Veranstaltungen 30.09.26

Vertraute Verschiebungen

Tony Frettons Architektur beginnt mit dem genauen Hinsehen, der Beobachtung. Die Ausstellung «Tony Fretton: Practice» im S AM verfolgt diese Haltung durch mehr als vier Jahrzehnte – von den frühen Londoner Galerien bis zu internationalen Wohn- und Verwaltungsbauten und einem neuen Fotoessay über die Basler Kunsthalle.

«Die materielle Welt ist mein natürlicher Lebensraum», schreibt Tony Fretton zu Beginn der Ausstellung. Der Satz führt direkt in sein Werk. Gebäude, Strassen, Landschaften und alltägliche Gegenstände tragen Erinnerungen und gesellschaftliche Vorstellungen in sich. Seine Entwürfe setzen bei diesen Spuren an. «Tony Fretton: Practice» ist die erste Ausstellung des S AM unter der Direktion von Adam Szymczyk und entstand in engem Austausch mit Fretton. Texte, Fotografien, Zeichnungen und Skizzenbücher verteilen sich auf vier Kapitel: Culture, Society, Existence und Reflection. Die Schau folgt dabei Motiven und Fragestellungen, die über Jahrzehnte wiederkehren.

Innenraum von Mute Records, London, UK, 1986 / Interior of Mute Records, London UK, 1986

Fotocollage ‹Get Ready›, London, UK, 1981, Bild bereitgestellt von Drawing Matter Collections (DMC 2893) / Photo-collage ‘Get Ready’, London UK, 1981, Image courtesy of Drawing Matter Collections (DMC 2893)

Der Ursprung liegt in der Kunst. Anfang der 1980er-Jahre war Fretton Teil der Performancegruppe Station House Opera. Dort beschäftigte er sich mit Räumen, Körpern und Gegenständen und mit der Frage, wie Bedeutung aus ihrem Zusammenspiel entsteht. Diese Erfahrung prägt auch seine frühen Entwürfe, besonders die beiden Bauten für die Lisson Gallery in London.

Bei der Lisson Gallery reagiert Fretton auf das heterogene London rund um die Bell Street. Fassaden, Öffnungen und Proportionen greifen Vertrautes auf und setzen es neu zusammen. Die Stadt wird zum Fundus. Fragmente werden verschoben, vereinfacht und neu kombiniert. Gerade diese leichte Verschiebung macht die Bauten interessant: Man erkennt etwas wieder und schaut deshalb genauer hin.

Aussenfassade der neuen Britischen Botschaft und Residenz, Warschau, PL, 2009, Foto: Christian Richters / Exterior facade of the New British Embassy and Residence, Warsaw PL, 2009, Photo: Christian Richters

Mit dem Red House in Chelsea von 2000 erweitert sich dieses Repertoire. Klassische Symmetrien, historische Motive, moderne Abstraktion und die Bedingungen des Grundstücks stehen nebeneinander. Das Haus wirkt vertraut und zugleich eigensinnig. Architekturgeschichte bleibt bei Fretton ein Material, das sich weiterverwenden lässt.

Aussenfassade des Red House im Dialog mit den Nachbargebäuden, London, UK, 2001, Foto: Peter Cook / Exterior facade of the Red House in dialogue with the neighboring buildings, London UK, 2001, Photo: Peter Cook

Im Kapitel «Society» überträgt sich diese Haltung auf grössere Massstäbe. Wohnbauten in Kopenhagen und Amsterdam, das Rathaus in Deinze oder die britische Botschaft in Warschau reagieren auf unterschiedliche Vorstellungen von Öffentlichkeit, Repräsentation und Zusammenleben. Auch der 2022 fertiggestellte Wohnbau am Rheinfall in Neuhausen fügt sich in diese Reihe ein.

«Existence» führt schliesslich zu Arbeiten über Glaube und Tod. Beim Entwurf für ein tibetisch-buddhistisches Retreat auf der schottischen Holy Isle geben Meer, Topografie und einfache Bauformen den Takt vor. Die Landschaft wird selbst zum Entwurfsmaterial.

S AM Ausstellungsansicht ‹Tony Fretton: Practice› Foto © Tom Bisig S AM exhibition view ‘Tony Fretton: Practice’ Photo © Tom Bisig

S AM Ausstellungsansicht ‹Tony Fretton: Practice› Foto © Tom Bisig S AM exhibition view ‘Tony Fretton: Practice’ Photo © Tom Bisig

Der letzte Raum führt zurück nach Basel: Für «Reflection» richtet Fretton die Kamera auf die Kunsthalle und ihr Umfeld. Nach den eigenen Bauten wird damit das Haus untersucht, in dem die Ausstellung stattfindet. Der Blick auf Basel schliesst die Schau überraschend schlicht: mit genauer Beobachtung.

Die Ausstellung verlangt Zeit. Frettons Bauten erschliessen sich über Beziehungen zwischen Ort, Nutzung, Erinnerung und Form. Seine Praxis zeigt, wie viel Entwurf bereits im Vorhandenen steckt. Vielleicht erklärt das auch, warum seine Gebäude so selbstverständlich wirken und sich doch nicht sofort begreifen lassen.

Text: Laurence Ziegler / Architektur Basel


Tony Fretton: Practice
S AM Schweizerisches Architekturmuseum
Steinenberg 7, Basel
19. September 2026 bis 3. Januar 2027