Weltkunst in Baselbieter Provinz: Jean Arp in Oberwil

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Jean Arp (1886-1966) ist in der Welt der Kunst ein bekannter Name. Seine Werke hängen in den wichtigsten Kunstmuseen rund um den Globus – vom Centre Pompidou in Paris bis zum MoMa in New York. Was die wenigsten wissen: Eine ganze Reihe seiner Arbeiten befinden sich in einer unscheinbaren Kirche in Oberwil. Wie kommt es, dass so ein bedeutender Künstler eine kleine katholische Kirche im Baselland mit seinen Kunstwerken ausstattet? Dieser Frage gehen wir in unserem Artikel nach – und werfen dabei ein Schlaglicht auf Arps Leben und seinen Bezug zur Region Basel.

Jean Arp in der Kirche St. Peter und Paul in Oberwil © Architektur Basel

Wahrscheinlich sind sie schon so einigen Kirchgängern in Oberwil aufgefallen: Beim Betreten der Kirche St. Peter und Paul befinden sich drei in den Boden eingelassene Kalksandstein-Intarsien mit einer besonderen abstrakt-organischen Form. Der Künstler dahinter heisst Hans oder Jean Arp – und hat Weltruf. Runde Formen lernte er schon früh in Gestalt von Rauchschwaden kennen. Sein Vater Jürgen Wilhelm Arp aus Wendtorf (Schleswig-Holstein) war Zigarren- und Tabakkaufmann in Strassburg. Die Mutter Marie-Joséphine Koeberle stammte aus dem Elsass. 1915 war Arp mit dem Deutschen Pass in Frankreich unerwünscht; er zog in die Schweiz, zuerst nach Ascona, dann nach Zürich. Dort malte er „prä-dadaistische“ Tuschzeichnungen und machte die schicksalshafte Bekanntschaft von Sophie Taeuber. Mit ihr, Hugo Ball, Emmy Hennings, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Tristan Tzara gründet er 1916 in Zürich den Dadaismus.

Weihwasserschale am Eingang der Kirche © Max Mathys, Muttenz

Nach dem Betreten der Kirche in Oberwil wartet zur rechten Hand das ebenfalls von Arp gestaltete Weihwasserbecken. Es handelt sich um ein ovales Becken, das aus Solothurner Kalkstein gehauen wurde. Ein scharfkantiger, kristalliner Abtropf-Einsatz kontrastiert zur weichen Form der Schale. Wenige Schritte weiter blicken einem beim Beichtstuhl zwei Arp’sche Augen entgegen. Die runden Fenster wurden von Arp geformt und fügen sich so in die künstlerische Ausstattung ein. Dem Seitenschiff entlang erreicht man am Ende den wunderbaren Taufbrunnen, der ebenfalls aus Solothurner Kalkstein geschaffen wurde. Aus dem kleinen Felsbrocken im Becken entspringt fliessendes Wasser. Links davon steht das robust-massive Evangelienpult, dass aus einem grossen Stück Eichenholz besteht und zwei Kalksteinquader trägt. Rechts vom Altar finden sich drei weitere Intarsien im Boden – der von Arp konzipierte künstlerische Kreis schliesst sich hier.

Jean Arp in der Kirche St. Peter und Paul in Oberwil © Architektur Basel

1923 lehnte die Schweiz Arps Einbürgerungsgesuch ein erstes Mal ab, 1925 dann definitiv. Dazwischen nahm Arp an der ersten Gruppenausstellung der Surrealisten teil. Er war dabei in bester Gesellschaft: Giorgio de Chirico, Max Ernst, Paul Klee, Man Ray, André Masson, Joan Miró und Picasso stellten ebenfalls aus. Von 1926 bis 1928 arbeitete Arp an der Ausgestaltung des Lokals „Aubette“ in Strassburg zusammen mit Sophie Taeuber und Theo van Doesburg. Wenige Jahre später floh das junge Ehepaar Taeuber-Arp vor dem Einmarsch deutscher Truppen. Utensilienknappheit nötigte Arp zu Fingerzeichnungen und Papiers froissés (zerknittertes Papier). Die beiden flohen schliesslich in die Schweiz, wo Sophie Taeuber im Haus von Max Bill am 13. Januar 1943 in Zürich bei einem tragischen Unfall starb. Arp stürzte das Unglück und der Verlust seiner Frau in eine schwere Krise. Er malte eine Serie von Tuschzeichnungen „Vie de pinceau“. In der Folge realisierte Arp manche «re-créations», Sophie Taeuber nachempfundene Kompositionen.

Bodenintarise: Jean Arp in der Kirche St. Peter und Paul in Oberwil © Architektur Basel

Der grosse internationale Durchbruch gelang Arp nach dem Krieg in den 1950er-Jahren. 1954 wurde Arp mit dem internationalen Preis für Plastik an der Biennale di Venezia ausgezeichnet. Es folgte eine grosse Retrospektive im Musée national d’art moderne in Paris (1962), die anschliessend in Basel, Stockholm, Kopenhagen und London gezeigt wurde. Arps plastische Konkretionen in weissem Marmor, Holz, Gips und Bronze beziehen sich auf das Festwerden der Masse im Stein, in der Pflanze, im Tier oder im Menschen. Gerinnung, Verhärtung, Verdickung und Zusammenwachsen sind Sinnbilder der ewigen Verwandlung in der Natur. Die Kräfte dieser Prozesse nannte Arp „tension de sol“ oder „Bodenspannung“, in Anlehnung an die unaufhörlichen Naturzyklen. So produzierte auch Arp immer neue Konstellationen, wobei er die Erkenntnis für seine „bewegten Ovale“ nicht nur aus der Naturbeobachtung, sondern auch aus philosophischen Texten von Lao Tse oder Jakob Boehme bezog. Ein besondere Freundschaft verband ihn mit dem finnischen Architekten Alvar Aalto. Beide verband die Auseinandersetzung mit der organischen Form als Grundlage des gestalerischen Prozesses.

Der Taufbrunnen von Jean Arp aus Solothurner Kalkstein © Max Mathys, Muttenz

Der international gefeierte Künstler findet seinen Weg ins Baselbiet: Was hat Jean Arp ausgerechnet nach Oberwil verschlagen? Als erster Grund ist sein Bezug zur Stadt Basel nennen. 1946 zieht die Basler Kunstsammlerin Marguerite Hagenbach mit Arp zusammen. Hagenbachs Basler Wohnung wird zu seinem zweiten Wohnsitz. Der zweite Grund liegt in der Freundschaft mit dem Basler Architekten Hermann Baur, bei dem Arp mehrmals auf dem Bruderholz zu Gast war.

Bodenintarsien mit Symbolen von Jean Arp © Max Mathys, Muttenz

1951 entwirft Arp im Auftrag von Baur den Taufbrunnen für dessen Allerheiligenkirche im Neubadquartier. 1959 heiraten Hagenbach und Arp in Basel. Zwei Jahre später gestaltet Arp die wunderbare Skulptur „Elements interchangeablees“ für den Hof der neuen Gewerbeschule im Kleinbasel, die ebenfalls von Hermann Baur entworfen wurde. Vier Jahre später folgt Oberwil. Hier wird er vom Hermann Baurs Sohn, Hans Peter Baur, der ebenfalls Architekt ist, eingeladen, die plastische Ausgestaltung im Rahmen der Kirchenrenovation zu übernehmen. So finden sich bis heute in Oberwil diese wunderbaren Werke, deren Poesie sich nicht nur physisch manifestiert, sondern auch in den zahlreichen von Arp verfassten Gedichten wiederzufinden ist:

Reines Licht
erlöse uns von der Sinnlosigkeit.
Erlöse uns von dem sinnlosen Leiden
Der Sinnlosigkeit.
Es genügt nicht
dass ab und zu
ein Tropfen auf den heissen Stein
der Erde fällt.


Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

Jean Arp in seinem Ateiler in Meudon (F) bei der Arbeit am Oberwiler Taufbrunnen, 1965 © Hans Peter Baur

Quellen:
– Steiner, Juri: Arp, Jean, 2004, aktualisiert 2019 ( http://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=402337 )
– Kirchgemeinderat Oberwil (Hrsg): Kirche St. Peter und Paul Oberwil BL, Friedrich Reinhardt Verlag, Basel, 1997.

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