Literatur 01.07.26

Das Stadtdenkmal Basel: Von Schaufenstern, Brunnen und Schnitzereien

1577 veröffentlichte Theodor Zwinger ein Buch mit dem Namen «Methodus apodemica». Eine Theorie des Reisens. Darin besuchte er neben Athen, Paris und Padua auch Basel. Zwinger, selbst Arzt und Professor meinte dazu: Wie als Mediziner bei der Zergliederung einer Leiche werde er zunächst die einzelnen Elemente der Stadt so beschreiben, wie ein ankommender Reisender sie sukzessive wahrnehmen, und sie sodann systematisch in einem logischen System anordnen. Die Stadt am Rheinknie umschrieb er als «Athen der Schweiz». Die Baumstruktur davon, sein System, finden wir in der 2025 erschienenen Publikation «Das Stadtdenkmal Basel» abgedruckt.

Die Veröffentlichung des ersten Bandes der Reihe «Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt» der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte liegt 94 Jahre zurück. In unregelmässigen Abständen folgten acht weitere Bände. Im aktuellen zehnten Band widmet sich Autor Martin Möhle im Gegensatz zu den Vorgängerbänden nicht einem spezifischen Thema, einem Gebäude oder Stadtteil, sondern übt sich in Synthese, fasst zusammen.

Theodor Zwinger beschrieb Basel 1577 in seiner als Baumstruktur angelegten Analyse als das «Athen der Schweiz»

Während Theodor Zwinger Basel «in Worte fasste», versuchten sich andere in grafischen Darstellungen. Etwa zeigte Hartmann Schedel in seiner Weltchronik 1493 die Stadt bereits als frontale Ansicht. Inhaltlich zwar eindeutig als Basel zu identifizieren, jedoch mehr als Prospekt gedacht und mitnichten exakt. Im Gegensatz dazu erscheinen spätere Darstellungen, etwa die Planvedute von Matthäus Merian d.Ä. um 1615 geradezu wissenschaftlich. Dem Plan als Darstellung der Stadt begegnen wir in «Das Stadtdenkmal Basel» immer wieder. Möhle zeigt auf, wie die Stadt zu welchem Zeitpunkt gelesen, gezeichnet und darstellt wurde und schafft geschichtliche Querbezüge.

In Hartmann Schedels Weltchronik wird Basel 1493 bereits deutlich erkennbar abgebildet.

Fast schon textlastig erscheint uns im Gegenzug ein Ausflug in die Anfänge. Oder zumindest bis zu dem Zeitpunkt, der wissenschaftlich rekonstruierbar ist. Getreu einem Syntheseband listet Möhle die wichtigsten Ereignisse seit 900 v. Chr. tabellarisch auf. Untermalt werden die Texte mit Lebensbilder, also eine Art Visualisierung möglicher damaliger Umstände auf Grundlage einzelner Forschungsergebnisse. Wer bereits den ersten Band der Stadt.Geschichte.Basel im Regal stehen hat, findet einige der Abbildungen dort exakt wieder.

Deutlich greifbarer wird der Inhalt gegen die Buchmitte. Das Buch thematisiert den öffentlichen Stadtraum Basels in seinen unterschiedlichsten Ausdrucksweisen: So finden wir neben Fassadenmalereien am Gemsberg etwa historische Aufnahmen von Schaufenstern in der Freie Strasse oder aber Fotografien von 1954 der Passage in der Gerbergasse nach Plänen von Marcus Diener. Nicht fehlen darf eine Übersicht der Basler Brunen. Um 1500 zählte die Stadt ganze 66 öffentliche Brunnenanlagen. Einige der Brunnenstöcke aus dem 16. und 17. Jahrhundert gibt es noch heute.

Schaufenster und Erdgeschossnutzungen in der Innenstadt.

Möhle beleuchtet aber auch die politischen Prozesse rund um die Stadtplanung, etwa die Pläne zur Korrektion der Innenstadt. Oder aber Themen der Infrastruktur wie beispielsweise dem Tram- und Strassennetz.

Architektur als städtische Offensichtlichkeit spielt durchwegs eine Rolle. So finden wir einen Schnitt durch den Innenhof des Rathauses, Grundrisse der Baumgartnerhäuser oder aber eine aktuelle Aufnahme der WOBA-Siedlung im Surinam. Neben dem Stadtraum als gesellschaftlich wichtiger Ort, beleuchtet Möhle aber auch das tatsächliche Erscheinungsbild, beschreibt das Dekorative, die Glasmalereien, Skulpturen oder Schnitzwerken und Bildhauereien. Sei es das Haus am Viadukt, der Badische Bahnhof, die Genossenschaftssiedlung Vogelsang oder die Antoniuskirche. Möhle geht mit offenen Augen durch die Stadt.

Überlegungen zum öffentlichen Verkehr dürfen nicht fehlen.

Obwohl wir es mit einem geschichtlichen Syntheseband zu tun haben, bleibt die Publikation nicht oberflächlich und taucht bisweilen ungewohnt tief in die Materie ein. Dennoch sind die Kapitel nicht überladen und stets bebildert. Wir stossen auf historische Fotografien und Pläne, Grundrisse und Schnitte. Viele der Themen sind anschaulich in Übersichtsplänen illustriert. Auf 484, fast durchwegs farbig bedruckten Seiten rollt Autor Martin Möhle die Vergangenheit der Stadt am Rheinknie nochmals auf.

Obwohl Architektur nicht per se im Fokus der Publikation liegt, geht Martin Möhle mit offenen Augen durch die gebaute Stadt.

Basler Geschichtsinteressierte dürften sich an vergangenen Weihnachten wohl gleich mehrfach über bücherhafte Geschenke unter dem Weihnachtsbaum gefreut haben. Seit 2024 schaut die Stiftung Stadt.Geschichte.Basel in mehreren Bänden in Basels Vergangenheit. Parallel zur Veröffentlichung des achten und neunten Bandes kam nun auch «Das Stadtdenkmal Basel» in die Verkaufsregale. Kunsthistorikerin Anne Nagel ist derzeit mit der Erarbeitung des nächsten Werkes beschäftigt: «Altstadt Basel III» wird 2028 erscheinen.

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel

Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt XI. Das Stadtdenkmal Basel
Autor: Martin Möhle
484 Seiten, 550 meist farbige Pläne und Abbildungen / gebunden, 20,5 x 26cm
ISBN: 978-3-03797-925-9 / ISSN: 2235-0624
© 2025 Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern
CHF 130.-