografieformaten, über Architektur als Forschungsprozess, über politische und ethische Dilemmata des Bauens – und über die Frage, was ein Architekturbüro im Innersten zusammenhält.
© Julien Lanoo
Architektur Basel: Was hat Dich dazu bewogen, eine eigene Monografie in Angriff zu nehmen? Das ist schliesslich mit einem grossen zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden.
Manuel Herz: «Es war Ludovic Balland, der vor fünfeinhalb Jahren auf mich zukam. Die Initiative kam von ihm. Er sagte mir damals, dass er grosse Lust hätte, mit mir ein Buch zu machen. Zu Beginn war ich zögerlich. Ich habe eine gewisse Skepsis gegenüber dieser Typologie der Architekturmonografie. Spannend fand ich das Buch hingegen als Vehikel, um zu reflektieren, was wir hier eigentlich machen. Es wurde zum Instrument, um selber besser zu verstehen, was unser Büro zusammenhält. Unsere Projekte sind sehr unterschiedlich. Es war spannend zu analysieren, welche Themen uns wirklich beschäftigen. Wir wollten kein Buch das nur wie ein aufwändiges Portfolio sagt: «Schaut her, das haben wir alles gebaut.» Wir wollten mit dem Buch der Frage nachgehen, wie wir an die Architekturproduktion herangehen.»
Und was war die Erkenntnis? Was hält euer Büro zusammen?
«Ganz zu Beginn haben wir auf einem Zeitstrahl alle Projekte aufgelistet. Dazu notierten wir die konzeptionellen, inhaltlichen oder formalen Themen, die uns jeweils beschäftigten. Wir stellten fest, welche Fragestellungen von Projekt zu Projekt weitergereicht wurden. Daraus entstand ein präziseres Verständnis unserer Arbeit und der Kernthemen, die uns faszinieren. Beispielsweise die Diaspora, das Leben im Fremden, das in verschiedenen Projekten untersucht wurde. Oder physisch veränderbare Bauten. Dieses Thema haben wir über Jahre hinweg untersucht. In den jüngsten Projekten beschäftigen uns die Kreisläufe von Material, Energie und Personen. Wir nennen es Metabolismus.»
«Ich hatte Zweifel an der Struktur von Portfolio-Monografien. Wenn ich so ein Buch mache, möchte ich eine bessere Erkenntnis über das eigene Schaffen gewinnen.»
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Bei klassischen Architekturmonografien werden die Projekte chronologisch oder nach Typologie geordnet. In eurem Atlas geschieht es thematisch in fünf Kapiteln. Hing das mit dieser Analyse zusammen?
«Ja, das war die Konsequenz für die Idee des Buches. Das Titelbild ist im Prinzip eine Karte des Büros und unserer Arbeit. Es gibt fünf Kapitel, in denen ein Kernthema mehrere Projekte um sich gruppiert. Die gelben Striche markieren die Verbindungen dazwischen. Das Titelbild ist Masterplan und Inhaltsverzeichnis zugleich.»
Der Atlas widerspricht den Konventionen gängiger Architekturmonografien.
«Die konventionelle Struktur der meisten Monografien, in der Regel chronologisch oder typologisch, ist absurd. So machen wir nicht Architektur. Die Chronologie von Projekten erlaubt keine bessere Erkenntnis über ein Büro. Es gibt viele Überlagerungen. Themen tauchen immer wieder auf. Ich hatte Zweifel an der Struktur von Portfolio-Monografien. Wenn ich so ein Buch mache, möchte ich eine bessere Erkenntnis über das eigene Schaffen gewinnen. Ludovic kam mit ein paar Referenzen, beispielsweise dem „Whole Earth Catalogue“, dessen Dichte wir spannend fanden. Wir wollten das Papier bis an den Rand bedrucken... was die Druckerei zum Fluchen brachte. Es gibt viele Verweise und Cross-References. Ausserdem war der Talmud als Buch – eines der Basistexte des Judentums – eine Inspiration, der über eine Art Kommentieren des Kommentierens funktioniert.»
Gab es auch Vorbilder von anderen Architekturmonografien? In Basel denke ich beispielsweise an die beiden schönen Bauten-Bände von Buchner Bründler.
«Ehrlich gesagt nicht. Wir wollten die gängige Typologie der Monografien hinterfragen und neu denken. Allein schon der Begriff Monografie macht in der Architektur keinen Sinn. Wir arbeiten nicht monografisch. Wir sind immer multigrafisch. Es gibt immer viele Stimmen. Viele Autorinnen und Autoren arbeiten mit.»
Mir gefällt die inhaltliche Dichte. Von theoretischen Beiträgen bis zu Konstruktionsdetails. Man erhält auf verschiedenen Ebenen Einblick in euer Schaffen. Dennoch wird im Buch nur ein Bruchteil des gesamten Materials abgebildet. Wie hast Du den Inhalt ausgewählt und kuratiert?
«Das war vor allem die Arbeit von Ludovic. Er ist deshalb auch Mitherausgeber. Da hat er einen grossen Beitrag geleistet – im intensiven gemeinsamen Austausch, auch mit mir und mit Francesca Mautone, der anderen Mitherausgeberin, über fünfeinhalb Jahre. Wir wollten unbedingt das Prozesshafte der Architektur darstellen. Es soll nicht nur das fertige Produkt gefeiert werden. Wie gehen wir an die Projekte heran? Wo sind wir in Sackgassen stecken geblieben? Wo sind wir gescheitert? Architektur ist nicht linear. Sie ist ein komplexer Prozess. Von dieser Realität erzählt das Buch.»
«Wir Schweizer allesamt gehören global betrachtet zu den 1 % Privilegierten. Für mich ist es insofern eine Verantwortung, zu schauen, wie andere Menschen auf dieser Welt leben, über den eigenen Horizont hinwegzuschauen.»
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Kann das Buch auch als Kritik an der heutigen Architekturproduktion verstanden werden, die sehr stark auf das fertige Objekt fokussiert?
«Es ist immer leicht, Kritik zu üben. Uns hat die Frage angetrieben, weshalb wir eigentlich Architektur machen. An unserer Disziplin finde ich fantastisch, dass wir mit jedem Projekt etwas Neues lernen. Die Recherche steht im Zentrum. Wir wollen aufzeigen, was wir auf dem Weg zum fertigen Haus gelernt haben. Das treibt mich an, Architektur zu machen. Wenn ich mit meiner Arbeit nichts mehr lerne, sollte ich besser aufhören.»
Was mich an Deinem Werk fasziniert, ist die unglaubliche kosmopolitische Ausrichtung. Du hast Projekte in Senegal, Frankreich, Japan oder der Ukraine realisiert. Woher kommt diese internationale Ausrichtung des Büros? Hast Du das bewusst gesucht oder hat sich das über die Jahre ergeben?
«Beides. Vielleicht ist es auch ein bisschen biografisch. Ich bin in Deutschland geboren, habe einen israelischen, schwedischen und inzwischen auch einen Schweizer Pass. Meine Eltern haben meine Schwester und mich nach dem Motto aufgezogen: The world is your oyster. Die Heimat war nicht so sehr die Heimat. Wir können nicht auf zehn Generationen Familiengeschichte an einem Ort zurückblicken. Das hat mein kosmopolitisches Bewusstsein geformt. Ich finde es spannend zu sehen, wie andere Menschen leben, was ihre Lebensrealität ausmacht. In der Schweiz kann man das leicht ausblenden. Wir Schweizer allesamt gehören global betrachtet zu den 1 % Privilegierten. Für mich ist es insofern eine Verantwortung, zu schauen, wie andere Menschen auf dieser Welt leben, über den eigenen Horizont hinwegzuschauen. Das heisst aber nicht, dass ich von allen erwarte international tätig zu sein. Ich habe auch grössten Respekt vor Menschen wie Gion A. Caminada, der ganz bewusst nur im lokalen Kontext seiner Bündner Berge arbeitet.»
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Ich stelle mir das anstrengend vor. Das stete Wandeln zwischen den Welten. Mich kostet es immer enorm viel Energie, um mich in einem fremden kulturellen Kontext zurechtzufinden und zu akklimatisieren.
«Mir macht es Spass. Ich finde es toll, fremde Orte und Menschen kennenzulernen. Ich finde das unheimlich spannend – und dabei auch mich selbst infrage zu stellen. Beispielsweise das Projekt in der Westsahara. Es ging nicht darum, Nothilfearchitektur für ein Gebiet in der Krise bereitzustellen, sondern zu lernen und zu schauen, wie andere Völker Städtebau und Architektur machen. Dabei habe ich viel gelernt.»
«Ich denke zurück an mein Studium an der RWTH Aachen. Nach zwei Jahren kam ich zum Schluss, dass ich dort nicht mehr viel wesentlich Neues lernen werde. Ich machte einen Cut und ging für ein halbes Jahr zu Balkrishna Doshi nach Ahmedabad.»
Weltpolitisch betrachtet leben wir in anspruchsvollen Zeiten. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir uns auf einem guten Weg befinden. Kennst Du bei Deiner Arbeit das Gefühl der Ohnmacht? «Wir alle dürfen nicht naiv gegenüber dem Weltgeschehen und unserer eigenen Arbeit sein. Wir haben einen Impact mit unserer Architektur: einen guten, wie auch einen schlechten. Ich denke zurück an mein Studium an der RWTH Aachen. Nach zwei Jahren kam ich zum Schluss, dass ich dort nicht mehr viel wesentlich Neues lernen werde. Ich machte einen Cut und ging für ein halbes Jahr zu Balkrishna Doshi nach Ahmedabad. Dort sah ich mich mit Elend und Armut konfrontiert, die mich unendlich deprimiert haben. Ich sah aber auch die Möglichkeiten der Architektur, zu helfen, manchmal auch zu schaden. Das hat mich geprägt. Wir Architektinnen und Architekten müssen wissen, welchen Einfluss wir auf die Gesellschaft und Umwelt haben. Wir wachsen mit dem Verständnis auf, dass Architektur die Dinge, Häuser und Städte besser und schöner macht. Gleichzeitig erzeugen wir auch viel Zerstörung. Da gibt es Dilemmata, die wir oft gar nicht erkennen. Deshalb ist es für mich wichtig, an Orte zu reisen und zu forschen, wo diese gesellschaftlichen Dilemmata sichtbar werden. Ob Du Dein ganzes Leben nur in Basel oder auf der ganzen Welt baust, ändert nichts an der Tatsache, dass wir unsere Hände beim Bauen immer dreckig machen. Insofern verstehe ich Dein Gefühl der Ohnmacht. Aber das würde auch bestehen, wenn wir nur in der Heimat bauen.» Architektur steht oft auf der Seite der Mächtigen – und des Kapitals. In der Schweiz sind unsere Hände vielleicht etwas weniger dreckig. Oder präziser gesagt: Der Dreck ist weniger sichtbar. «Mich interessiert diese Ambivalenz der Architektur. Ein Beispiel: Beim Bau der Synagoge in Mainz versuchte ich in einem Essay zu reflektieren, was unsere Rolle als Architekten ist. Warum wird mein Entwurf, der eigentlich einen kritischen Standpunkt einnimmt, von den meisten Politikern – selbst den sehr konservativen – so geschätzt? Nehmen wir als Architekten die Rolle von Hofnarren der Politiker ein? Für mich heisst das nicht, dass wir keine Architektur mehr machen sollen. Ich suche einen bewussten Umgang mit den Dilemmata unserer Profession. Es gibt keinen goldenen Weg, auf dem wir Tolles machen und die Hände nicht dreckig werden.» Hast Du rote Linien, die bei Anfragen für Projekte nicht überschritten werden dürfen? «Ja, natürlich. Bei der ersten Wettbewerbseinladung für das Spital in Tambacounda habe ich abgesagt. Es war in meinen Augen nicht der richtige Weg. Ich habe dem Auslober geschrieben «Thank you and goodbye». Und dann kam irgendwann die direkte Einladung. Ich hätte ihnen zu denken gegeben. Let’s meet.» Was würdest Du nie bauen? «Ich würde nie ein Gefängnis bauen. Gegen diese Typologie habe ich grundsätzlich etwas. Man kann sie durch Verbessern nur verschlimmbessern.»«Unsere Disziplin der Architektur ist eine der ganz wenigen, die die Welt etwas schöner machen kann. Das ist bitter notwendig, auch wenn Schönheit ein vielleicht auch missbrauchter Begriff ist.»
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Du hast ein Resort auf den Cayman Islands geplant. Da schrillten bei mir die Alarmglocken. Wie kommt man zu einem Projekt im Steuerparadies schlechthin?
«Das Steuerparadies ist die Schweiz, dachte ich. (lacht) Wir müssen da etwas vorsichtig sein. Den Investor lernte ich über Freunde kennen. Ein spannender, schlauer Typ. Er baut gerade in Manhattan ein 35-geschossiges Bestands-Hochhaus zu einem creative production center um, in dem es um den Entwurf und die Produktion von Mode geht. Er besitzt auf den Cayman Islands ein grosses Grundstück. Er hatte die Idee, dort ein neues Hotel zu bauen. Ich sagte ihm, dass mein Interesse nicht unbedingt in der Form und Gestaltung des Gebäudes liegt. Ich fand es interessanter ein ganzes «environment» zu gestalten. Die Cayman Islands müssen alles importieren. Wir fragten uns, ob self-reliance oder self-sustainability möglich ist. Da fing die Recherche an: Was kann man auf dem 30’000-Quadratmeter-Grundstück anbauen und ernten? Die Form des Hotels war sekundär. Wir haben ein Kapselhotel vorgeschlagen. Letztlich wurde das Projekt aus wirtschaftlichen Gründen leider gestoppt. Aber es ist für mich ein Beispiel wie mit einem guten Bauherrn ein spannendes Projekt entstehen kann.»
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Im Buch macht Deine Diplomarbeit an der AA mit dem Titel „Eruv“ den Anfang. Es ist in Monografien eher ungewöhnlich, studentische Arbeiten zu zeigen. Obwohl ich inhaltlich nicht alles verstanden habe, fand ich sie grafisch sehr beeindruckend. Welche Bedeutung hat die Arbeit für Dich?
«Um die Synagoge in Mainz zu verstehen, fand ich es wichtig, meine Diplomarbeit zu zeigen, da ich dort viele für mich wichtige Themen entwickelt hatte. Wie leben wir im Stadtraum? Wie leben wir in der Fremde? Welche Art von Eingriffen können wir uns vorstellen? Zur Erklärung: Eruv ist eine symbolische Definition eines Stadtraums, in dem für orthodoxe Juden am Sabbat eine höhere Bewegungsfreiheit herrscht. Ich bin zwar überhaupt nicht orthodox, aber ich fand die Denkweise dahinter faszinierend, und immer noch relevant, obwohl das Konzept vor ca. 1800 Jahren entstanden ist. Es ist mir wichtig zu sagen, dass sich das Thema des Judentums nicht durch mein ganzes Handeln zieht. Ich finde es spannend, aber mich interessieren viele andere Themen genauso.»
Formal spannend finde ich die „Interlude Images“, welche die Kapitel visuell abgrenzen. Sie stehen im Kontrast zur inhaltlichen Dichte des sonstigen Buches. Welche Rolle spielen sie?
«Es ging uns um eine visuelle Einführung in die Projekte. Das Reinzoomen führt zu einer Art Analogisierung. Es geht aber auch um ein inhaltliches Durchatmen.»
Deine Herangehensweise an neue Orte und Aufgaben scheint oft sehr analytisch. Welche Rolle spielt Poesie in Deiner Arbeit?
«Unsere Disziplin der Architektur ist eine der ganz wenigen, die die Welt etwas schöner machen kann. Das ist bitter notwendig, auch wenn Schönheit ein vielleicht auch missbrauchter Begriff ist. Den Wettbewerb in Mainz habe ich 1999 gewonnen. Dann hat es mit der Realisierung aus verschiedenen Gründen lange gedauert. Ich hatte viel Zeit zu zeichnen und Modelle zu bauen. Als ich das erste Mal im Rohbau stehen durfte, war das atemberaubend. Nichts kann diesen Moment ersetzen: den gebauten Raum zu spüren, zu riechen, anzufassen. Deshalb finde ich es wichtig, Dinge zu tun, die uns berühren. Architektur kann das.»
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Kannst Du ein Beispiel nennen?
«Nehmen wir die Synagoge in Kiew: Man steht dort wortwörtlich auf Leichen. Es ist einer der dunkelsten Orte der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es wäre so offensichtlich gewesen, ein düsteres, dunkles, trauriges Gebäude zu bauen. Für mich war schnell klar, dass ich genau das Gegenteil tun möchte: ein Gebäude, das eine gewisse Leichtigkeit hat und einen zum Schmunzeln bringen kann. Wenn wir nur weinen, haben die Täter immer gewonnen. Deshalb wollte ich etwas machen, das vielleicht auch wunderschön ist, das Zuversicht schenken kann. Manchmal hat Architektur diese Kraft. Da müssen wir heute aufpassen, dass sich der Diskurs nicht nur um Ressourcen, CO₂, Energieverbrauch, Recycling und so weiterdreht. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass weiterhin wunderschöne Architektur entstehen kann. Sonst verlieren wir die Lust. Wir müssen eine Architektur schaffen, die sich zwar bewusst ist, was wir unserer Umwelt antun, und dennoch lustvoll ist. Das ist die Herausforderung unserer Zeit.»
Lieber Manuel, herzlichen Dank für das spannende Gespräch.
Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Unfinished Atlas 19 Projects by Manuel Herz Architects
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