Erinnern, verändern, begegnen
Er steht stoisch am Allschwilerplatz – seit bald hundert Jahren. Der Turm aus rotbraunem Klinker ist schon von weitem sichtbar, ein markantes Wahrzeichen für das ganze Quartier. Er gehört zum Gemeindehaus Oekolampad, das in den vergangenen Jahren eine grundlegende Transformation erlebte. In einer umfassenden Publikation, die im Christoph Merian Verlag erschienen ist, begibt sich der Historiker Benedikt Pfister auf Spurensuche – und dokumentiert ein Haus im Wandel: «Das Haus ist heute gleichzeitig Erinnerungs-, Gestaltungs- und Begegnungsort.» Wir haben uns das Buch durch die architektonische Brille angeschaut. Den Anfang macht die Form: Der Umschlag ist äusserst hochwertig gestaltet. Ein Karton mit strukturierter Oberfläche erinnert an die Haptik der Klinkersteine des Gemeindehauses. Die elegante Prägeschrift und der Buchrücken mit Leineneinband lassen das Buch angenehm in der Hand liegen. Das Innenleben spielt sich auf einer gestrichenen, matten Oberfläche ab – das wirkt konventionell. Dem Papier hätte, analog zum Umschlag, etwas mehr haptische Qualität gutgetan. Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel: Identität, Wandel und Begegnung. Sie werden jeweils durch eine Doppelseite mit rostroter Wandstruktur visuell voneinander getrennt. Das restliche Layout basiert durchgehend auf zwei Textspalten. Grossformatige Abbildungen lockern den Inhalt visuell auf. Dennoch: Grafisch kommt das Buch insgesamt ziemlich brav daher. Überraschungen bleiben aus. Hier hätte man sich mehr gestalterischen Mut gewünscht. Mut, der in der Geschichte des Hauses immer wieder eine wichtige Rolle spielte – wie man im inhaltlich stärksten und lesenswertesten Kapitel zu Beginn erfährt. Es setzt sich mit der Historie und damit mit der «Identität» auseinander. Das Gemeindehaus wurde in politisch turbulenten Zeiten geplant und gebaut. «Bewegende Ereignisse spielten sich hier ab und strahlten in die ganze Stadt Basel aus. Walter Lüthi, der charismatische erste Pfarrer, setzte sich gegen die menschenfeindliche Ideologie des Nationalsozialismus zur Wehr», schreibt Pfister einleitend. «Eine Lüthi-Predigt sei ein Stadtereignis gewesen. Das Tram, das die Menschen in Massen an den Allschwilerplatz brachte, erhielt den Übernamen ‹Lüthi-Express›.» In den schwierigen Kriegsjahren spendeten Lüthis Predigten den Menschen Halt und Zuversicht. Im Spätsommer 1942 engagierte sich der Pfarrer an vorderster Front gegen die menschenfeindliche Vorgabe des Bundesrats, jüdische Flüchtlinge an den Grenzen abzuweisen – und sie damit in den sicheren Tod zu schicken. Entschiedenes Engagement und das Eintreten für verfolgte, schutzsuchende und benachteiligte Menschen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Oekolampad – von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart. Aus architektonischer Sicht ist das Gespräch zwischen dem ehemaligen Münsterpfarrer Franz Christ und seinem Sohn, dem Architekten Emanuel Christ, besonders lesenswert. Sie sprechen über die räumlichen Qualitäten des Gemeindehauses im Speziellen und über die Herausforderung der heute oftmals leeren Stadtkirchen im Allgemeinen. «Eine leere Kirche kann eine Chance sein», sagt der Vater. Sohn Christ lobt die Transformation am Allschwilerplatz: «Das Gemeindehaus Oekolampad mit seiner herausragenden Architektur ist ein fantastisches Beispiel dafür, wie ein solcher kollektiver Raum in die Zukunft überführt werden kann.» Damit leitet das Gespräch elegant zum zweiten Kapitel «Wandel» über. Dieses dokumentiert die Baugeschichte und geht der Frage nach der Bedeutung von Sakralbauten sowie den Möglichkeiten ihrer Transformation in der heutigen Zeit nach. Auch Basler Beispiele werden genannt: etwa die Umnutzung der Don-Bosco-Kirche in der Breite zum Probe- und Konzertraum oder der Barfüsserkirche zum Museum. Leider wird der Architekt des Gemeindehauses, Eugen Tamm, der zusammen mit Emil Bercher diverse Bauten in Basel realisierte, kaum porträtiert. Damit wird die Chance verpasst, mehr über den Architekten, seine Haltung und sein Wirken zu erfahren. Abgesehen von Verweisen auf weitere Bauten wie das Singerhaus, das Kino Kapitol oder das Hallenbad Rialto erhält man nur wenige Informationen. Eine umfassendere Würdigung und architekturhistorische Einordnung seines Schaffens wäre wünschenswert gewesen. Dabei ist anzumerken, dass Eugen Tamm bereits sieben Jahre nach der Fertigstellung des Gemeindehauses – 1938 im Alter von nur 58 Jahren – verstarb. Der planerische Weg zum Umbau begann 2020 mit einer Testplanung. Die Büros Scheibler & Villard und Vécsey*Schmidt nahmen daran teil. Der Entwurfsansatz der letzteren überzeugte die Jury besonders, wie deren Mitglied Luca Selva würdigt: «Die verfolgte Strategie des Teams ist jene der grösstmöglichen Zurückhaltung in der Tiefe der Eingriffe, mit dem Fokus, den Charakter eines öffentlichen Hauses in einen neuen Lebenszyklus zu überführen.» Der grösste Eingriff betrifft den Einbau eines neuen Theaterraums, der sich als hölzerne «Haus-im-Haus»-Konstruktion in den bestehenden Gemeindesaal einfügt. «Der neue Raum ist schallisolierend und hat genügend Abstand zur Fassade, sodass keine Schallschutzfenster eingebaut werden mussten.» Der Umbau fand seine fotografische Dokumentation durch die Linse von Basile Bornand. Vorher-Nachher-Aufnahmen machen den Transformationsprozess der wichtigsten Räume visuell erlebbar – eine gelungene Auflockerung des Buches. Das dritte Kapitel widmet sich der «Begegnung» im von der Wibrandis Stiftung 2020 übernommenen und transformierten Gemeindehauses. So ist das Haus nach wie vor ein Identitätsort für das ganze Quartier und die neu beheimateten Angebote, darunter ein Bistro, ein Theater sowie eine Tagesstätte für Demenzbetroffene und deren Angehörige. Das neue Leben im Oekolampad beschreibt die lebendige Reportage von Iris Becher. Die Menschen rücken dabei in den Vordergrund, die Architektur tritt in den Hintergrund. Becher spricht mit Gästen im Bistro Rosa, hört bei einem Infoanlass für eritreische Frauen hinein, besucht Vorstellungen des Vorstadttheaters und erhält Einblick in die Arbeit der Tagesstätte im Basler Wirrgarten. Aus architektonischer Sicht ist dieses dritte Kapitel vielleicht weniger relevant – und dennoch eine willkommene Erinnerung daran, dass Architektur letztlich für Menschen da ist. Dem Buch gelingt die kulturhistorische Würdigung des Gemeindehauses Oekolampad, eines besonderen Sakralbaus. Viele Facetten werden beleuchtet. Bei der architektonischen Betrachtung hätte man sich mehr Tiefgang gewünscht. Historische Detailpläne sucht man ebenso vergebens wie eine fundierte Auseinandersetzung mit Architekt Eugen Tamm. Dennoch lohnt sich die Lektüre für Freund:innen der Basler Baukultur. Man erfährt einiges über die Herausforderungen des Weiter- und Umbauens des geschützten Denkmals – und darüber, dass das Verständnis von Architektur stets auch den Blick auf den kulturhistorischen Kontext erfordert.
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel