Podium zum Hochhausbau: Mr. Skyscraper und die trojanischen Pferde

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Das Podiumsgespräch „Nauentor, Oppenheim und Co. Was bringen Hochhäuser und Stadtverdichtung?“ bot Anlass für viel Gesprächsstoff. Vom Mr. Skyscraper war die Rede, von trojanischen Pferden, Nostalgie und Sprengstoff. Das Publikum im übervollen Veranstaltungsraum an der Dufourstrasse kam in den Genuss einer abwechslungsreichen Diskussion über Hochhäuser, Verdichtung, Wachstum und Marktlogik.

Es ging schon auf das Ende der Diskussion zu, da wollte der Journalist und Wachstumskritiker Felix E. Müller wissen: „Wie reisst man ein Hochhaus eigentlich ab?“ Die beiden Architekten in der Runde, Meinrad Morger und Emanuel Christ, zwar etwas irritiert, antworteten unisono: „Man sprengt es.“ Die Szene war irgendwie bezeichnend für den wenig fruchtbaren Dialog zwischen Müller und den Architekten. Er sei für eine Wachstumsgrenze bei Hochhäusern, meinte Müller. Es könne nicht sein, dass diese immer mehr und höher würden. „Irgendwo muss es doch eine Grenze geben!“ Morgers trockener Konter: „Die Statik sagt dann schon, wann Schluss ist.“ Wir nehmen unsere Kritik am Podium vorweg: Müller war eine Fehlbesetzung. Seine wachstumskritischen Voten changierten irgendwo zwischen wertkonservativ und reaktionär. Dem Podium hätte eine progressive, grüne, aber vor allem eine weibliche Stimme gut getan. Ein reines Männerpodium. „Ausgerechnet beim Thema Hochhaus“, merkte Organisatorin Sarah Barth selbstkritisch an.

Meinrad Morger © Architektur Basel

Meinrad Morger im Stile von Corbu: „Diese Skizze ist wichtg!“ Foto © Architektur Basel

Moderator Dominique Spirgi lancierte die Diskussion mit der Frage, ob der aktuelle Hochhausboom überhaupt noch zu stoppen sei. Der von Spirgi als „Mr. Skyscraper“ eingeführte Meinrad Morger relativierte: „Ich würde nicht von einem Boom sprechen.“ Es gebe schlicht ein Bedürfnis, so hoch zu bauen. Die Gründe dafür seien in erster Linie ökonomischer, aber auch ökologischer Natur. Er holte eine Skizze hervor: „Die ist wichtig!“ Im Stile von Le Corbusier zeigte er dem Publikum, dass im Claraturm die Wohnfläche von 100 Einfamilienhäusern unterkommt, aber nur einen Bruchteil der Grundfläche konsumiert wird. Der Hochhausbau sei eine Antwort auf die grundlegende Frage der sinnvollen Ressourcenverteilung. Erschliessungsfläche und Mobilität würden dank Hochhäusern verringert.

Ob es nicht einfach geil sei, ein Hochhaus zu bauen, wollte Spirgi von Emanuel Christ wissen. „Es ist eine Form von Genugtuung, wenn viele Menschen das Haus sehen, sich damit auseinandersetzen“, gab Christ zu. Es sei aber gleichzeitig eine grosse Verantwortung. „Wir haben viel Einfluss auf die Gestalt der Stadt, was eher unheimlich, aber sicher nicht geil ist.“ Christ bezeichnete den Bau von Hochhäusern als Ausdruck einer rationalen Marktlogik. Und weiter: „Architekten sind der Marktlogik verpflichtet.“ Insbesondere bei grossen Investoren gehe es letztlich um die Rendite. Der Architekt als reiner Erfüllungsgehilfe? Nicht ganz. „Wir träumen von trojanischen Pferden.“ Zum Glück. Christ sprach von der subversiven Aufgabe des Architekten, auch beim renditeorientierten Bauen stets den Mehrwert für die Gesellschaft im Auge zu haben. Dies könne beispielsweise bei der Gestaltung von Grün- und Freiflächen passieren. Zum Glück gebe es in Basel – im Unterschied zu Zürich – die Mehrwertabgabe, ergänzte Morger. Auch wenn sie vielen Investoren ein Dorn im Auge sei. Mit den Geldern der Basler Mehrwertabgabe werden öffentliche Räume, Parks und Plätze, aufgewertet. Morger: „Die Mehrwertabgabe ist eine grosse Errungenschaft.“

Emanuel Christ © Architektur Basel

Emanuel Christ: „Wir träumen von trojanischen Pferden.“ Foto © Architektur Basel

Irgendwann gegen Ende kam dann auch der geplante Abbruch des Rostbalkens am Bahnhof SBB zur Sprache. Zur Erinnerung: Christ hatte sich in einem NZZ-Artikel für dessen Erhalt als Baudenkmal stark gemacht. Morger seinerseits plant die Neubebauung namens Nauentor. Beide Architekten waren sichtlich bemüht, dieser durchaus kontroversen Ausgangslage den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sein Artikel sei in erster Linie ein „nostalgisches Statement“ gewesen, bemerkte Christ. Der Bau habe viel mit seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen zu tun. Der Baukomplex sei eine Art Moloch, die Durchgangssituation für Fahrradfahrer und Fussgänger ungenügend. „Dann kommt der Meinrad und stellt ein neues Projekt mit drei Türmen hin.“ Der angesprochene reagierte zurückhaltend. Es sei durchaus möglich, dass die bestehende Struktur erhalten bliebe. Noch sei nichts entschieden. Morger fasste zusammen, was bisher in dieser Form nie öffentlich kommuniziert worden war: „Der Postreiter wird umgenutzt.“ Das Nauentor, ein Umnutzungsprojekt also.

Und so blieb am Ende wenig Streitlust übrig. „Das ist alles wahr, was wir hier erzählen. Deshalb widersprechen wir uns kaum“, stellte Christ augenzwinkernd fest. Nichtsdestotrotz wurden eine ganze Reihe relevanter Themen angesprochen. Christ plädierte beispielsweise dafür, im Hochhaus unkonventionelle Wohnmodelle zu realisieren. Es könne nicht sein, das man immer und immer wieder den Standard reproduziere. Hier seien die Investoren gefordert. Auch die von Morger angestossene Diskussion über die Verwendung der Ressourcen ist von grosser Relevanz. Graue Energie, Mobilität, Flächenverbrauch, Mehrwert, alles Themen die man in einer möglichst gesamtheitlichen Betrachtung gegeneinander abwägen muss. Soviel ist klar: Die Arbeit wird Mr. „Skyscraper“ Morger und Christ beim Bau von trojanischen Pferden nicht ausgehen.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

 

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