Bereits das Modell von Lysbüchel Süd veranschaulicht das Sammelsurium an materiellen und formalen Elementen – positiv spricht man von einem bunten Sträusschen oder der grossen Vielfalt. © foto-werk.ch
Was würde Hans Bernoulli zur Quartierentwicklung Lysbüchel Süd sagen?
Ein Ausflug in die Theorien von Bernoulli über Materialität im Städtebau
Bei einem Spaziergang durch den neuen Stadtblock Lysbüchel Süd erlaube ich mir die Frage, was wohl Hans Bernoulli, einer der wichtigsten Basler Architekten, Städtebauer und seinerzeit Hochschullehrer für Städtebau an der ETH Zürich, zu diesem neuen Stück Stadt sagen würde? Die Tatsache, dass die Grundstücke im Baurecht an Genossenschaften vergeben wurden, um sie der Spekulation zu entziehen, würde ihn sicherlich entzücken. Dass trotz des einheitlichen Grundeigentümers aber ein Sammelsurium an architektonischen – alle für sich durchaus hochwertig entworfenen – Elementen entstehen würde, entspräche wohl nicht seiner städtebaulichen Idealvorstellung. Mit Bernoullis Theorie im Hinterkopf, frage ich mich, wie kann ein identitätsstiftender, behaglicher Ort entstehen, wenn die Architekten und Bauherren den Fokus nur auf ihre kleine Parzelle legen? Passiert hier etwas ketzerisch gefragt, nicht doch Ähnliches wie in den ganzen mittelländlichen Einfamilienhausquartieren – dass keine Kommunikation und keine gemeinsame Identität entsteht, weil jeder Baustein nur für und mit sich selber spricht? Ist es heute wichtiger, dass die einzelnen Häuser vermitteln, unter welchen sozialen oder nachhaltigen Aspekten sie entworfen wurden, als dass die Strasse als Stadtraum gedacht wird? Ein kurzer Ausflug in die Schriften von Bernoulli, die genau dieses Thema vor etwas mehr als hundert Jahren besprachen und ein Blick nach Berlin, wo die WerkbundStadt einen anderen Ansatz versuchte, liefert vielleicht Antworten zu den zuvor aufgeworfenen Fragen. Bernoullis Forderung nach mehr Einheitlichkeit zugunsten des Städtebaus Im Jahre 1908 publizierte Hans Bernoulli die Schrift «Vom Städtebauen». Darin stellte er fest, dass die Freizügigkeit des Baumaterials, die mit der Entwicklung der Eisenbahn zur Tatsache wurde, es ermöglicht habe, dass die Städte und Dörfer mit Material aus «aller Herren Welt» ausstaffiert werden. Hand in Hand haben auch Motive aus aller Herren Länder Beine bekommen, so Bernoulli – ohne Vorstellung davon, wie sich die Welt bis heute globalisieren würde. Mit der Emanzipation vom bodenständigen Material und von der bodenständigen Bauweise habe sich ein regelrechtes Sprachensammelsurium ergeben, weil jeder seiner Liebhaberei nachgehe und eine eigene Sprache spricht. Dies führt laut Bernoulli dazu, dass wir keine Städte mehr bauen können. Sie zerfallen in lauter einzelne Häuser. Zuvor hätten sich die Häuser in nachbarlicher Gesinnung eingeordnet und man habe kein plumpes Übertrumpfen gekannt, so die etwas polemisch formulierte Behauptung von Bernoulli. Die gesunde Sachlichkeit macht er in der einheitlichen Materialität und der meist auch einheitlichen Farbgebung aus. Seine Überlegungen führte er im späteren Artikel «Die Einheit des Materials im Aufbau der Städte» von 1908 und 1912 weiter aus: «Der Architekt des einzelnen Hauses übernimmt seinen Anteil am Aufbau der Stadt. Er glaubt nur einen einzelnen Bau zu errichten und widmet sich allen Ernstes dieser Aufgabe. Er versucht seinem persönlichen Schönheitsideal Ausdruck zu verleihen, geht seiner persönlichen Vorliebe für diese oder jene Formensprache, für dies oder jenes Material nach, sucht um jeden Preis etwas andres, neueres zu schaffen als der Nachbar. Wenn nun die Häusermassen über die vorgeschriebenen Fluchtlinien emporwachsen und Straße an Straße sich reiht, zeigt es sich(…) das Bild ist zu bunt; willkürlich wechselt das Material, der Träger der Farbe, und dadurch ist die im Fluchten- und Zonenplan vorbereitete Harmonie dahin.» Gebaute Theorie – Fassadenwettbewerb Greifengasse 1918 Bernoulli war der festen Überzeugung, eine einheitliche Sprache könne nur erreicht werden, wenn die Folge der ortsunabhängigen Möglichkeiten der Industrieproduktion und die Selbstsucht jedes Einzelnen durch baupolizeiliche Verordnungen eingedämmt werden. Seiner Theorie folgend nahm er beim Wettbewerb für die neue Greifengasse teil. Hier bildet der Baublock, mit einer klar gegliederten Hauptfassade, den neuen Massstab und nicht das individuelle Einzelhaus.
Wettbewerbsbeitrag von Hans Bernoulli für die Greifengasse um 1918.
Strassenecke Lothringerstrasse / Beckenstrasse – vom Welleternit, Klinker zum Putz über Holz bis zum Sichtbeton – Es wird eine grosse Material- und Farbenvielfalt geboten © Architektur Basel
Von der Fuge zwischen Zwei Häuser – hier zeigt sich das farbliche Miteinander ganz harmonisch © Architektur Basel
Wenige Versätze, Auskragungen, Balkone und Erker lassen die Ostseite des Blockrandes bedeutend ruhiger erscheinen © Architektur Basel
Jedem sein Material und jedem sein Gärtli im Innern des Blockrandes © Architektur Basel
Das dichte Städtebaumodell der WerkbundStadt Berlin - unterschiedliche Architektursprachen aber einheitliche Materialisierung © Stefan Josef Müller
Im Dialogverfahren zum gemeinsamen Städtebau © WerkbundStadtBerlin - Foto Erik-Jan Ouwerkerk
Quellen:
- Bernoulli, Hans, Vom Städtebauen, in: Bautechnische Zeitschrift 23 (1908), S. 82-84 .
- Bernoulli, Hans, Die Einheit des Materials im Aufbau der Städte, in: Architektonische Rundschau 25 (1909), H. 9, S. 65-70.
- Bernoulli, Hans, Die Einheit des Materials im Aufbau der Städte, in: Die Schweizerische Baukunst 4 (1912), H. 3, S. 37-40 und S. 49f.
- Wettbewerb Greifengasse Basel, in: Schweizerische Bauzeitung, Heft 10, 1918, S. 113-116 u. S. 23.
- Bernoulli, Hans, Einheitliche Gestaltung von Strassenwänden: das Resultat eines Fassadenwettbewerbs, in: (Das) Werk, Heft 13, 1926, S. 37-43.
- https://www.stiftung-habitat.ch
- http://werkbundstadt.berlin
- Tec21 vom 20.01.2017 – „WerkBundStadt I – Experimentierfeld“
- Tec21 vom 03.02.2017 – „WerkBundStadt 2 – Schweizer Beiträge“