Uhrenfabrik Oris Hölstein | Baselbieter Baukultur #9

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Obschon ein Grossteil der Schweizer Uhrenindustrie in der Westschweiz angesiedelt ist, haben sich im Baselbiet in der Vergangenheit einige Feinmechanik-Unternehmen behaupten können. Die ORIS SA in Hölstein hat sich von der kleinen Manufaktur zur international bekannten Uhrenmarke entwickelt. Seit 1904 produziert sie in Hölstein im Waldenburgertal.

Sanfte Entwicklung in Etappen
Die Fabrikationsgebäude mit der mattrosa Fassade und dem augenfälligen Schriftzug in weiss bilden den Mittelpunkt des Feinmechanik-Betriebs. Wenn auch heute nicht mehr als solche genutzt oder vorhanden, gehörten zur erweiterten Oris eine ganze Menge weiteren Gebäude. Heute werfen wir einen Blick auf die Produktion und die Wohlfahrt. Das nächste mal schauen wir uns die Wohnhäuser für die Arbeitenden und die Direktion an.

Uhrenfabrik Oris, Hölstein © Börje Müller Fotografie

Uhrenfabrik Oris, Hölstein © Börje Müller Fotografie

Die Gebäude der Vorgängerfirma der «Oris Uhrenfabrik AG», die ihre Tore bereits 1853 öffnete, sind heute nur noch teilweise in den Grundmauern erhalten. Nach ihrem Konkurs übernahmen Paul Cattin und Georges Christian die Firma, die bis 1918 unter dem Namen «Cattin & Christian» produzierte.
Der heutige Bau besteht aus drei Teilen. Die Architekten Werner Oesch & Constant Rossier aus Le Locle erstellten 1910 den blassrosafarbenen viergeschossigen Fabrikteil parallal zur Frenke. Der Sockel ist überhoch und unterscheidet sich in seiner gräulich-weissen Farbgebung vom Rest. Die Fensteraufteilung ist jedoch dieselbe. Sogenannte Zwillingsfenster ziehen sich mit einigen Ausnahmen über das gesamte Fabrikationsgebäude. Die Fensterrahmen sind wie der Schriftzug jeweils weiss und stehen in klarem Kontrast zur Fassade. Ein umlaufendes Gesims trennt das oberste Geschoss vom Mittelteil und gliederte die Fassade. Im Gegensatz zu den eigenständigen brau-beigefarbenen Fenstergewänden des Mittelteils gehen jene darüber jeweils ohne eigene Brüstung direkt in das Gesims über. Die, obwohl fein gegliederten, grosszügigen, beinahe raumhohen Verglasungen dürften entscheidend für die feinen Arbeiten der Décollteure und Décollteusen gewesen sein. Einzelne und zu Gruppen zusammengefasste Lukarnen belichten die Innenräume der teilweise ausgebauten Walmdächer.

Gut belichtete Innenräume, Uhrenfabrik Oris, Hölstein © Börje Müller Fotografie

Gut belichtete Innenräume, Uhrenfabrik Oris, Hölstein © Börje Müller Fotografie

Auf den ersten Bau folgten mehrere Erweiterungsetappen. 1918 schloss ein Zwischenbau die Lücke zwischen Alt- und Neubau. Die Fassaden- und Fenstereinteilung wurden beibehalten. 1929 und zwischen 1944 und 1955 wurden die Gebäude abermals erweitert, etwa durch den Trakt mit blassgrüner Fassade. Der Liestaler Architekt Wilhelm Arnold ergänzte das Ensemble zwischen 1956 und 1962 mit Flachbauten in sandbraun. Alle drei grossen Bauetappen kommt somit eine Farbe zu. Trotzdem sind sie städtebaulich und architektonisch als eine grosse, zusammenhängende Fabrikanlage zu lesen.

Rücksichtslose Dachaufbauten
Seit 1982 heisst die «Oris Uhrenfabrik AG» nun «ORIS SA». Mit der Liquidation der alten Firma und dem neuen Namen wurde auch das Ensemble auseinandergerissen. Nur mehr der rosa Teil gehört zur Uhrenfabrik, die anderen beiden Teile sind an unterschiedliche Firmen verkauft worden. Vermutlich aus Platzproblemen sind sowohl Teile des grünen wie auch des braunen Trakts aufgestockt worden. Die Aufbauten orientieren sich so gut wie gar nicht an den historischen Gebäuden. Der Dachaufbau des grünen Teils kommt in lahmer Containerästhetik in metallenem grau daher, jener des braunen Teils gar in kubischer Manier mit Übereck-Bandfenstern. Aus architektonischer Sicht gibt es dafür absolut keine Begründung. Das Bauinventar der Denkmalpflege Baselland klassiert den rosa Bau immerhin als «kommunal schützenswert», die nun durchaus verunstalteten Ergänzungsbauten sind nicht eingestuft.

Gesamte Entwicklung: blassrosa (links), blassgrün (mitte), sandbraun (rechts), mit fragwürdigen Dachaufbauten in Metall, Hölstein © Architektur Basel

Gesamte Entwicklung: blassrosa (links), blassgrün (mitte), sandbraun (rechts), mit fragwürdigen Dachaufbauten in Metall, Hölstein © Architektur Basel

Kantine in nächster Nähe
Die Architekten Brodtbeck & Bohny erstellten 1946 an der Bennwilerstrasse südlich der Manufaktur ein gegen die Strasse hin zweigeschossiges Wohlfahrtsgebäude. Zur tiefer gelegenen Ribigasse entlang der Frenke wurde ein Sockel ausgebaut. Trotz nüchterner Nachkriegsarchitektur sind die Funktionen des eher kleinen Gebäudes an der Fassade ablesbar. Hinter der grossen westlichen Fensterfront im Erdgeschoss liegt der Esssaal der Kantine, die Küche ist hinter den kleinen Fenstern gegen Osten gleich neben Anlieferung und dem Toilettentrakt. Wohnungen für Angestellte, Hauswartung und Koch sind im Obergeschoss mit eigenen Balkonen untergebracht. Das gesamte violettfarbene Gebäude wurde später zu Atelier und Büroräumen umgebaut und – schliesslich abgerissen. Offenbar ist das Prädikat «kommunal schützenswert» allein kein Argument für eine sanfte Sanierung und Reaktivierung.
Es stellt sich die Frage, inwiefern eine Schutzempfehlung tatsächlich ein Hindernis für den Abriss eines solchen Gebäudes sein kann. Nüchtern betrachtet ist der Wohlfahrtsbau alleine keine Perle und in seiner Art auch keine Einzelerscheinung. Im Kontext betrachtet bildet er jedoch den Abschluss des Industrieareals (danach folgen direkt zwei Kirchen) und komplettiert das Ensemble einer klassischen industriellen Anlage. Wir erinnern uns an eine ähnliche Struktur der Gebäude der Firma Rohner in Pratteln und jene des Klybecks in Basel.

Ehemaliges Wohlfahrtsgebäude, Hölstein © Börje Müller Fotografie

Ehemaliges Wohlfahrtsgebäude, Hölstein © Börje Müller Fotografie

Die Uhrenfabrik war Arbeitgeber für Teile der Hölsteiner Bevölkerung. Es wurden deshalb auch eine ganze Reihe Arbeiterhäuser erstellt. Um diese Architekturen kümmern wir uns nächste Woche!

Fabrikationsgebäude
Funktion: Fabrikbau (Feinmechanik)
Adresse: Ribigasse 1, 4434 Hölstein
Baujahr: 1910 (blassrosa)
Erweiterungen: 1918/1929 (blassrosa) /1944-1955 (blassgrün) /1956-1962 (sandbraun)
Vorgängerbauten: 1853/1902
Architektur: Werner Oesch & Constant Rossier, Wilhelm Arnold (ab 1956)

Wohlfahrtsgebäude
Funktion: Kantine, Wohlfahrt
Adresse: Bennwilerstrasse 8, 4434 Hölstein
Baujahr: 1946 (violett)
Architektur: Brodtbeck & Bohny


Text:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Fotos:
– © Börje Müller Fotografie
– © Simon Heiniger / Architektur Basel
Quellen:
– Hasche, K. & Hanak, M. (2010), Bauten im Baselbiet: eine Architekturgeschichte mit 12 Spaziergängen, Schwabe AG, Basel. ISBN: 978-3-7965-2664-0
– Affolter, C. im Auftrag der Denkmalpflege BL (2004), Bauinventar Kanton Basel-Landschaft BIB, Gemeine Hölstein.

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