Matthias Ackermann im Interview als neuer Präsident der Stadtbildkomission: „Wir haben keinerlei Interesse das Bauen zu verhindern“

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Seit Juli 2019 ist Matthias Ackermann Präsident der Basler Stadtbildkommission, die im Rahmen der Baubewilligungsverfahren Baugesuche auf ihre städtebauliche und architektonische Verträglichkeit prüft. Erklärtes Ziel ist eine „gute Gesamtwirkung“ von Neu- und Umbauten. Die Stadtbildkommission war in der Vergangenheit immer wieder Ziel politischer Angriffe, welche die Wirkungsmacht des Gremiums einschränken wollten. Ein neuer Präsident, der für frischen Wind sorgt? Oder alter Wein in neuen Schläuchen? Wir haben uns ausführlich mit Matthias Ackermann unterhalten.

Céline Dietziker: Wodurch zeichnet sich die Basler Baukultur aus?
Matthias Ackermann: «Die Basler Baukultur zeichnet sich durch ihre Geschichte, ihre kontinuierliche Tradition und die sehr aktive zeitgenössische Szene aus.»

Was ist dein Lieblingsgebäude in Basel?
«Mein Lieblingsgebäude ist das, in welchem ich wohne: Die Wohnhäuser von Diener & Diener Architekten im St. Alban-Tal. Die beiden Häuser repräsentieren die vorhin erwähnten Punkte: Das Zusammenspiel der historischen Baukultur mit der zeitgenössischen Architektur. Das Dalbeloch als mittelalterliches Gewerbequartier steht für die Tradition. Die relativ neuen Häuser von Diener & Diener schreiben diese Tradition selbstbewusst fort.»

Wie definiert sich eine Stadt?
«Die Stadt ist ein kollektives Werk, eine gesellschaftliche und kulturelle Leistung von hoher Komplexität. Bei der Entwicklung unserer Städte haben wir die Zukunft vor Augen, aber immer im Bewusstsein für die Bedeutung der Geschichte. Um dieser Komplexität gerecht zu werden und die Stadt weiter zu entwickeln, benötigt es verschiedene Akteure. Neben der Fachdiskussion braucht es auch eine politische Diskussion. Dort werden die grossen Linien festlegt. Aus diesem Grund wäre es sehr wichtig, dass sich mehr Architektinnen und Architekten in den politischen Gremien engagieren.»

«Mein Lieblingsgebäude ist das, in welchem ich wohne: Die Wohnhäuser von Diener & Diener Architekten im St. Alban-Tal.» © Juri Weiss


Wie kam es zu deiner Wahl zum Präsidenten der Stadtbildkommission?
«Ich wurde angefragt und anschliessend vom Regierungsrat gewählt.»

Was sind deine Aufgaben als Präsident der Stadtbildkommission?
«Die Stadtbildkommission arbeitet in drei Stufen. Die erste ist das Fachsekretariat. Es kümmert sich um die aktuellen Baugesuche, es berät Bauherrschaften und Architekten und beantwortet einfache Fragen. Die zweite Stufe bildet der Ausschuss bestehend aus dem Fachsekretariat und mir. Wir diskutieren und entscheiden über Ermessensfragen und bieten ebenfalls Beratungen an. Die dritte Stufe ist die vollständige Kommission, welche ich als Präsident leite. Sie diskutiert und entscheidet über Fragen von grosser Tragweite. Als Präsident vertrete ich die Gesamtkommission in der zweiten Stufe.»

Du bist seit Anfang Juli im Amt. Welche Aufgaben hast du bereits wahrgenommen?
«Das laufende Geschäft besteht aus Besichtigungen vor Ort. Dabei geht es meist um Begutachtungen von Material- und Farbmustern. Dannn beurteilen wir Baugesuche aufgrund von Akten und schliesslich werden uns Bauvorhaben von den Verantwortlichen präsentiert. Dabei handelt es sich oft auch um Voranfragen, zu welchen wir im Sinne einer frühen Beratung Stellung nehmen.»

Jurierung: Baukultur braucht gute Wettbwerbe © foto-werk gmbh, Basel - Michael Fritschi

Matthias Ackermann als aufmerksamer Zuhörer im Rahmen einer Architektur-Jurierung © foto-werk gmbh, Basel


Wie hoch ist dein Arbeitspensum für die Stadtbildkommission?
«Pro Woche bin ich einen halben Tag vor Ort.»

Wie geht ihr beim Beurteilen der Baugesuche vor?
«Das ist sehr unterschiedlich und abhängig davon, um was es sich handelt. Immer wichtig sind natürlich der Kontext und die Bauzone. Das Planungs- und Baugesetz verlangt von baulichen Eingriffen eine „gute Gesamtwirkung“. Es geht also immer um Fragen der Nachbarschaft, um die Einbindung in den städtischen Kontext. Eine sich dem Bestand anpassende Haltung ist dabei nur eine der Möglichkeiten. Wichtig scheint mir, dass Bauten für etwas stehen und verständlich sind. Natürlich haben grössere Gebäude auch eine grössere Auswirkung auf die Nachbarschaft. Aber auch kleine Gebäude können sehr wichtig sein. Zum Beispiel dann, wenn sie Teil eines intakten Ensembles sind.»

Wie viele Gesuche beurteilt die Stadtbildkommission im Jahr?
«Wir beurteilen rund 900 Gesuche. Das Fachsekretariat teilt die Gesuche den Stufen zu, in denen sie behandelt werden sollen. Ausser den Projekten in der Schutzzone kommen alle Baugesuche bei uns vorbei. Die Schutzzone wird von der Denkmalpflege bearbeitet.»

Welche Rolle spielt die Stadtbildkommission in deinen Augen?
«Die Stadtbildkommission ist eine Kommission, welche für die Qualitätssicherung zuständig ist. Damit meine ich Qualitätssicherung im grösseren Zusammenhang der Stadt. Es geht letztlich weniger um die einzelne Projekte als um die gesamte Stadt. Die Qualität ist stets gefährdet und muss immer wieder neu verhandelt werden. Die Stadtbildkommission führt einen kontinuierlichen Diskurs anhand aktueller Projekte. Das Wissen, dass jedes Bauvorhaben von einer Fachkommission beurteilt wird, wirkt sich positiv auf die Qualitätsansprüche der Beteiligten aus. Das kommt der Stadt zugute.»

«Die Stadt ist ein kollektives Werk, eine gesellschaftliche und kulturelle Leistung von hoher Komplexität.» © foto-werk gmbh, Basel


Wie viel Einfluss hat die Stadtbildkommission?
«Die Basler Stadtbildkommission zeichnet sich dadurch aus, dass sie Entscheidungskompetenz hat und nicht nur beratend tätig ist. In der Schweiz gibt es viele verschiedene Modelle. Im Baukollegium der Stadt Zürich etwa sind immer auch zwei Stadträte dabei, welche dann in der Bausektion die Empfehlungen des Kollegiums vertreten. Das Basler Modell setzt auf eine reine Fachkommission ohne politische Komponente. Ich denke das ermöglicht auch die Beratungstätigkeit, die hier sehr ausgeprägt ist. Aber in beiden Fällen ist es klar, dass die politischen Gremien die Leitplanken setzen müssen.»

Von einigen Personen wird die Stadtbildkommission als grosse Verhindererin gesehen. Was sagst du den Kritikern?
«Erstens gibt es viele Projekte, bei denen es gut ist, dass man sie verhindert oder zumindest verbessert. Wenn man das nicht tun würde, wäre unsere Stadt schnell nicht wiederzuerkennen. Und zweitens stimmt es nicht. Wir beraten und sorgen für die Qualitätssicherung. Wir haben keinerlei Interesse daran das Bauen zu verhindern. Die Diskussion über die Stadtbildkommission wird gelegentlich von Interessensvertreten lanciert. Das ist auch nicht weiter erstaunlich, denn es ist klar, dass bei der Stadtentwicklung Lobbys eine grosse Rolle spielen. Im Moment scheint mir die Stadtbildkommission aber weitgehend unangefochten zu sein.»

Was möchtest du ändern bei der Stadtbildkomission?
«Die Stadtbildkommission ist ein Gremium, welches auf Konstanz ausgelegt werden muss, da eine Stadt grundsätzlich Konstanz braucht. Deshalb glaube ich nicht, dass ein Präsidiumswechsel Anlass zu einer 180-Grad-Wendung sein sollte. Die Kommission hat die  Verantwortung, die Dinge zu verstehen und zu beeinflussen, so wie sie es für fachlich richtig hält. Inhaltlich hat die Kommission in den letzten Jahren gut gearbeitet. Eventuell könnten wir die Kommunikation gegen aussen verbessern – gerade auch im Zusammenhang mit der Kritik an der Stadtbildkommission. Es wäre gut, offener über unsere Arbeit, aber auch über die Zukunft unserer Stadt zu reden. Ich bin dazu jedenfalls gerne bereit.» 


Interview: Céline Dietziker / Architektur Basel

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