Meinrad Morger: „Auf Instagram hast du weder eine physische, haptische, noch sinnliche Erfahrung“ – Monatsinterview #2

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Der zweite Teil des Monatsinterviews mit dem Basler Architekten Meinrad Morger widmet sich seiner Lehrtätigkeit, die ihn von Luzern über Darmstadt bis zu seiner heutigen Professur nach Karlsruhe geführt hat. Er sagt: „Was mich eher beunruhigt, sind die zahlreich klischierten beziehungsweise trivialen Vorstellungen von Architektur. Beim Studienbeginn zeigen sich offensichtliche Mängel an räumlichen und architektonischen Kenntnissen.“ Ein ausführliches Gespräch über Lehre, Studium, Instagram, Postmoderne und Tendenza.

Lukas Gruntz (Architektur Basel): Neben deiner Arbeit im Büro hier in Basel bist du auch als Professor in Karlsruhe tätig. Wie nimmst du die heranwachsende Architektengeneration wahr? Was zeichnet Sie aus?
Meinrad Morger: „Bevor ich ans KIT in Karlsruhe kam, war ich zuvor Dozent an der Fachhochschule in Luzern und danach an der TH in Darmstadt. Zwischen Luzern und Karlsruhe gibt es grosse strukturelle Unterschiede. In Luzern hatte ich wenige, äusserst engagierte Studierende, die in der Regel selbstbewusst waren und wussten was sie wollten, da sie in der Regel mit dem Architekturstudium ihre zweite Ausbildung machten. Dadurch konnte ich den Studierenden sehr persönlich begegnen. Der Austausch war intensiv. An der Universität in Karlsruhe betreue ich viel mehr Studierende. Im ersten Semester sind es etwa 60. Dadurch gestaltet sich der Unterricht anonymer. Die Studierenden kommen in der Regel direkt vom Gymnasium. Viele sind auf der Suche, begeisterungsfähig, interessiert und motiviert. Einige haben noch wenig Orientierung oder andere wissen nicht genau was sie wollen. So begegne ich in Karlsruhe einem viel breiterem Spektrum als in Luzern. Was mich eher beunruhigt, sind die zahlreich klischierten beziehungsweise trivialen Vorstellungen von Architektur. Beim Studienbeginn zeigen sich offensichtliche Mängel an räumlichen und architektonischen Kenntnissen. Ein kulturelles Bildungsproblem der Grundschulen und Gymnasien. Vieles wird in diesen ersten 12 Jahren unterrichtet, nur keine minimale Einführung in die Bau- und Architekturgeschichte.“

Meinrad Morger: „Ich initiiere, begleite, motiviere, beobachte, fordere und fördere.“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Was reizt dich an der Lehrtätigkeit?
„Der Reiz an der Lehrtätigkeit ist die umfassende Auseinandersetzung mit einem wichtigen gesellschaftlichen und kulturellen Thema und in diesem Zusammenhang die Begegnung mit jungen Menschen, die davon träumen Architekten zu werden. Ich initiiere, begleite, motiviere, beobachte, fordere und fördere. Dazu erlaubt es mir eine immerwährende Reflexion meiner eigenen Überlegungen und Ideen. Diese werden oft durch unerschrocken freche oder erfrischend naive Blicke in Frage gestellt. Die Altersdifferenz zwischen den Lernenden und dem Lehrenden nimmt bekanntlich zu. Die Studenten bleiben gleich jung, ich werde älter. Dadurch bestehen die herausfordernden Themen nicht ewig. Vielmehr veränderten sie sich im Verlauf der vielen Jahre, wo ich nun schon unterrichte, stetig. Das hält jung!“

Inwiefern vertritt die Architekturschule in Karlsruhe eine eigene Position? Gibt es das heute überhaupt noch, dass eine Schule eine übergreifende Haltung vertritt?
„Heute ist es kaum mehr so, dass eine Schule eine einheitliche Position vertritt. Vorallem die grossen renommierten Schulen, wie ETH oder EPFL, zeigen vermehrt individuelle Anschauungen. Bei einer kleinen Schule wie Muttenz kann es sicherlich noch möglich sein, dass sie sich durch eigene übergreifende Position auszeichnet. Michael Alder hat mit seiner Haltung in den 1980/1990er Jahren einen allumfassend prägenden Einfluss bewirkt. Einzelne dezidierte Positionen wie seinerseits die Analoge Architektur an der ETH können sich sicherlich auch in Zukunft profilieren und durch Ihre Art dann auch provozieren. In Karlsruhe hat jeder Lehrstuhl sein eigenes Profil. Wenn sie wollen, können die Studierenden unterschiedliche Positionen kennenlernen. Dies widerspiegelt Vielfältigkeit und nicht Einheitlichkeit.“

„Formale Themen stehen eher im Hintergrund. Kann Bauen – unabhängig vom Stil – mit weniger Ressourcen auskommen? Was bedeutet das für die Stadt, die Architektur, die Struktur, die Typologie, das Material, den Ausdruck?“

Lehre hat auch mit Recherche zu tun. Welche Themen beschäftigen die Studierenden besonders?
„Was die Studierenden in Karlsruhe heute beschäftigt sind unter anderem Nachhaltigkeit und Ressourcenverbrauch. Diese Fragen sind für sie wichtiger als die Frage, in welchem Stil wir heute bauen wollen. Formale Themen stehen eher im Hintergrund. Kann Bauen – unabhängig vom Stil – mit weniger Ressourcen auskommen? Was bedeutet das für die Stadt, die Architektur, die Struktur, die Typologie, das Material, den Ausdruck? Dirk Hebel, Professor am KIT, forscht diesbezüglich in weltweit vernetzter Form und an vorderster Front. Sie entwickeln neue Baumaterialien zum Beispiel durch rezyklieren von Abfällen oder kultivieren von Pilzzuchten. Seine Forschungsprojekte haben einen ganzen bedeutenden Einfluss auf seine Lehre. Deswegen ist der Andrang bei ihm zu studieren enorm.“

Und was bedeuteten ökologische Themen für die architektonische Form, den Raum, die Gestalt der Häuser. Wie verändern sich diese?
„Der Architekt Florian Nagler betreut an der TU München ein Nullenergie-Forschungsprojekt. Er baut in diesem Zusammenhang gerade drei identische einfache mehrgeschossige Versuchswohnhäuser aus Wärmedämmbeton, aus Massivholz und aus Einsteinmauerwerk. Um die graue Energie zu minimieren, wird beim Wärmedammbeton auf die Armierung und beim Einsteinmauerwerk auf die Stahltonstürze verzichtet. Auch kommen die Häuser ohne Heizung aus. Um die Behaglichkeit zu verbessern und das Volumen zu optimieren sind die Räume etwa 6 Meter tief und 3.5 Meter hoch. Diese konzeptuellen Rahmenbedingung haben einen unmittelbaren Einfluss auf die architektonische Form, den Raum und die Gestalt der Häuser.“

Heute sind wir einer visuellen Reizüberflutung ausgesetzt. Beispielsweise auf Instagram, wo du selbst ja auch aktiv bist, wird uns im Minutentakt Architektur serviert. Ist das ein Fluch oder ein Segen?
„Ich kann nicht sagen, ob die Social Media für uns Fluch oder Segen sind. Sicher ist, dass wir all die Informationen gar nicht mehr richtig rezipieren oder adaptieren können. Alles ist unmittelbar abrufbar und genauso schnell wieder weg und vergessen. Diese Informationen flimmern oberflächlich an uns vorbei. Auch die im Minutentakt servierte Architektur. Wenig bis gar nichts bleibt hängen. Ganz im Gegensatz zu einer frühen mich prägenden noch in analoger Form erarbeiteten Tiefenbohrung: Bauaufnahmen von Soglio. Eine typologische Feldforschung zum Thema Haus und Siedlung, die Michael Alder initiiert und geleitet hat. Über einen ganzen Sommer hinweg haben wir sämtliche Häuser im Dorf ausgemessen, aufgezeichnet, in Plänen dargestellt, analysiert und publiziert. Das ist schon eine ganz andere Geschichte. Auf Instagram hast du weder eine physische, haptische, noch sinnliche Erfahrung. Dabei stellt sich schon auch die Frage, wie wir uns in Zukunft unser Wissen aneignen. Wenn wir unsere jahrtausendlang entwickelten Fertigkeiten nicht ganz aufgeben wollen, dann kommen wir nicht umhin das Digitale und das Analoge in ergänzender Kombination zu kultivieren.“

„Ich fotografiere Dinge, wo ich denke, dass ich sie so noch nie gesehen habe. Ich tue das, um mich – als analog geprägter Mensch – selbst zu beobachten.“

Meinrad Morger: „Ich habe mich ganz bewusst entschieden, nur Instagram zu nutzen.“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Und wenn wir ganz konkret von den sozialen Medien sprechen: Was macht Instagram mit dir?
„Ich habe mich ganz bewusst entschieden, nur Instagram zu nutzen. Und dies anfänglich sehr moderat. Mich empfangen in diesem Zusammenhang Bilder mehr als Wörter. Ganz persönliche Begegnungen mit Landschaften und Architekturen, die besonders, eigenwillig oder einfach schön sind. Klischeehafte Motive interessieren mich weniger. Ich fotografiere Dinge, wo ich denke, dass ich sie so noch nie gesehen habe. Ich tue das, um mich – als analog geprägter Mensch – selbst zu beobachten. Doch ich realisiere zusehends, dass mich Instagram nervös und irgendwie auch süchtig macht. Alles wird immer schneller, immer mehr, immer verrückter. Es führt zu einer immer weniger verarbeitbaren Übersättigung. Eine andere Frage, die sich mir in diesem Zusammenhang stellt: Wieviel Privates gibst du Preis? Was stellst du der Öffentlichkeit zur Verfügung? Eine Erfahrung, die mir in der eigenen Erfahrung eines klar gemacht hat: Die Freiheit von Social Media ist eine Illusion und ihre negativen Auswirkungen können verheerend sein. Wir wissen es: Hass und Aggression werden dadurch salonfähig. Das seht ihr mit Eurer Online-Plattform ja auch, wenn ihr zum Beispiel einen Artikel über das Meret Oppenheim-Hochhaus postet. Dann können sich einige in aller Öffentlichkeit auskotzen. Das ist nicht nur destruktiv, das ist absolut gefährlich.“

Das ist tatsächlich so. Teilweise wird da sehr undifferenziert, geradezu bösartig kommentiert. Handkehrum sind die sozialen Medien super niederschwellig. Wir erreichen eine Leserschaft, die sich sonst gar nie ernsthaft mit Architektur auseinandersetzen würde. Die abonnieren unsere Seite und werden plötzlich mit einem Flachdach-Wohnbau von Artaria & Schmidt in Riehen aus den 1920er-Jahren konfrontiert. Unsere Hoffnung ist, dass da eine Art subversive, unbewusste Auseinandersetzung stattfindet. Im Sinne von: „Ah, schon vor hundert Jahren haben die solche Betonkisten gebaut. Das scheint ja ein gewisse Tradition zu haben.“ Natürlich sind wir da ein bisschen idealistisch unterwegs. Aber wenn wir zumindest bei einzelnen Personen etwas anregen können, haben wir etwas gewonnen.
„Ja, da hast Du vollkommen recht. Und wenn sie dann noch zusätzlich in Griechenland in einem Haus mit Flachdach am Meer schöne Ferien verbrachten, dann kann die militante Ablehnung über diese positiven Erlebnisse durchaus abnehmen. So kann man auch einen Beitrag zur Vermittlung von Architektur leisten – und hier zeigt sich etwas wunderbares: Die digitalen Medien und die analoge Erfahrung könnten sich durchaus zu einer positiven Geschichte ergänzen!“

„Die Studierenden zeichnen für ihre Entwürfe die Pläne mit Bleistift und bauen die Modelle aus grauer Pappe. Sie riechen noch den Grafit und lernen unter Umständen die Sehnenscheidenentzündung kennen.“

Gerade bei all dem digitalen Überfluss, all der BIM-Euphorie, stellt sich die Frage, welche Bedeutung das analoge Entwerfen mit Stift, Skizzenrolle oder am Modell eigentlich noch hat?
„Bei uns am Lehrstuhl erfolgt die Einführung in die Architektur im 1. Semester mit analogen Werkzeugen. Die Studierenden zeichnen für ihre Entwürfe die Pläne mit Bleistift und bauen die Modelle aus grauer Pappe. Sie riechen noch den Grafit und lernen unter Umständen die Sehnenscheidenentzündung kennen. Die Modelle bauen wir in einem so grossen Massstab, dass über die Fotografie Bilder hergestellt werden können. Einzig Photoshop findet als digitales Hilfsmittel Anwendung, um aus den Fotografien Bilder herzustellen. Mir ist es ein grosses Anliegen, dass der entwerferische Einstieg über Stift und Skizzenrolle erfolgt. Die Sinne und das Hirn werden dadurch viel unmittelbarer aktiviert. Der Entwurfsprozess beginnt mit grundlegenden Themen: Über fünf Übungen zu den architektonischen Elementen Boden, Wand, Dach, Öffnung und Treppe gelangen wir zum architektonischen Raum. Diesen lernen wir mit einem kleinen Entwurf für drei Pavillons kennen. Drei davon werden anschliessend in einer abschliessenden Bauwoche im grossen Innenhof des Fakultätsgebäudes im Massstab 1:1 gebaut.“

Bauwoche in Karlsruhe: Holzpavillons am KIT Fakultät für Architektur bei Prof. Meinrad Morger © Steffen Kunkel

Und woher holen die Studierenden ihre Inspiration? Sind Studienreisen oder Exkursionen ebenfalls ein Teil der Auseinandersetzung mit dem architektonischen Raum?
„Die Übungen werden durch begleitende Vorlesungen ergänzt. Theoretische Grundlagen werden über Referenzbeispiele ergänzt. Im Weiteren führen wir immer eine Exkursion nach Nordrhein-Westfahlen durch, wo wir beispielhaft zwölf Sakralbauten besuchen, skizzieren und betrachten. Mit dem Aachener Dom und Kirchenbauten von Dominikus und Gottfried Böhm, Rudolf Schwarz, Heinz Bienefeld und Peter Zumthor können wir die Entwicklung des architektonischen Raums in einer Zeitspanne von über tausend Jahre beispielhaft nachvollziehen. Mit dieser eindringlichen Erfahrung ausgestattet entwerfen sie danach wie bereits erwähnt drei Pavillons – einen Kiosk, einen Musik- und einen Ausstellungspavillon. Die drei besten Arbeiten werden gemeinsam ausgewählt. Danach folgt die Realisierungsphase in drei Gruppen mit Ausführungsplänen, Stück- und Materiallisten. Über den ganzen Sommer hinweg finden in diesen Pavillons Ausstellungen, Feste und Konzerte der Architekturfakultät statt.“

Das tönt gut – und tatsächlich nach viel Handarbeit. Lasercutter sind wohl kaum erlaubt.
„Im ersten Semester arbeiten wir ohne Lasercutter. Sie bauen die Modelle von Hand. Es geht mir neben dem geistigen Prozess auch um die handwerkliche Erfahrung.“

Holzpavillons am KIT Fakultät für Architektur bei Prof. Meinrad Morger © Steffen Kunkel

Zurück zu dir: Welche Themen haben dich während deiner Lehr- und Studienjahre besonders beschäftigt? Was war da prägend?
„Das kontextuelle Denken, die Beschäftigung mit der Geschichte der Stadt und dem Haus war für meine Generation schon sehr wichtig und irgendwie selbstverständlich. Unsere Entwürfe entstanden aus dieser direkten Befragung von Architektur. Wert, Bedeutung und bauliche Formen entstanden aus der intensiven Ausschöpfung dieser Analysen. Kurz zuvor hat sich die Architektur ja mitunter noch stark mit soziologischen und gesellschaftlichen Fragen beschäftigt. Die Stadt sollte neu gedacht sein. Informelle und möglichst hierarchielose Raumkonzepte waren wichtig. Unser Theater in Basel zeigt diese Stadtidee exemplarisch auf. Diese andere Stadtidee haben wir dazumal rigoros abgelehnt. Heute wertschätzen wir sie.“

Holzpavillons am KIT Fakultät für Architektur bei Prof. Meinrad Morger © Steffen Kunkel

Also war für euch die Lektüre des Ortes, der Stadt, ein wichtiger Bestandteil des Entwurfs?
„Ja, der Ort mit seiner Gestalt und seiner Geschichte steht für uns im eigentlich immer im Mittelpunkt. Wir hätten nie sagen können: „Wir bauen einen neuen Ort.“ Sondern: „Wir bauen an einem bestehenden Ort weiter.“ Unsere Projekte sind das Ergebnis dieser kontextuellen Arbeit. Wir konzentrieren uns aber mehr auf das Spezifische eines Ortes, auf den singulären Ort, dessen vielfältige und immer wieder andersartige Eigenschaften wir versuchen herauszuarbeiten. Uns interessiert ein interpretierendes Verhältnis zur Geschichte eines Ortes. Der Entwurf für das Dreirosenschulhaus ist ein exemplarisches Beispiel dieser Haltung. Wir haben den halben Blockrand weitergebaut, das bestehende historistische Schulgebäude eingerahmt und gleichzeitig eine neue Stadtkante definiert. Die Konstruktion, in diesem Fall Einsteinmauerwerk mit Kratzputz, entwickelt sich nicht losgelöst, sondern in enger Koordination mit den umliegenden Bestandsbauten.“

„Rudolf Olgiati. Seine Architektur hat mich immer fasziniert. Er hatte für sich die Bedeutsamkeit historischer Entwurfsgrundsätze für die Architektur der Moderne erkannt.“

Das von dir genannte kontextuelle Denken hat in der Schweiz auch mit dem Namen Aldo Rossi und seiner Lehrtätigkeit an der ETH zu tun. Aus diesem Denken entsprang indirekt auch eine postmoderne Architektursprache, die mitunter sehr formal daherkommt. Man könnte also sagen, ihr habt das kontextuelle Denken vor allem programmatisch übernommen – seid jedoch anderen formalen Themen nachgegangen. Nehmen wir den legendären Wettbewerb 1981 für die Baulücke in der Spalenvorstadt, den Marbach und Rüegg Architekten gewonnen haben. Euer Entwurf hätte da wohl ganz anders ausgesehen.
„Ja, wahrscheinlich schon. Wobei ich für die postmoderne Phase durchaus Verständnis aufbringen konnte. Ohne sie hätten wir vielleicht die Erinnerung an unsere tausendjährige Stadtgeschichte ganz verloren. Wer weiss es? Es gibt postmoderne Bauten wie die Staatsgalerie Stuttgart, die ich sehr mag. Ist es nicht wunderschön wie virtuos James Stirling das alte Museum von Karl Friedrich Schinkel in seinen Entwurf transformierte und interpretierte. Die Postmoderne hat in der Schweiz – im Unterschied zu Deutschland – auch nie einen so richtig formal-zitatenhaften Niederschlag gefunden. Deshalb hat mich die Tendenza auch viel mehr angesprochen. Sie stellte eine aussergewöhnliche Symbiose aus Rationalismus, Moderne, Historie und Kontext dar. Wir sind deswegen in den 1980er-Jahren ins Tessin gepilgert. Oder Rudolf Olgiati. Seine Architektur hat mich immer fasziniert. Er hatte für sich die Bedeutsamkeit historischer Entwurfsgrundsätze für die Architektur der Moderne erkannt. Man erinnert sich an das Alte und sieht sich gleichzeitig in der Gegenwart.“

„Dieses Gebäude von Mario Botta verstehe auch ich nicht wirklich. Es kann sein, dass er versuchte, ohne kontextuellen Bezug mit dem Bau einen neuen Ort zu schaffen.“

Archiektur als Handwerk: Das analoge Arbeiten hat bei Meinrad Morger nach wie vor grosse Bedeutung © Armin Schärer / Architektur Basel

Es ist interessant, dass du die Tendenza erwähnst. Es gibt einen Bau in Basel, den ich vielleicht einfach zu wenig verstehe, der sich in meinen Augen kaum mit dem Kontext auseinandersetzt, nicht aus dem Ort heraus gedacht ist. Ich rede vom Botta am Aeschenplatz.
„Dieses Gebäude von Mario Botta verstehe auch ich nicht wirklich. Es kann sein, dass er versuchte, ohne kontextuellen Bezug mit dem Bau einen neuen Ort zu schaffen. Für mich war innerhalb der Tendenza Luigi Snozzi viel wegweisender. Der nahm mitunter auch eine moralische Haltung ein. Das interessierte mich dazumal sehr. Und Monte Carasso war für mich beispielhaft. Er revitalisierte den zerstückelten Ort durch verschiedene zurückhaltende zeitgemässe Eingriffe und gab ihm dadurch eine neue Identität. Im Alter von 20 Jahren begegnete ich Luigi Snozzi zum ersten Mal bei einem Vortrag in Baden – mit all seinen berühmten Aphorismen. Vor etwa fünf Jahren habe ich ihn dann wieder an der TU in Darmstadt gehört. Er zeigte zum grossen Teil dieselben Projekte und Aphorismen. Ich gratulierte ihm: „Nach fast vierzig Jahren ist Deine Botschaft immer noch aktuell und gültig.“

Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel


Teil 1 > Meinrad Morger: „Es gab zwei Strömungen in Basel, die für uns beide wichtig waren“

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