Literatur 15.01.26
Stadt.Geschichte.Basel Band 8+9

Stadt.Geschichte.Basel Band 8+9

Wem gehört eigentlich die Stadt? Stadt.Geschichte.Basel – Band 8 + 9

Am 19. September 1526 schlug ein Blitz in einen Turm der Stadtmauer im St. Alban ein. Unglücklicherweise lagerten genau in diesem Turm gegen die fünfzig Tonnen Pulver und Schwefel. Der Sprengstoff explodierte augenblicklich und zerstörte nicht nur den Turm, sondern auch benachbarte Gebäude an der Malzgasse: «...zerschlug den mechtigen starcken durn usz dem erdrich hinweg, alsz ob kein durn nie dogestanden wer. Esz bleip kein Stein bim anderen.» Das Unglück forderte Menschenleben: Einige der Opfer «schlug es in die lufft, das niemand wüst, wo sy hinkumen worden.» Es «herrschte grosz jomer und not.» Die «Stadt.Geschichte.Basel» hat uns dieses Ereignis im Archiv ausgegraben. Tatsächlich war die Explosion wohl so prägend, dass es in einer Landkarte der Stadt von Sebastian Münster 12 Jahre später zeichnerisch Eingang fand. Über besagtem Turm regnet es in seinem Stadtplan Flammen... und um Stadtpläne und Stadtplanung gehts in der neusten Publikation der Basler Stadtgeschichte.
Der explodierte Pulverturm hat Einzug in einen späteren Stadtplan gefunden. Man halte Ausschau nach einem Feuerball...

Der explodierte Pulverturm hat Einzug in einen späteren Stadtplan gefunden. Man halte Ausschau nach einem Feuerball...

Mit Band 8 und 9 sind die beiden letzten regulären Bände der Basler Stadtchronik «Stadt.Geschichte.Basel» erschienen. Band 8 ist «auf dem Weg ins Jetzt» und widmet sich dem letzten verbleibenden Zeitabschnitt seit 1960. In Band 9 vertiefen Esther Baur und Lina Gafner das Thema «Stadträume». Der Untertitel «Offen und begrenzt, gestaltet und umkämpft» funktioniert mit Hinblick auf die heutigen städteplanerischen und -räumlichen Themen als Umschreibung wie als Fragestellung gleichermassen... Aus architektonischer Sicht sind die 8 Bände der neuen Basler Stadtchronik – der erste Band startet um ca. 50'000 v. Chr. – vor allem in städtebaulicher Hinsicht interessant. Dabei werden die grossen Themen wie der historische Verlauf des Rheins mit den ersten Siedlungen in der Region in Zusammenhang gesetzt, aber auch Überlegungen zu spätantiken Befestigungsanlagen gemacht. Mit abnehmendem Alter der Ereignisse steigt die inhaltliche Dichte. Wird das karolingische Münster um 820 n. Chr. noch mit einem Lebensbild illustriert, so haben wir von den alliierten Bombenabwürfen 1945 über dem Gundeli bereits Fotografien.
Die «Mitte» – wer kennt sie nicht? – und damit scheint die Stadt.Geschichte.Basel in der Gegenwart angekommen...

Die «Mitte» – wer kennt sie nicht? – und damit scheint die Stadt.Geschichte.Basel in der Gegenwart angekommen...

Der achte Band widmet sich Ereignissen, die uns nur allzu bekannt sind. Etwa der Abstimmung über eine mögliche Fusion von Stadt und Land. Während die Städterinnen und Städter mit 55% Ja-Stimmen einer Fusion positiv entgegenblickten, sahen das 68% der abstimmenden Baselbieterinnen und Baselbieter anders: «Mir si und bliibe Baselbieter» verkündete 2014 so manche Stickerei auf T-Shirts und gefühlt jedes zweite Auto kurvte mit einem Baselbieter-Kleber auf der Heckscheibe daher. Von der Fasnacht, die nun plötzlich Weltkulturerbe ist, über das Kaffeehaus Unternehmen Mitte bis hin zur Coronapandemie. Von Lucius Burckhardts Engagement für die Altstadt über das Chemieunglück in Schweizerhalle bis hin zum generationen- und politikübergreifenden Widerstand gegen das AKW Kaiseraugst. Die «Stadt.Geschichte.Basel» behandelt fast alles. Fast alles. Denn: Obwohl Architektur und gebauter Raum allgegenwärtig scheinen und in praktisch allen geschichtlich interessanten Themen irgendwie Einzug finden – sei es das Basler Münster, die nie gebaute Wettsteinbrücke aus der Feder von Santiago Calatrava oder die Vision für das Dreispitzareal mit dem Turmprojekt von Herzog & de Meuron, ja gar die Diskussion über den Klimanotstand in Zusammenhang mit der Siedlungsbebauung wird angerissen – so vermissen wir den thematischen Fokus, den Blick auf die eigentliche Architekturstadt Basel. Was macht sie aus? Wann wurde sie relevant? Ist sie es noch? Und dann doch; fast könnte man es übersehen: zehn schmale Seiten behandeln die Basler Architektur. Auf einen kurzen Einleitungstext, der im Wesentlichen wiederholt, was im Titel darübersteht, nämlich «Architektur in Basel», folgen ein paar Abbildungen und Fotografien der Maurerhalle, des Lonza-Hochhauses oder des Stellwerks. Schön und gut ist übertrieben. Man darf durchaus enttäuscht sein. Immerhin: Es wird auf den Architekturführer von Dorothee Huber verwiesen.
Ein paar Abbildungen aktueller Architekturen finden sich im Geschichtsband – das wars dann aber...

Ein paar Abbildungen aktueller Architekturen finden sich im Geschichtsband – das wars dann aber...

Zum Schluss fragt sich der neunte Band: wem gehört die Stadt eigentlich? Ihren Bewohnerinnen und Bewohnern? Den Trams in der Innenstadt? Den Autos? Oder doch der Crédit Suisse? Die «Stadt.Geschichte.Basel» nimmt Bezug auf die gross angelegte Recherche von reflect.ch und Bajour aus dem Jahr 2021. Ein Drittel aller Wohnungen gehört inzwischen renditeorientierten Unternehmen.
Autos, Velos, Fussgänger:innen – für wen ist die Stadt eigentlich gebaut?

Autos, Velos, Fussgänger:innen – für wen ist die Stadt eigentlich gebaut?

In gesellschaftlicher Hinsicht ebenso wichtig: Für wen ist die Stadt denn eigentlich geplant? Eine vermeintlich einfache Frage; die meisten würden antworten: «Na für alle wohl!» – Aber stimmt das wirklich? Das sehr lesenswerte Kapitel von Yves Hänggi geht der Frage nach, wie frauenfeindlich Stadtplanung sein kann. Dabei zitiert er aus einem Postulat von Grossrätin Nicole Wagner aus dem Jahr 1990 der Progressiven Organisation Schweiz (POCH) betreffend «Stadtstrukturen und Gewalt gegen Frauen», wonach zahlreiche Orte in Basel von Frauen, insbesondere bei Dunkelheit, gemieden würden. Beispielsweise die Tiefgarage des Kantonsspitals, die Unterführung beim Bahnhof SBB oder der Margarethenpark. Seit 1990 hat sich viel getan, viel verbessert. Aber noch ist nicht alles gut. Man darf in diesem Rahmen an die Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes erinnern. Für wen die Stadt geplant wird, ist die eine Frage – die andere: Von vom wird sie geplant? Und das waren 1990 fast ausschliesslich Männer. Im Vorwort einer 1998 von zwei Soziologinnen im Auftrag des Baudepartements erstellen Studie lesen wir: «Eine frauengerechte Stadt wird auch immer eine menschengerechte Stadt sein.» Und in der Folge resümiert die Studie: «Sicherheit im öffentlichen Raum wurde als eine Problematik erkannt, die verschiedene Bevölkerungsgruppen, Alte und Junge, Frauen und Männer betrifft und es deshalb auch Aufgabe der Stadtplanung ist, Lösungsansätze zu entwickeln.» Band 8 und 9 reihen sich ein in eine wertvolle Erzählung der Basler Stadtgeschichte. Sie schliessen den langen Zeitstrahl ab. Zeigen die vorherigen Bände historisches, so werfen die aktuellen Bände gleichermassen Fragen auf: Die Zeit seit 1960 ist mitnichten erzählt; wir zerren noch an ihr – und lernen. Oder sollten zumindest. Mit dem zehnten und letzten Band wird ein Übersichtsband erscheinen. Damit wird die Serie dann abgeschlossen sein. Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Martin Lengwiler (Hg), Tobias Ehrenbold, Silas Gusset, Anina Zahn Auf dem Weg ins Jetzt. Seit 1960 Stadt.Geschichte.Basel, Band 8 328 Seiten, 137 meist farbige Abbildungen gebunden, 18 × 24.5 cm © 2025 Christoph Merian Verlag CHF 39.- / EUR 39.- ISBN: 978-3-03969-008-4
Esther Baur, Lina Gafner (Hg) Stadträume. Offen und begrenzt, gestaltet und umkämpft Stadt.Geschichte.Basel, Band 9 336 Seiten, 148 teils farbige Abbildungen gebunden, 18 × 24.5 cm © 2024 Christoph Merian Verlag CHF 39.- / EUR 39.- ISBN: 978-3-03969-009-1