Aktuelles 23.01.23

Bereits das Modell von Lysbüchel Süd veranschaulicht das Sammelsurium an materiellen und formalen Elementen – positiv spricht man von einem bunten Sträusschen oder der grossen Vielfalt. © foto-werk.ch

Was würde Hans Bernoulli zur Quartierentwicklung Lysbüchel Süd sagen?

Ein Ausflug in die Theorien von Bernoulli über Materialität im Städtebau

Bei einem Spaziergang durch den neuen Stadtblock Lysbüchel Süd erlaube ich mir die Frage, was wohl Hans Bernoulli, einer der wichtigsten Basler Architekten, Städtebauer und seinerzeit Hochschullehrer für Städtebau an der ETH Zürich, zu diesem neuen Stück Stadt sagen würde? Die Tatsache, dass die Grundstücke im Baurecht an Genossenschaften vergeben wurden, um sie der Spekulation zu entziehen, würde ihn sicherlich entzücken. Dass trotz des einheitlichen Grundeigentümers aber ein Sammelsurium an architektonischen – alle für sich durchaus hochwertig entworfenen – Elementen entstehen würde, entspräche wohl nicht seiner städtebaulichen Idealvorstellung.
Mit Bernoullis Theorie im Hinterkopf, frage ich mich, wie kann ein identitätsstiftender, behaglicher Ort entstehen, wenn die Architekten und Bauherren den Fokus nur auf ihre kleine Parzelle legen? Passiert hier etwas ketzerisch gefragt, nicht doch Ähnliches wie in den ganzen mittelländlichen Einfamilienhausquartieren – dass keine Kommunikation und keine gemeinsame Identität entsteht, weil jeder Baustein nur für und mit sich selber spricht? Ist es heute wichtiger, dass die einzelnen Häuser vermitteln, unter welchen sozialen oder nachhaltigen Aspekten sie entworfen wurden, als dass die Strasse als Stadtraum gedacht wird? Ein kurzer Ausflug in die Schriften von Bernoulli, die genau dieses Thema vor etwas mehr als hundert Jahren besprachen und ein Blick nach Berlin, wo die WerkbundStadt einen anderen Ansatz versuchte, liefert vielleicht Antworten zu den zuvor aufgeworfenen Fragen. Bernoullis Forderung nach mehr Einheitlichkeit zugunsten des Städtebaus Im Jahre 1908 publizierte Hans Bernoulli die Schrift «Vom Städtebauen». Darin stellte er fest, dass die Freizügigkeit des Baumaterials, die mit der Entwicklung der Eisenbahn zur Tatsache wurde, es ermöglicht habe, dass die Städte und Dörfer mit Material aus «aller Herren Welt» ausstaffiert werden. Hand in Hand haben auch Motive aus aller Herren Länder Beine bekommen, so Bernoulli – ohne Vorstellung davon, wie sich die Welt bis heute globalisieren würde. Mit der Emanzipation vom bodenständigen Material und von der bodenständigen Bauweise habe sich ein regelrechtes Sprachensammelsurium ergeben, weil jeder seiner Liebhaberei nachgehe und eine eigene Sprache spricht. Dies führt laut Bernoulli dazu, dass wir keine Städte mehr bauen können. Sie zerfallen in lauter einzelne Häuser. Zuvor hätten sich die Häuser in nachbarlicher Gesinnung eingeordnet und man habe kein plumpes Übertrumpfen gekannt, so die etwas polemisch formulierte Behauptung von Bernoulli. Die gesunde Sachlichkeit macht er in der einheitlichen Materialität und der meist auch einheitlichen Farbgebung aus. Seine Überlegungen führte er im späteren Artikel «Die Einheit des Materials im Aufbau der Städte» von 1908 und 1912 weiter aus: «Der Architekt des einzelnen Hauses übernimmt seinen Anteil am Aufbau der Stadt. Er glaubt nur einen einzelnen Bau zu errichten und widmet sich allen Ernstes dieser Aufgabe. Er versucht seinem persönlichen Schönheitsideal Ausdruck zu verleihen, geht seiner persönlichen Vorliebe für diese oder jene Formensprache, für dies oder jenes Material nach, sucht um jeden Preis etwas andres, neueres zu schaffen als der Nachbar. Wenn nun die Häusermassen über die vorgeschriebenen Fluchtlinien emporwachsen und Straße an Straße sich reiht, zeigt es sich(…) das Bild ist zu bunt; willkürlich wechselt das Material, der Träger der Farbe, und dadurch ist die im Fluchten- und Zonenplan vorbereitete Harmonie dahin.» Gebaute Theorie – Fassadenwettbewerb Greifengasse 1918 Bernoulli war der festen Überzeugung, eine einheitliche Sprache könne nur erreicht werden, wenn die Folge der ortsunabhängigen Möglichkeiten der Industrieproduktion und die Selbstsucht jedes Einzelnen durch baupolizeiliche Verordnungen eingedämmt werden. Seiner Theorie folgend nahm er beim Wettbewerb für die neue Greifengasse teil. Hier bildet der Baublock, mit einer klar gegliederten Hauptfassade, den neuen Massstab und nicht das individuelle Einzelhaus.

Wettbewerbsbeitrag von Hans Bernoulli für die Greifengasse um 1918.

Basierend auf Bernoullis Wettbewerbsbeitrag wurde von der Baubehörde mit der Baukommission, dem Heimatschutz und der Regierung ein Fassadenschema erarbeitet. Festgelegt wurden die Höhen des horizontalen Hauptgesimses und die Dachschrägen. 1918 wurde eine Bauvorschrift verabschiedet, die neben den Kriterien, die sich aus dem Fassadenwettbewerb ergaben, unter anderem auch Fassadenfarbe, Masse und Fensterform beinhaltete. In einem Resümee, das er in der Zeitschrift Werk mit dem Titel, «Einheitliche Gestaltung von Strassenwänden: das Resultat eines Fassadenwettbewerbes» publizierte, schrieb Bernoulli: «Die heutigen Bodenbesitzverhältnisse und der daraus resultierende Eigentumsfanatismus wird eine zusammenhängende Bearbeitung von Strassenfassaden stets gezwungen erscheinen lassen. Und so mögen die auf den ersten Blick als Kompromisse anmutenden Lösungen für die heutigen Verhältnisse das Optimum des Erreichbaren vorstellen.» Der Fassadenwettbewerb ist Ausdruck des Willens, dass im Gefüge des Stadtganzen nicht mehr das Einzelhaus die Einheit bilden soll sondern der ganze Strassenraum. Nachdem fünf verschiedene Architekten das ihnen zugewiesene Strassenstück bebaut hatten, zieht Bernoulli ein positives Fazit: Obwohl die fünf Architekten in erster Linie den Wunsch und die Bedürfnisse der Bauherrschaften vor Augen gehabt hätten, sei nun ein Stück Strassenwand entstanden, das durch die wenigen Bestimmungen der Baubehörde einen tüchtigen und ansehnlichen Eindruck mache. Diese Einheitlichkeit ist heute noch spürbar und verleiht dem Strassenzug in der Tat eine gewisse Ruhe und verhilft zu einer imponierenden, städtischen Raumwirkung.

Strassenecke Lothringerstrasse / Beckenstrasse – vom Welleternit, Klinker zum Putz über Holz bis zum Sichtbeton – Es wird eine grosse Material- und Farbenvielfalt geboten © Architektur Basel

Zurück zum vielschichtigen Lysbüchel Mit dem Lysbüchel Süd bekam Basel die Chance, ein Stück Stadt auf einem zuvor industriell genutzten Areal zu bauen. Die Stiftung Habitat konnte das Areal 2013 von Coop, die darauf ein Verteilzentrum betrieb, erwerben. Die städtebauliche Planung des Büros Metron wurde in einem Studienauftrag zur Weiterbearbeitung empfohlen. Sie sah vor, mit einem geschlossenen, gründerzeitähnlichen Stadtblock, einem offenen Gartenhof sowie einer grossen Allmendfläche die Gemeinschaft im Quartier auf unterschiedliche Weise zu fördern. Der Stadtblock wurde in kleinteilige Baurechtsparzellen aufgeteilt. Dafür suchte die Stiftung Genossenschaften und Institutionen, welche die Idee vom sozialen und günstigen Wohnraum teilen. Die Tatsache, dass die Stiftung Habitat mit ihrem Herangehen den Boden und die Häuser vor der drohenden Spekulation zu schützen vermochte, ist äusserst positiv und bereichert nun die Stadt mit einem vielschichtigem, sozial und nachhaltigem Wohnungsangebot. Ihr Mittel dazu ist die Begrenzung der Wohnfläche und die sogenannte Kostenmiete. Zu diesen zwei Kriterien machte die Stiftung den Baurechtnehmenden auf Lysbüchel Süd verbindliche Vorgaben. Trotz der vielen schönen einzelnen Momente, die der Stadtblock unbestritten aufweist, stellt sich für den gesamten Stadtraum die Frage, ob eine Absprache oder Vorgabe bezüglich architektonischen Ausdrucks nicht das ruhigere und somit auch zeitlosere Gesamtbild hervorgebracht hätte. Vorgaben von Seiten des Grundeigentümmers oder ein allfälliges Dialogverfahren der involvierten Architekten, hätten die Raumbildung des Areals wohl gestärkt und die einzelnen Häuser weniger modisch erscheinen lassen. Wenn dieselbe Architektenschaft ein Haus in einem bestehenden Blockrand hätte ergänzen müssen, so wage ich die These, hätten sich die Beteiligten mehr für die umliegenden Häuser und den Kontext interessiert. Anders als auf der grünen Wiese, wäre hier ein Interesse und eine Bezugnahme für und auf die umliegenden Häuser, auch wenn sie noch nicht physisch erfahrbar waren, wünschenswert gewesen.

Von der Fuge zwischen Zwei Häuser – hier zeigt sich das farbliche Miteinander ganz harmonisch © Architektur Basel

Wenige Versätze, Auskragungen, Balkone und Erker lassen die Ostseite des Blockrandes bedeutend ruhiger erscheinen © Architektur Basel

Jedem sein Material und jedem sein Gärtli im Innern des Blockrandes © Architektur Basel

Gescheiterte, einheitliche Stadtentwicklung bei der WerkbundStadt Berlin Eine Antithese zu Lysbüchel versuchte die WerkbundStadt Berlin. Dem Entwurfsindividualismus der beteiligten Architekten sollte der verwendete Ziegelstein als vereinheitlichendes Material einen Rahmen bieten. Gefordert war einen Mindestanteil von 60 % der Fassaden im vorgegebenen Material zu planen. 33 Architekturbüros unter anderem aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz hatten sich, im Dialogverfahren unter der Leitung von der WerkbundStadt zusammengetan und in sieben Klausuren ein Stück Stadt, ebenfalls auf einer Industriebrache entwickelt. Die Planung ist bedauerlicherweise der Spekulation zum Opfer gefallen. Die Grundstückspreise haben sich während des Verfahrens von 200.- Euro/m2 gleich verzehnfacht. Die neue Inverstorengemeinschaft kündigte daraufhin die Zusammenarbeit mit der WerkbundStadt. Die Arbeit mit 33 unterschiedlichen Architekturbüros schien dem neuen Grundeigentümer wohl zu aufwändig. Der spekulative Wertzuwachs hat somit die modellhafte Planung des Werkbundes ausgebremst. Die Vision einer lebendigen, dichten, sozial gemischten Stadt wird nun ersetzt mit dem Model, welches der Werkbund mit seiner aufwändigen partizipativen Planung zu unterbinden versuchte. Es resultiert eine vereinfachte Grossinvestorenplanung mit nur noch einem Architekten.

Das dichte Städtebaumodell der WerkbundStadt Berlin - unterschiedliche Architektursprachen aber einheitliche Materialisierung © Stefan Josef Müller

Im Dialogverfahren zum gemeinsamen Städtebau © WerkbundStadtBerlin - Foto Erik-Jan Ouwerkerk

Das ist bitter, denn die WerkbundStadt hätte zeigen können, ob sich die materielle Einheitlichkeit im Stadtbild auch heute noch positiv anfühlt oder ob sie doch verstaubte Gründerzeit-Gefühle wecken würde. Man hätte im Vergleich allenfalls festgestellt, dass das Lysbüchel Süd als buntes Sträusschen zwar inspirierend wirkt und als Abbild unserer individuellen Gesellschaft seine Gültigkeit hat. In einem nächsten Verfahren wäre es aber durchaus wünschenswert, dass der Gesamtwirkung des Stadtraumes wieder gleichermassen Aufmerksamkeit zustände, wie den sozialen und nachhaltigen Aspekten. Text: Christina Leibundgut / Architektur Basel
Quellen: