Literatur
28.05.24
Stadt.Geschichte.Basel Band 1 + 2 – von 52 000 v.Chr. bis 1273 © 2024 Christoph Merian Verlag
Als der Rhein noch kein Knie hatte. 52 000 Jahre Stadt.Geschichte.Basel – Band 1 + 2
Vor fast 500 Jahren zog der Drucker und Herausgeber Andreas Cratander in seiner Liegenschaft an der heutigen Petersgasse 24 eine Mauer hoch und baute ein Dachfenster ein. Das passte seiner Nachbarin Agatha von Pfirt gar nicht; sie fürchtete von Cratander beobachtet oder gar kontrolliert zu werden und bezichtigte ihn der Störung des freundnachbarschaftlichen Auskommens. So oder so ähnlich zumindest soll sich ein Streit im Jahr 1528 abgespielt haben. Gefunden haben wir diese kleine Geschichte in der eben erst erschienenen «Stadt.Geschichte.Basel». Ganze zehn Bände werden es dereinst sein; der letzte ist für Ende 2025 geplant. Die ersten vier Bände sind nun im Handel erhältlich. Wir haben einen Blick zwischen die Buchdeckel und 52 000 Jahre zurück gewagt. Heute werfen wir einen Blick auf den Inhalt der ersten zwei Bände.
Ein Team von siebzig teils internationalen Forschenden aus den Bereichen Archäologie, Geschichts- und Kulturwissenschaften widmete sich während den letzten acht Jahren der Aufarbeitung und Darstellung der Geschichte der Stadt am Rheinknie. Wenngleich der Fokus auf der Stadt liegt, zieht die Geschichte lange Fäden in die umliegende Region im nahen, aber auch im fernen In- und Ausland. Die chronologisch organisierten Bände überlappen sich zeitlich und thematisch.
Der Rhein und sein Knie: sein einstiger Verlauf? © 2024 Christoph Merian Verlag
Der erste Band mit den Namen «Auf dem langen Weg zur Stadt» deckt die Zeitspanne von 50 000 v. Chr. bis 800 n. Chr. ab und zeigt auf, wie sich die Region um Basel zwischen Altsteinzeit und frühem Mittelalter entwickelt hat. Die Quellen für diese Zeit basieren meist auf archäologischen Ausgrabungen, der Auswertung von Jahrringen – beispielsweise zur Rekonstruktion von Besiedlungsdynamiken, Klimaveränderungen oder ganz profan: Hausgrundrissen – oder biologischen Bestimmungen von Pflanzen- und Tierresten.
Siedlungen orientierten sich meistens an geografischen und topografischen Verhältnissen. Das galt auch für Basel. Wo der Rhein in der Vergangenheit genau entlangführte, ist allerdings nicht ganz klar. Verschiedene Ausgrabungen deuten etwa darauf hin, dass der Fluss noch vor 3 000 Jahren direkt am Hornfelsen floss. Der Verlauf über die ganze Region war sehr viel dynamischer. Das «Rheinknie» wie wir es heute kennen, dürfte sich erst zwischen 1 600 und 1 300 v. Chr. ausgebildet haben.
Der Bau des Münsters unter Bischof Haito © 2024 Christoph Merian Verlag
Neben verschiedenen kleinen Siedlungen, beispielsweise im heutigen Kleinbasel – vermutlich mit abgehobenen Böden aufgrund von Überschwemmungen – sind die Bebauungen auf dem Münsterhügel für Basel zentral. Auf dem Martinskirchsporn existierte die bisher älteste bekannte befestige Siedlung Basels. Die Entwicklung des Münsterhügels begleitet uns durch den gesamten ersten Band. Die Autorinnen und Autoren greifen für diese frühen Zeiten jeweils auf das Mittel der «Lebensbilder» zurück; künstlerische Darstellungen, die uns zeigen, wie ein Ort oder eine Tätigkeit zu einer bestimmen Zeit wohl ausgesehen haben könnte. Darauf zu sehen sind etwa Bauwerke, Vegetation, Menschen, Werkzeuge oder Tiere. So sehen wir etwa Illustrationen einer spätrömischen Baustelle auf dem Münsterhügel, eine 3D-Rekonstruktion einer spätantiken Befestigung oder eine Perspektive eines karolingischen Münsters.
3D-Rekonstruktion der spätantiken Befestigung auf dem Münsterhügel © 2024 Christoph Merian Verlag
Der zweite Band hört auf den Namen «Eine Bischofsstadt zwischen Oberrhein und Jura», beschäftigt sich mit der Zeit zwischen 800 und 1273 und gibt unter anderem Einblicke in die wirtschaftlichen Strukturen des Bistums und seinen Bischöfen. Unter anderem gehörten zum Einzugsgebiet des Basler Bischofs mehrere Bergwerke, etwa im Breisgau, aber auch im Röserntal bei Liestal oder im Dürsteltal bei Langenbruck finden sich Hinweise auf Eisenverhüttung. Spuren des Eisenabbaus etwa in Form von Brocken aus Eisenschlacke sind im Jura bis heute sichtbar. Eisen wurde damals vor allem für die Herstellung von landwirtschaftlichen Geräten benötigt.
In der Region gab es diverse Eisenbergwerke © 2024 Christoph Merian Verlag
In architektonischer Hinsicht interessant dürfte der Fund von Mörtel in der Martinsgasse sein. Die im Mörtel einer Platte eingeschlossenen Holzkohlestückchen datieren ungefähr auf das Jahr 1000. Bei der runden Platte handelt es sich vermutlich um einen Bestandteil eines mehr oder minder mobilen Mörtelmischers. Solche «Baustelleninstallationen» wurden überall in Europa gefunden. Möglicherweise wurde der Mörtel am Münsterhügel dazu benutzt, die antiken Befestigungsmauern instand zu setzen.
Rekonstruktionsvorschlag zur Benutzung eines Mörtelmischers © 2024 Christoph Merian Verlag
Allen Bänden gemein sind eingeschobene, auf graues Papier gedruckte thematische Exkursionen zu zeitgenössischen Techniken, Gegenständen, Vorkommnissen oder Personen, wie beispielsweise Kunigunde. Sie dürfte zu den bekanntesten Frauen der Basler Geschichtsschreibung gehören. Im Jahr 980 als Tochter des Grafen Siegfried von Luxemburg geboren, übernahm sie nach dem frühen Tod ihres Gatten Heinrich um 1024 die Führung zusammen mit ihren Brüdern. Sie selbst starb 1033. Kunigunde und Heinrich blieben kinderlos. Im Jahr 1200 wurde Kunigunde heiliggesprochen. Kunigunde und Heinrich wachen am Westportal des Basler Münsters als Standfiguren über die Stadt. An dieser Stelle sei die Lektüre der Publikation «Das Basler Münster und seine Geschichten» von Oswald Inglin empfohlen.
Kunigunde und Heinrich © 2024 Christoph Merian Verlag
Ein wichtiges Ereignis dürfte der Bau der Basler Rheinbrücke um 1225 gewesen sein. Nicht zuletzt diente die Brücke dazu, die rechtsrheinischen Besitzungen des Basler Bischofs zu sichern. Vermutlich handelte es sich bei der Rheinbrücke aber nicht um den ersten festen Übergang. Die Brücke musste allerdings stetig kostspielig unterhalten werden; insbesondere für die hölzernen Joche auf der Grossbasler Seite waren wohl öfters Reparaturen vonnöten.
Die Rheinbrücke musste immer wieder saniert werden © 2024 Christoph Merian Verlag
Nächste Woche werfen wir einen Blick auf den dritten und vierten Band. Diese beschäftigen sich unter anderem mit dem Ausbau des Wassernetzes, der Papierindustrie und dem verheerenden Erdbeben von 1356, der einsetzenden Industrialisierung und ersten kapitalistischen und globalisierenden Tendenzen.
Die wichtigste, aber vermutlich nicht die erste Basler Brücke über den Rhein, Foto: © Architektur Basel
Überdies widmen sich der erste und zweite Band unter anderem folgenden Themen: Geologie und Geotektonik, Siedlungsstrukturen im Detail; vom Paläolithikum bis in die Bronzezeit, Gesprochene und geschriebene Sprachen in Basel, die Kelten am Oberrhein, der Kulturwandel in der römischen Zeit, die Gründung von Colonia Augusta Raurica, frühmittelalterliche Bestattungstraditionen, Haito: Bischof, Botschafter und Bauherr, das Basler Münzwesen, Siedlungen und befestigte Orte auf dem Land, die Gründung des Klosters St. Alban, Basler Siegel, Herde und Öfen, Adel in der Region und vieles mehr...
Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Guido Lassau, Peter-Andrew Schwarz (Hg.)
Auf dem langen Weg zur Stadt. 50 000 v. Chr. – 800 n. Chr.
Stadt.Geschichte.Basel, Band 1
308 Seiten, 124 meist farbige Abbildungen
gebunden, 18 × 24.5 cm
© 2024 Christoph Merian Verlag
CHF 39.- / EUR 39.-
ISBN: 978-3-03969-001-5
Claudius Sieber-Lehmann, Peter-Andrew Schwarz (Hg.)
Eine Bischofsstadt zwischen Oberrhein und Jura. 800 – 1273
Stadt.Geschichte.Basel, Band 2
332 Seiten, 135 meist farbige Abbildungen
gebunden, 18 × 24.5 cm
© 2024 Christoph Merian Verlag
CHF 39.- / EUR 39.-
ISBN: 978-3-03969-002-2