Wettbewerbe 07.01.26

© sample+, Zürich

«Stöckli-Wohnen» in Pratteln – der Blick auf alle rangierten Projekte

Es gibt sie noch. Die offenen Wettbewerbe in der Region Basel. Mit einem solchen suchte die Genossenschaft Gewona Nord-West eine passgenaue, architektonische Antwort auf die Frage, wie sich im Einfamilienhausquartier in Pratteln eine massvolle Nachverdichtung mit zeitgemässem «Stöckliwohnen» verbinden lässt. Der bestehende Garten bildete dabei den räumlichen und programmatischen Mittelpunkt. Im heutigen Artikel blicken wir auf alle sechs rangierten Projekte.

Zwischen Einfamilienhäusern und Nachkriegsmoderne: Die Parzelle im Kontext © Gewona Nord-West

Die Aufgabe war anspruchsvoll. In einer von Einfamilienhäusern geprägten Umgebung mit wertvollem Baumbestand verlangte das Programm «präzise Antworten zur Setzung der Gebäude sowie zum Umgang mit Terrain und Grünraum». Aufgrund von Parzellengeometrie, Ausrichtung und Geländesprung blieb die städtebauliche Bandbreite begrenzt, dennoch zeigten die Projekte unterschiedliche Haltungen. Viele Beiträge ordneten den Neubau entlang der westlichen Parzellengrenze an und stärkten damit eine zusammenhängende Grünanlage. Andere Entwürfe schufen stärker introvertierte Wohnwelten. Diese führten laut Jury teilweise zu «fragmentierten Aussenräumen, was angesichts der bestehenden Freiraumqualität schwer vertretbar ist».

Garten mit Geschichte: Der Bestand an der Wartenbergstrasse © Gewona Nord-West

Auch der Umgang mit dem Bestand blieb offen. Rund die Hälfte der Teams setzte auf Erhalt, allerdings mit sehr unterschiedlicher Eingriffstiefe. In der Beurteilung wurde klar, dass ein Weiterbauen nur bei «reduzierten, ressourcenschonenden Eingriffen» als angemessen gilt, während tiefgreifende Umbauten verworfen wurden. Beim Wohnungsmix wünschte sich die Jury mehr typologische Schärfe. Gleichzeitig wurde festgehalten, dass einzelne Projekte «mit dem gemeinschaftlichen Angebot über das Ziel hinausschiessen». Der Wettbewerb zeigte exemplarisch, wie fein die Balance zwischen Gemeinschaft, Effizienz und Freiraum bei der Nachverdichtung im Einfamilienhausquartier austariert werden muss. Am besten wurde die Aufgabe von der ARGE OAEU Architektinnen + Conrad Kersting aus Basel und Zürich gelöst. Die Jury lobt ihren präzisen Beitrag: «Alles in allem handelt es sich beim Projekt «Lindenstrasse» um einen ungemein feinfühligen Vorschlag, der auf vielen Ebenen durch seine Angemessenheit besticht. Bestandsbau und Garten bleiben in ihrer identitätsstiftenden Wirkung erhalten und werden neu für viele Menschen erlebbar.» Es lebe die Varianz! Gerne blicken wir auf alle sechs rangierten Projekte. Die Beschriebe stammen aus dem Jurybericht.

1. Rang / 1. Preis 🏆 LINDENSTRASSE Architektur: ARGE OAEU Architektinnen + Conrad Kersting, Basel/Zürich Landschaft: zwikr studio, Basel

© ARGE OAEU Architektinnen + Conrad Kersting, Basel/Zürich

Das Projekt «Lindenstrasse» veranschaulicht einen feinfühligen und sorgfältigen Umgang mit dem Vorgefundenen. Es überzeugt durch eine klare städtebauliche Setzung sowie ein präzise ausgearbeitetes Vegetations- und Erschliessungskonzept. Auf der Grundlage einer genauen Analyse von Bestandsbau und Garten entwickeln die Autor:innen eine gut austarierte Eingriffsstrategie. Ziel ist es, den Charakter des Ortes zu bewahren und zugleich nutzbar zu machen. Der Garten wird dabei als zusammenhängender, atmosphärisch dichter Raum erlebbar. Das bestehende Wohngebäude wird sanft saniert und kann künftig als Familienhaus oder Gross-Wohngemeinschaft genutzt werden. Ergänzt wird es durch einen gemeinschaftlichen Pavillon auf der Ostseite, der den Vorbereich zur Wartenbergstrasse räumlich fasst. Es entsteht ein filterartiger, leicht geschützter Zugang zur Parzelle. Dahinter entwickelt sich – unter der Linde – ein gemeinschaftlicher Aussenraum, der als Herz der neuen Wohnkonstellation fungiert. Kritisch diskutiert wird hier das zentrale Wasserbecken, dessen Grösse und Position die gemeinschaftliche Nutzung einschränken könnten.

© ARGE OAEU Architektinnen + Conrad Kersting, Basel/Zürich

In respektvollem Abstand zum Bestandsbau ergänzt ein einfacher, langgestreckter Holzbau an der westlichen Parzellengrenze die Anlage. Der Garten bleibt in seiner räumlichen Dimension und in seinem Charakter erlebbar. Der leicht vom Boden abgelöste, dreigeschossige Neubau ist klar und funktional organisiert. Zwei identische, zweibündig strukturierte Wohnungen stehen für eine pragmatische Sparsamkeit, die im Zusammenspiel mit dem reichen Aussenraum sehr stimmig wirkt.

© ARGE OAEU Architektinnen + Conrad Kersting, Basel/Zürich

Die Grundrisse sind einfach, aber geschickt angelegt. Die lineare Schichtung ohne innere Erschliessung ermöglicht eine gute Zonierung vom privaten Rückzugsbereich bis zum grosszügig proportionierten Wohnraum an der Laube und erlaubt sogar natürlich belichtete Badezimmer. Zudem lässt das vorgeschlagene Layout eine Vollbelegung der Wohnungen zu, was für die Genossenschaft einen Mehrwert darstellt. Der vorgelagerte Aussenraum schafft einen spannenden Übergang zum Garten, dessen ursprüngliche Qualität weitgehend bewahrt bleibt. Über zwei vorgelagerte Treppen wird der Garten zum gemeinschaftlich gelebten Ort. Im Kontrast zur naturbelassenen Aussenwirkung schlagen die Autor:innen eine dunkle, glänzende und in ihrer Materialität japanisch anmutende Innenwelt vor, die im Fachgremium kontrovers diskutiert wird. Der hintere Gartenbereich bleibt unangetastet; ein schlichter Trampelpfad führt zwischen den bestehenden Gehölzstrukturen hinauf zum Rütschetenweg.

© ARGE OAEU Architektinnen + Conrad Kersting, Basel/Zürich

Konstruktiv ist der Neubau als konsequenter Holzbau konzipiert. Aufgesetzt auf querlaufende Streifenfundamente, integriert sich der ruhige, aus unbehandeltem Holz gefügte Baukörper harmonisch in den Garten. In seiner Machart als klassischer Holzbau verspricht das Gebäude eine hohe Nachhaltigkeit. Die Bauweise ist wirtschaftlich und kann nahezu von jeder Zimmerei umgesetzt werden.

© ARGE OAEU Architektinnen + Conrad Kersting, Basel/Zürich

Alles in allem handelt es sich beim Projekt «Lindenstrasse» um einen ungemein feinfühligen Vorschlag, der auf vielen Ebenen durch seine Angemessenheit besticht. Bestandsbau und Garten bleiben in ihrer identitätsstiftenden Wirkung erhalten und werden neu für viele Menschen erlebbar. Das neue Programm fügt sich ruhig und unaufgeregt in die örtliche Bebauungsstruktur ein und schafft so ein stimmiges Ensemble für gemeinschaftliches (Alters-) Wohnen in Pratteln.  

2.Rang / 2. Preis RETO MARTHA GIORGIO Architektur: sample+, Zürich Landschaft: EDER Landschaftsarchitektur, Zürich

© sample+, Zürich

Das Projekt «Reto Martha Giorgio» verfolgt die Idee einer Hausgemeinschaft mit unterschiedlichen Lebensformen, die sich in drei Baukörpern mit klar differenzierten Typologien manifestiert. Über Laubengänge verbunden, bilden die Volumen ein Ensemble mit zwei Erschliessungen und zwei Liften. Besonders überzeugt die sorgfältige städtebauliche Setzung: Eine zentrale, barrierefreie Erschliessung bindet sich eng ans Gebäude, gliedert den Garten in differenzierte Räume und schafft eine Piazza als verbindendes Zentrum. Diese räumliche Organisation ermöglicht vielfältige Nutzungen und Atmosphären und fördert zugleich die Begegnung. Der Umgang mit der Topografie – insbesondere das Abknicken des letzten Baukörpers – ist ein starker, kluger Eingriff, der die Aussenräume zusätzlich bereichert.

© sample+, Zürich

Die innere Organisation zeigt Vielfalt und funktionale Klarheit. Im westlichen Baukörper entstehen eine 4-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss sowie zwei kompakte 2-Zimmer-Wohnungen darüber. Angeschlossen sind gemeinschaftliche Nutzräume wie Waschküche und Trocknungsraum. Das mittlere Haus bietet im Erdgeschoss ein grosszügiges, flexibel nutzbares Clusterwohnen mit direktem Gartenbezug; darüber drei 3-Zimmer-Wohnungen mit gut geschnittenen 60 m² sowie im Dachgeschoss einen Gemeinschaftsraum mit Küche und Dachgarten. Der südliche Baukörper schliesst das Ensemble mit vier klar organisierten 2-Zimmer-Wohnungen ab. Die Grundrisse sind durchweg einfach, gut nutzbar und bieten Rückzug ebenso wie Gemeinschaftsbezug.

© sample+, Zürich

Die drei Volumen fassen einen grosszügigen Garten, dessen Qualität durch die volumetrische Staffelung und die gezielte Abkippung des Punkthauses wesentlich geprägt wird. Positiv hervorzuheben ist der bewusste Übergang von Gebäude zu Garten, der auch mobilitätseingeschränkten Personen gute Erlebbarkeit und attraktive Blickbeziehungen eröffnet.

© sample+, Zürich

Kritisch zu sehen sind jedoch die Randbereiche und Übergänge zur Nachbarschaft, die wenig präzise ausformuliert erscheinen. Auch die Adressierung entlang der Wartenbergstrasse überzeugt nicht: Die durchgehende Parkplatzfront wirkt wenig einladend und verstärkt die introvertierte, nach aussen abgeschirmte Haltung des Projekts. Damit verliert das Ensemble an Offenheit und im Quartiersbezug an Qualität. Hinzu kommen die ökologisch fragwürdige Abwicklung der drei Baukörper sowie ein sehr hoher Glasanteil. Nicht erkennbar ist zudem ein Mehrwert des Neubauvolumens zur Wartenbergstrasse, der den Abbruch des Bestandes rechtfertigen würde.

© sample+, Zürich

Insgesamt verbindet das Projekt eine klare städtebauliche Haltung mit vielfältigen Typologien und gut nutzbaren Grundrissen. Es schafft Räume für Gemeinschaft und Rückzug und stärkt über seinen Gartenbezug das innere Gefüge. Gleichzeitig bleibt es nach aussen zu verschlossen, wodurch sein Potenzial im Quartier und im städtebaulichen Kontext nicht voll ausgeschöpft wird.  

3. Rang / 3. Preis TOTORO Architektur: ARGE Eckert Höppner Wahl, Zürich Landschaft: StudioPass, Zürich

© ARGE Eckert Höppner Wahl, Zürich

Der Entwurf schlägt eine konsequente Neubebauung des Areals vor. Das Projekt «Totoro» öffnet den Garten nach Süden zur dicht bewachsenen Böschung hin. Der Bezug zur natürlichen Umgebung des Wartenbergs sowie der Abschluss gegen den Rütschetenweg werden stimmungsvoll umgesetzt und schaffen eine gefasste, grüne Wohnsituation. Die Eingriffe in den bestehenden Garten bleiben gering und nachvollziehbar, wodurch die Qualität des Freiraums gewahrt bleibt. Die dreigeschossige Bebauungsstruktur besteht aus vier ungleichen Häusern, die über offene Erschliessungsbereiche miteinander verbunden sind. Sie entwickelt sich entlang der westlichen Parzellengrenze und verjüngt sich gegen Süden. Bewohnende und Besuchende gelangen über einen direkten Zugang von der zusammenhängenden Parkierungsfläche an der Wartenbergstrasse sehr unvermittelt in die durchgängige Gartenwelt, die unter den Bäumen unterschiedliche Aufenthaltsorte und -qualitäten bietet. Der Garten selbst wird als grosszügiger, zusammenhängender Raum verstanden. Allerdings bleibt der langfristige Erhalt der prägenden Linde – auch im Hinblick auf baurechtliche Vorgaben – ungewiss.

© ARGE Eckert Höppner Wahl, Zürich

Typologisch sind die Bauten als zwei Paare konzipiert. Volumetrisch wird aber versucht, die Häuser zusammenzufassen, was vermutlich zu baurechtlichen Problemen führen könnte. Die Wohnungsgrössen variieren entsprechend der Tiefe der vier Baukörper. Die Individualzimmer liegen an der westlichen Gebäudekante, während sich Küchen und Wohnbereiche vollverglast zum Garten hin öffnen. Das erste Haus an der Wartenbergstrasse ist unterkellert und bietet die notwendigen Infrastrukturräume für die Gesamtüberbauung. Ein expressives Photovoltaikdach verbindet die vier Volumen und formt über eine giebelartige Dachstruktur einen zusammenhängenden Längskörper, der von den offenen Erschliessungsbereichen durchbrochen wird.

© ARGE Eckert Höppner Wahl, Zürich

Konstruktiv ist das Projekt als feingliedriger Hybridbau aus Brettschichtholzdecken und Vollholzstützen konzipiert. Trotz bewusster Systemtrennung überzeugt die konstruktive und statische Ausformulierung jedoch noch nicht: Sie zeigt diverse Mängel und Widersprüche, insbesondere im Hinblick auf ökologische Nachhaltigkeit und Kosten. Vielmehr scheint das Interesse der Autor:innen auf eine formale, bewusst technoide Wirkung des Baukörpers gerichtet zu sein – die metallische, verbindende Erscheinung steht in klarem Kontrast zum wilden Garten. Der Auftritt zum Quartier wirkt dadurch etwas schroff und unvermittelt.

© ARGE Eckert Höppner Wahl, Zürich

Der Vorschlag «Totoro» leistet mit seiner überraschenden Setzung einen interessanten Beitrag zur Diskussion, wirkt jedoch in seiner räumlich-architektonischen Durcharbeitung schematisch und rigide. Das Projekt vermag den Mehrwert einer neuen, gemeinschaftlichen Nutzung nur bedingt glaubhaft zu vermitteln und bleibt in seiner Wirkung ortsfremd.  

4. Rang/4. Preis SATTELSCHLEPPER Architektur: Teilzeit Kollektiv, Zürich Landschaft: Studio Koppj, Zürich

© Teilzeit Kollektiv, Zürich

Als zentrale Entwurfsidee etabliert das Projekt «Sattelschlepper» eine Achse, welche als lineare Verbindung zwischen Wartenbergstrasse und Unterem Rütscheteweg fungiert. Sie wird in Form einer Pergola, die sich zum Laubengang entwickelt und schliesslich als Steg den Anschluss im Süden schafft, architektonisch artikuliert. Daran angeordnet sind sämtliche Nutzungen – gleichzeitig gliedert die offene Struktur die Parzelle und dient als «Filterschicht» zwischen Haus und Garten. Die zentral platzierte Erschliessung teilt den Garten in zwei Hälften, wobei die Nördliche mit Bezug zum Nachbarsgarten als naturnaher, zusammenhängender Raum mit wenigen punktuellen Eingriffen in den Bestand verstanden wird. Durch die Setzung des Gebäudes, welches in die Böschung im Süden der Parzelle ragt, sind topografische Eingriffe in Form von Stützmauern notwendig. Während die axiale Haupterschliessung klar strukturiert und gemeinschaftsstiftend wirkt, bietet der geschwungene Nebenweg durch den Garten einen ruhigen Kontrast. Die Eingangssituation hingegen wird von der blockartig angeordneten Parkierung stark dominiert und wirkt wenig einladend.

© Teilzeit Kollektiv, Zürich

Den Auftakt an der Strasse macht das bestehende Haus. Es wird als «Villa Kunterbunt» zum Genossenschaftshaus mit zumietbaren Atelier- und Gästezimmern sowie einem grossen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss. Die bestehende Gartenveranda im Westen wird zu Gunsten der Pergola, die die neue Adresse an der Strasse bildet, rückgebaut. Diesen Umstand beurteilt die Jury als räumlichen Verlust. Zwischen Neubau und dem Bestand entsteht als Wintergarten ein unbeheizter, gedeckter Gemeinschaftsbereich, der sich zur Linde orientiert und auch die Waschküche beherbergt.

© Teilzeit Kollektiv, Zürich

Der Neubau verfügt über eine zentrale Erschliessung sowie eine dem Laubengang angelagerte Wendeltreppe, die eine Abkürzung in den Garten ermöglicht. Der leicht abgeknickte Steg im Süden ermöglicht eine barrierefreie Erschliessung zum Unteren Rütscheteweg. Der Neubau verfügt über vierzehn Wohnungen und hat kein Untergeschoss. In den beiden unteren Geschossen befinden sich 2- und 3-Zimmer-Wohnungen, die jeweils über einen leicht zurückversetzten Balkon betreten werden. Dahinter befinden sich Küche und Esszimmer.

© Teilzeit Kollektiv, Zürich

Der Wohnraum befindet sich auf der Ostseite. Die 3-Zimmer-Wohnungen haben jeweils ein Zimmer, das sich am Laubengang befindet. Hier kann die Privatheit nur bedingt gewährleistet werden. Im Dachgeschoss befinden sich zwei Familienwohnungen, welche mit einer Wohnfläche von 144 m² dem Ziel von preisgünstigem Wohnraum und Suffizienz widersprechen.

© Teilzeit Kollektiv, Zürich

Der äussere Ausdruck des Hauses ist geprägt von hinterlüfteten Vollholzplatten, die stehend angeordnet sind. Die Fassade erfährt dadurch eine vertikale Gliederung. Die Fensterformate sind allesamt stehend und basieren auf einem einheitlichen Raster. Die vorgelagerte Pergola besteht aus einer filigranen Stahlkonstruktionen mit offen gezeigten Windverbänden zur Aussteifung. Das grosse Satteldach samt sechzehn Dachgauben ist beidseitig mit Welleternit eingedeckt.

© Teilzeit Kollektiv, Zürich

Der Holzbau mit Brettstapeldecken und Betonplatte als Gründung überzeugt durch ein konsequentes Achsraster, weist jedoch konstruktive Schwächen auf. Besonders problematisch sind die Balkone und Wohnungstrennwände, da thermische Trennung und Schallschutz ungenügend berücksichtigt erscheinen. Auch die Orientierung der Decken ist unklar; bei längs gespannter Ausführung wären Unterzüge nötig, die weder dargestellt noch mit der Grundrissanordnung vereinbar sind. Zudem ist der Mehrwert der vollverglasten Gauben fraglich.

Insgesamt überzeugt der Vorschlag «Sattelschlepper» durch seine konzeptionelle Klarheit einer übergeordneten Erschliessungsform, die bei genauerer Betrachtung jedoch etwas schematisch wirkt. Beispielsweise scheint der Rückbau der bestehenden Veranda zu Gunsten einer feinen Pergola nicht verhältnismässig. Ebenso verunklärt der ungelenke Steg als Anschluss an den Unteren Rütscheteweg eine klare Adressierung. Insgesamt gelungen sind die Geschosswohnungen, die von einer präzisen Auseinandersetzung mit typologischen Fragen zeugen. Lediglich die Dachwohnungen weisen gewisse Mängel auf.

 

5. Rang/5. Preis INTERMEZZO Architektur: ARGE Kochhäuser + Vaynberg, Zürich Landschaft: Anna Greta Kochhäuser, Lorenzo Fassi, Zürich

© ARGE Kochhäuser + Vaynberg, Zürich

Das Projekt «Intermezzo» überzeugt durch eine sensible Auseinandersetzung mit dem Bestand und dem Umgang mit der besonderen Lage der Parzelle. Anstelle eines radikalen Eingriffs wird das bestehende Einfamilienhaus mit minimalen, aber gezielten Massnahmen in ein Mehrgenerationenhaus transformiert. Die historische Substanz bleibt weitgehend erhalten, wodurch die gewachsene Struktur des Quartiers respektiert und zeitgemäss fortgeschrieben wird. Dem Bestand gegenüber setzt ein Neubau am südlichen Ende des Gartens einen klaren Akzent. Gemeinsam mit dem bestehenden Haus entsteht ein gut proportionierter, gemeinschaftlich genutzter Gartenraum, dessen Qualität insbesondere unter der alten Linde überzeugt. Der Erhalt des ökologischen Reichtums und der Bestandesbäume wird positiv hervorgehoben und trägt wesentlich zur Identität des Projekts bei.

© ARGE Kochhäuser + Vaynberg, Zürich

Der Neubau selbst gliedert sich in zwei rechtwinklig zueinander gestellte Baukörper, die in Massstäblichkeit und Körnigkeit geschickt zwischen Bestand und neuerer Bebauung am Rütschetenweg vermitteln. Durch die Höhendifferenz reagiert der Entwurf präzise auf die Topografie und differenziert Garten- und Strassenraum.

© ARGE Kochhäuser + Vaynberg, Zürich

Die innere Organisation ist funktional und klar strukturiert. Entlang des Rütschetenwegs erhalten die Wohnungen eine Nord-Süd-Ausrichtung, während weitere Einheiten in «Back-to-Back»-Typologie nach Osten und Westen orientiert sind. Der Hang nimmt die Kellerräume auf, ergänzt durch einen gemeinschaftlich nutzbaren Wasch- und Aufenthaltsraum sowie eine zusätzliche Studiowohnung. Ein zentraler Erschliessungskern bindet das Haus zusammen und schafft im Erdgeschoss mit dem Gemeinschaftsraum eine direkte Verbindung in den Garten. In den Obergeschossen schlagen die Verfasserinnen flexible Grundrisse vor: Schiebetüren erlauben, Wohn- oder Essräume bei Bedarf in eigenständige Zimmer zu verwandeln. Damit wird auf unterschiedliche Haushaltsformen reagiert. Dennoch wurden die Grundrisse intensiv diskutiert und vermögen in ihrer konkreten Ausgestaltung nicht vollends zu überzeugen.

© ARGE Kochhäuser + Vaynberg, Zürich

Besonders positiv hervorzuheben ist die Qualität des Freiraums: Der Garten bleibt Herzstück der Anlage und wird zum verbindenden Element zwischen Alt- und Neubau. Damit gelingt eine zeitgemässe Interpretation gemeinschaftlichen Wohnens, die sowohl soziale wie auch ökologische Aspekte stärkt. Kritisch zu sehen sind die topografischen Eingriffe: Stützmauern und ein enger Haupterschliessungsweg ergeben sich aus der Gebäudepositionierung und beeinträchtigen die Leichtigkeit des Freiraumkonzepts. Auch der Übergang zwischen Innen- und Aussenraum könnte noch präziser ausformuliert sein. Die vorgeschlagene Mischkonstruktion aus Betonkernen mit der Erschliessung sowie Holzrippendecken erscheint grundsätzlich sinnvoll, bedarf jedoch einer genaueren Ausarbeitung. Zwar sind die Ziele einer nachhaltigen Bauweise zu begrüssen, sie geraten jedoch teilweise in Widerspruch: Der hohe Betonanteil und die fragliche Realisierbarkeit eines Stampflehmbodens auf einer Holzdecke stehen im Kontrast zur formulierten Nachhaltigkeitsabsicht.

© ARGE Kochhäuser + Vaynberg, Zürich

Insgesamt gelingt «Intermezzo» eine überzeugende Balance zwischen Respekt vor dem Bestand, Schaffung neuer gemeinschaftlicher Qualitäten und städtebaulicher Einfügung. Gleichzeitig zeigen sich in Detailfragen der Grundrisse, der Materialisierung und der topografischen Eingriffe Schwächen, die das Projekt in seiner Konsequenz noch schärfen könnte.  

6. Rang / 6. Preis WHEN THE SHIP COMES Architektur: ARGE Rico Bürkli & Patrick Meyer, Basel Landschaft: Perma Terra, Bäretswil

© ARGE Rico Bürkli & Patrick Meyer, Basel

Das Projekt etabliert einen neuen Dialog zwischen dem bestehenden «Vorderhuus» an der Wartenbergstrasse und dem «Hinterhuus» als Neubau im Garten. Der Blick in die Tiefe der Parzelle und darüber hinaus bis in die Landschaft, zum Wald und hinauf zum Wartenberg soll dabei offenbleiben. Die gemeinschaftlichen Nutzungen sind im Norden konzentriert, so dass der übrige Garten weitgehend in seiner heutigen Form mit seinen ökologischen Strukturen und Nischen und als Nutzgarten Raum erhalten bleibt. Die Wegführung ist einfach gehalten, während der Auftakt jedoch etwas unklar formuliert ist. Der Gemeinschaftsplatz in direkter Verbindung mit dem Gemeinschaftsraum, orientiert sich an den Nutzungen der Gebäude und schafft einen belebten sozialen Raum. Der südliche Teil bleibt ruhiger und privater. Die Parkierung entlang des Rütschetenwegs schafft eine kanzelartige Situation, die als unverhältnismässiger Eingriff in die Topografie beurteilt wird.

© ARGE Rico Bürkli & Patrick Meyer, Basel

Das Einfamilienhaus an der Wartenbergstrasse bleibt als «Vorderhuus» erhalten und markiert die Adresse der neuen Bebauung im Garten. Man betritt die Parzelle seitlich neben der Veranda, wo das Projekt das «Lindenplätzli» als Ort des Ankommens und der Gemeinschaft vorschlägt. Der Bestand wird grundlegend transformiert: Im Erdgeschoss entstehen Gemeinschaftsraum und Gästestudio, eine seitliche Rampe schafft den barrierefreien Zugang. Obergeschoss und Dach bieten Platz für eine Wohngemeinschaft oder Familie. Die Grundstruktur des Hauses bleibt zwar teilweise erhalten, die Verlegung der Treppe bedeutet jedoch einen grossen baulichen Eingriff, der kritisch beurteilt wird.

© ARGE Rico Bürkli & Patrick Meyer, Basel

Der längsorientierte Neubau im Garten – das «Hinterhuus» – ist parallel zur westlichen Parzellengrenze mit dem Mindestabstand von fünf Metern platziert. Es schwebt auf punktuellen Schraubfundamenten. Der Eingriff ins Terrain bleibt minimal. Damit kann der Garten in der östlichen Parzellenhälfte von Wartenbergstrasse bis Unterer Rütschetenweg in weiten Teilen erhalten bleiben. Der Neubau verfügt über insgesamt elf Wohnungen (pro Geschoss je zwei 3- und 4-Zimmer-Wohnungen) und besteht aus zwei Hälften. Die beiden Hausteile sind identisch und funktionieren als Zweispänner, wodurch der an das Treppenpodest angelagerte Balkon möbliert werden kann. Typologisch betrachtet besteht er aus drei Raumschichten und zwei dem Garten vorgelagerten Erschliessungsbalkonen. In den äusseren beiden Raumschichten befinden sich sämtliche Zimmer, in der Mittleren die Nebenräume, Bäder und Küchen. Die Belichtung der Küchen in der Wohnungsmitte ist nicht ideal.

© ARGE Rico Bürkli & Patrick Meyer, Basel

Die beiden Treppenhäuser finden im «Dachgarten», einer grosszügigen Dachterrasse, räumlich zueinander. Sie bietet als gemeinschaftlicher Aussenraum Platz für Hochbeete und Aufenthalt unter einer grossen Pergola. Die Angemessenheit wird von der Jury hinterfragt, da die Terrasse eine räumliche Konkurrenz zum Garten schafft. Ebenso verunklärt der grosse Dacheinschnitt die volumetrische Klarheit des Hauses. Im Dachgeschoss befinden sich neben der Waschküche drei knapp geschnittene Kleinwohnungen, die über Dachfenster und einem Stirnfassadenfenster belichtet werden. Die Funktionalität dieser Wohnungen scheint aufgrund der Schräge und minimalen Raumabmessungen eher problematisch.

© ARGE Rico Bürkli & Patrick Meyer, Basel

Während die Fassade des Bestandes weitestgehend erhalten bleibt, ist der architektonische Ausdruck des Neubaus geprägt durch eine hinterlüftete, gestrichene Holzbrettverschalung, die die Holzkonstruktion des Hauses gegen aussen widerspiegelt. Die beiden Längsfassaden sind mittels horizontalen Brüstungsbändern gegliedert, was den liegenden Charakter des Hauses unterstreicht. Einzig im Bereich der Wohnzimmer auf der Ostseite sind die Fenster raumhoch. Die beiden Stirnfassaden sind gestaffelt. Der vorgeschlagene Holzständerbau mit Holz-Beton-Verbund-Decken ist grundsätzlich machbar. Die thermische Masse der Decken bietet zwar Vorteile für Behaglichkeit und sommerlichen Wärmeschutz, muss aber in Bezug auf Mehrkosten und Konstruktionshöhe kritisch abgewogen werden. Unklarheiten bestehen zudem bei den Spannweiten: Die vorgesehenen Schraubfundamente erscheinen fraglich, da das Gebäude durch das Deckensystem deutlich schwerer wird und die Platzierung der Fundamente nicht optimal ist. Der Vorschlag «When the ship comes in» überzeugt in seiner städtebaulichen Klarheit und Einfügung in den Kontext. Sowohl formale wie auch funktionale Fragezeichen wirft aber die grosse Dachterrasse auf: Der Aufwand scheint mit Blick auf die Grösse des Projekts ungerechtfertigt. Ausserdem weisen die Wohnungen einige Schwachstellen auf. Trotz der genannten Mängel leistet das sorgfältig ausgearbeitete Projekt einen wertvollen Diskussionsbeitrag.