Literatur 14.11.25
Basler Wohngrundrissquarett © Architektur Basel

Basler Wohngrundrissquarett © Architektur Basel

Zwischen Kammergrundriss und Lofthaus – das Basler Wohngrundrissquartett

Wie keine andere Bauaufgabe hat das Wohnen die Baukultur im letzten Jahrhundert geprägt. Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Wohnen betrifft alle. Jede und jeder wohnt. Von den ersten Geschosswohnungen für die Arbeiterschicht in der Gründerzeit bis zu den Clusterwohnungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts – es hat sich viel getan. Das soeben in erweiterter Auflage erschienene Basler Wohngrundrissquartett schafft einen Überblick. Neu beinhaltet es ein Essay, das eine vergleichende Betrachtung der einzelnen Bereiche einer Wohnung wagt. Im heutigen Artikel legen wir den Fokus auf die Bäder und Schlafzimmer. Wie haben sie sich in den vergangenen 125 Jahren verändert.
Bäder: Von der Fassade in die Mitte Die Bäder in Basler Wohngrundrissen haben im vergangenen Jahrhundert einen grundlegenden Wandel durchlaufen. In der Gründerzeit befand sich die Toilette meist ausserhalb der Wohnung, auf dem Treppenpodest; private Badezimmer waren selten. Spätestens seit den 1920er-Jahren setzte sich das Bad als fester Bestandteil der Wohnung durch – meist in direkter Nachbarschaft zur Küche, wie beispielsweise in den sogenannten Baumgartnerhäusern. Bis Ende der 1940er-Jahre waren Bäder in der Regel an der Fassade angeordnet und verfügten über Fenster zur natürlichen Belüftung. Mit den zunehmend tieferen Gebäudegrundrissen seit den 1950er-Jahren wanderten die Bäder ins Innere der Wohnungen und wurden fortan mechanisch belüftet. Seit den 1960er-Jahren wurde die separate Gäste-Toilette zum Standard. Der Wohnkomfort nahm weiter zu: Seit der Jahrtausendwende findet man auch in mittelgrossen Wohnungen häufig zwei Nasszellen – eine mit Dusche, eine mit Badewanne. In jüngerer Zeit ist jedoch ein Umdenken erkennbar: Besonders bei genossenschaftlichen Wohnprojekten wird vermehrt auf Suffizienz gesetzt. Drei- und Vierzimmerwohnungen werden wieder häufiger mit einem einzigen Bad geplant, um Ressourcen zu schonen und kompaktere Wohnformen zu fördern.
Schlafzimmer: Zwischen Kammer und Loft In der Gründerzeit lag der Fokus auf rechteckigen, gut möblierbaren Schlafzimmern, die in der Regel direkt vom Korridor aus erschlossen waren. Verbindungstüren zwischen den Zimmern waren häufig und ermöglichten eine flexible Nutzung innerhalb der Wohnung. Mit den Grundrissen der WOBA-Siedlung von 1930 setzte eine Minimierung der Raumgrösse ein: Im Sinne des Funktionalismus dienten die Zimmer ausschliesslich dem Schlafen. In der Nachkriegsmoderne etablierte sich ein neues Raumverständnis – mit einer klaren Trennung zwischen grosszügigem Wohnbereich und knapp gehaltenen, funktional erschlossenen Schlafzimmern, wie etwa beim Wohnhaus am Lindenweg von Burckhardt + Partner. Seit den 1990er-Jahren rücken die Zimmer räumlich wieder näher an den Wohnbereich heran – teils verschmelzen sie sogar mit diesem. Beim Wohnhaus an der Frobenstrasse von Silvia Gmür Reto Gmür Architekten etwa geht der Wohnraum dank grosser Schiebetüren fliessend in die Zimmer über. Eine radikale Weiterentwicklung dieses Prinzips zeigen Projekte wie das Lofthaus von Buchner Bründler, in dem sämtliche Funktionen in einem offenen Raum vereint sind, oder der Sempacherhof von Miller & Maranta, wo die gesamte Wohnung als fliessendes Raumkontinuum konzipiert ist.

© Architektur Basel

Die einzige Konstante: der Wandel Der Blick auf 125 Jahre Wohnungsbau in Basel ist auch ein Blick auf eine Gesellschaft, die sich seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert bis zur Digitalisierung im 21. Jahrhundert in konstantem Wandel befindet. Die Frage der Suffizienz – der Reduktion des individuellen Flächenverbrauchs – war noch bis Anfang der 1950er-Jahre ein rein ökonomisches Thema. Den radikalsten Vorschlag lieferte die Mustersiedlung der WOBA 1930 unter dem Titel «Wohnen für das Existenzminimum» mit Reihenfamilienhäusern für Arbeiterfamilien, die teilweise unter 50 Quadratmeter Wohnfläche aufweisen. Heute werden bei Wohnbauten wie dem Haus Abakus von Stereo Architektur oder dem Projekt Deux Chevaux von kollektive architekt ebenfalls Fragen der Suffizienz verhandelt – allerdings zunehmend auch angetrieben durch die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Das Wohngrundrissquartett erlaubt eine lustvolle Auseinandersetzung mit typologischen Fragen des Wohnens in Basel. Es ist ab sofort in allen Buchhandlungen erhältlich. Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

Veranstaltungshinweis: Wohngrundrissdiskussion im Quartett Dorothee Huber (Architekturhistorikerin) Meinrad Morger (Architekt) Conrad Kersting (Architekt) Maya Scheibler (Architektin)

Sie nehmen das neue Quartett zum Anlass, um gemeinsam zu diskutieren – über Grundrisse, Wohnideen und mehr als 125 Jahre Basler Wohnkultur.

Datum: MI 12.11.2025 / 19:00 (Türöffnung 18:30) Ort: Didi Offensiv

Basler Wohngrundrissquartett
 

Jetzt überall im Buchhandel erhätlich!

© Architektur Basel

Céline Dietziker, Lukas Gruntz, Luigi Middea Basler Wohngrundrissquartett 10 x 14 cm, 76 Grundrisskarten, Faltkarte und Booklet ISBN 978-3-03969-052-7