Abakus – Wohnen in beweglichen Konstellationen
Mit dem Wohnhaus Abakus auf dem Lysbüchel Süd zeigen Stereo Architekten, wie flexible Grundrisse und gemeinschaftliches Wohnen neue Lebensformen ermöglichen.
Auf dem Lysbüchel Süd steht das Wohnhaus Abakus von Stereo Architekten als Teil einer kleinteiligen Blockrandbebauung. Auf der nordöstlichen Seite, zwischen einer rosa gestrichenen Holzfassade und einem blau schimmernden Nachbarhaus, steht das Gebäude ganz in sich gekehrt. Das schlichte Wohnhaus fügt sich, mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit, in die bunte Mischung des neuen Blockrandes ein. Abakus ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen der Genossenschaft Mietshäuser Syndikat, den Architekt:innen und der zukünftigen Bewohnerschaft. Dabei kombiniert das Haus zwei unterschiedliche Lebensformen: horizontal erweiterbare Geschosswohnungen und eine vertikal organisierte Wohngemeinschaft, die sich über alle Stockwerke verteilt und damit erfrischend bewegliche Wohn-Kostellationen ermöglicht.
Schwellen zwischen Gemeinschaft und Privatheit
Betritt man den Eingangsbereich, wird man sofort vom gelebten Alltag begrüsst: Fahrräder füllen den Raum, während eine verspielte Mischung individueller Briefkästen, welche die Bewohner selbst beigesteuert haben, die Wand schmücken. Kaum hat man die Tür durchschritten, befindet man sich auch schon wieder im Freien. Die Eingangstür verbindet den Strassenraum direkt mit dem Innenhof sowie mit dem kalten, aussenliegenden Treppenhaus.
Offenes leichtes Treppenhaus zum Hof © Daisuke Hirabayashi
Im Erdgeschoss liegt der Gemeinschaftsraum mit Küche, das soziale Zentrum für alle Bewohner*innen der vertikalen WG. In den Obergeschossen führen die Türen direkt vom Treppenpodest in die Wohnungen. Ein schmales Fenster neben der Wohnungstür erlaubt Einblicke in die Küche und stärkt die soziale Nachbarschaft. Da in den Wohnungen ein Ankunftsbereich fehlt, stellen die Bewohner*innen ihre Schuhe vor der Tür ab. Das schafft einen fliessenden Übergang vom Podest in die Wohnungen, bringt aber auch feuerpolizeiliche Probleme mit sich. Auch die Balkone zum Innenhof schliessen ohne Schwelle an das Treppenhaus an. So könnte man auch über den Balkon in die Wohnung gelangen, was an einen Hintereingang durch den Garten bei einem Einfamilienhaus erinnert.
Die beiden unteren Zimmer können als WG Zimmer der vertikalen Wohngemeinschaft genutzt werden oder die Familienwohnung bei Bedarf vergrössern. © Stereo Architektur
Schema Wohnkostellationen © Stereo Architektur
Konstruktion und Adaption
Dass sich hinter der schlichten, weiss lackierten Wellblechfassade ein moderner Holzbau versteckt, lässt sich an den hölzernen Fensterbrettern und der Holzverkleidung im Eingangsbereich erahnen. Die Wellbleche der Fassade sind geschickt in die Fensterlaibungen gebogen, sodass kein neues Material benötigt wurde und der Übergang fliessend ist.
Raffinierte Detaillösung bei den Fensterleibungen © Daisuke Hirabayashi
Die Wohnungen überzeugen durch einen klaren Grundriss. Eine zentrale Mittelschicht mit Nasszelle und Reduit trennt die Wohnküche von den Zimmern. Hier zeigt sich die adaptive Logik des Abakus: Die Zimmer sind nicht starr zugeordnet. Eine 3.5-Zimmer-Wohnung kann flexibel um bis zu zwei Zimmer erweitert werden. Werden diese Räume nicht von der Hauptwohnung beansprucht, können sie als eigenständige WG-Zimmer funktionieren, mit einem direkten Zugang zum Treppenhaus. Diese vertikale Wohngemeinschaft bietet bezahlbaren Wohnraum für Menschen, die oft nur schwer Zugang zu Genossenschaften finden, beispielsweise Studierende oder auch Geflüchtete.
Der Kern zeichnet sich ab © Daisuke Hirabayashi
Konventionen werden weitergedacht
Das Konzept der vertikalen WG fordert herkömmliche Wohnformen heraus. Im Winter mag es etwas Überwindung brauchen, über das kalte Treppenhaus zur Gemeinschaftsküche hinunterzugehen, doch genau solche Konventionen will das Projekt aufbrechen. Die Reduktion zeigt sich auch im Innenausbau: Die Oberflächen sind roh belassen, wodurch Kosten und graue Energie gespart werden. Die Decken bestehen aus industriellen Hohlbetonelementen, die hier zweckentfremdet wurden, und der Zementboden blieb ungeschliffen. Ein Absatz zum Kern bietet die Möglichkeit, die Wohnzone mit Parkett zu ergänzen – diese Möglichkeit wurde bisher jedoch von keiner Partei in Anspruch genommen. Auch die Haustechnik wird nicht versteckt, sondern als sichtbare Aufputzinstallation geführt. Das macht das Haus wartungsfreundlich und nahbar.
Das Haus Abakus ist die bauliche Antwort auf eine neue Vorstellung vom Zusammenleben. Die unkonventionellen Ansätze erforderten viel Mut von den Architekt:innen und der Genossenschaft.
Dass das Projekt den Namen ‚Abakus‘ trägt, der für einen Rechenschieber steht, passt zu seiner fast mathematischen Klarheit. So wie man mit diesem einfachen Gerät durch das Verschieben der Kugeln flexibel neue Konstellationen bildet, passen sich die adaptiven Grundrisse des Hauses den Lebensentwürfen seiner Bewohnerschaft an. Während Architektur oft nach unnötig komplizierten Antworten sucht, beweist dieses Projekt, dass Reduktion und eine clevere Aufteilung mehr Lebensqualität für verschiedene Bewohner:innen schaffen kann.
Text: Lara Binder, Architekturstudentin FHNW
Dieser Text entstand im Rahmen des Wahlfachs Bachelor Architektur, "Zur Sprache bringen - Frische Architekturkritik" von Architektur Basel am Institut Architektur, FHNW.