Literatur 24.11.25
Katharina und Wilfrid Steib

Bentley und Baselitz – das Leben von Wilfrid und Katharina Steib

Fünfzig Jahre lang waren sie eines der erfolgreichsten Architekturduos in Basel. Bauten wie das Museum für Gegenwartskunst, die Dreirosenbrücke oder der Burghof in Lörrach gehören zu ihren bekanntesten Werken. Die Rede ist von Wilfrid und Katharina Steib. Ein kürzlich erschienenes Buch ermöglicht erstmals einen umfassenden Blick auf ihr vielseitiges Schaffen, gewährt dank Gesprächen mit langjährigen Weggefährten einen Einblick in ihr Leben und zeigt zudem ausgewählte Werke ihrer Kunstsammlung.
Katharina und Wilfrid Steib
Zuerst ein paar Worte zur Form: Das Buch liegt mit seinem hochwertigen, dunklen Leineneinband und der roten Prägeschrift angenehm in der Hand – und macht sich auch optisch hervorragend in jeder Architekturbibliothek. Gewohnt hohe Buchqualität aus dem Hause Simonett & Baer. Das Format von 22 × 30 cm ist für eine Monografie vergleichsweise handlich. Im Innern wechselt das Layout zwischen grossformatig beidseitigen Abbildungen und einem stringenten Zweispalter, der sowohl Textbeiträge als auch kleinere Pläne und Fotos übersichtlich ordnet. Die konsequent verwendete Serifenschrift Times Now wirkt unaufgeregt und zeitlos.
Katharina und Wilfrid Steib
Den inhaltlichen Auftakt bildet Christoph Wieser mit seinem fundierten Blick auf das steib’sche «Zweierwesen». Er wählt bewusst einen kulturhistorischen Zugang, denn: «Der Beruf und die Familie, Leben und Arbeiten, waren bei Wilfrid und Katharina Steib untrennbar miteinander verbunden.» Wieser zeichnet den Werdegang der beiden nach – vom Studium an der ETH über die «Blitzhochzeit» im Kirchlein von Biel-Benken, die «Beschäftigung mit der Kunst», das Engagement in der Lehre und in Wettbewerbsjurys bis ins Tessiner Dorf Berzona, wo die beiden ihre letzte Ruhestätte fanden. Dank Wiesers Beitrag entsteht eine umfassende Chronologie des Lebens und Wirkens des Paares, die weit über die Architektur hinausreicht. Ihr Erfolg war beachtlich: «Insgesamt nahmen sie an rund hundertzwanzig Wettbewerben teil, erhielten bei über zwei Dritteln einen Preis oder Ankauf, fünfundvierzig konnten sie gewinnen.» Das ergibt eine überragende Erfolgsquote von fast 40 Prozent. Auf die ebenso lesenswerten Beiträge «Das Schulzentrum als kleine Stadt» von Dorothee Huber, «Bauen im Bestand» von Lucia Gratz und «Gegenläufige Bewegungen» von Jürg Graser folgt das Werkverzeichnis. Es fasst sämtliche Projekte und Bauten von 1957 bis 2006 – vom Schulzentrum Gerenmatte in Arlesheim bis zum Paraplegiker-Zentrum in Nottwil – tabellarisch zusammen. Hier haben die Herausgeber wertvolle Archivarbeit geleistet. Apropos: Der Nachlass ging in gute Hände ans gta über. Der Blick auf die «ausgewählten Bauten» fällt dagegen etwas knapp aus: Wer eine fundierte Monografie mit detaillierten Plänen und Fotografien der wichtigsten Werke – etwa des Museums für Gegenwartskunst oder des Mehrfamilienhauses am Rheinweg – erwartet, wird etwas enttäuscht. Die Bauten werden lediglich durch wenige grossformatige Fotografien dokumentiert. Hier hätte man sich mehr Tiefgang und inhaltliche Dichte gewünscht.
Katharina und Wilfrid Steib
Einen persönlicheren Zugang zum Werk bieten die Gespräche mit verschiedenen Weggefährten – sie beleben das Buch und machen die Steibs nahbar. So erinnert sich Schulfreund und Architekt Edi Bürgin: «Katharina war diejenige, die grossen Wert auf architektonische Details gelegt hat. Wilfrid hat sie dabei natürlich unterstützt. Er war nach meiner Auffassung die schöpferische Kraft im Grossen.» Catherine Nissen beschreibt Katharina Steib als «eine sehr willensstarke Frau. Wenn sie etwas blöd fand, sagte sie das laut – und wenn sie etwas gut fand, ebenfalls. Als starke Frau, die sich auch durchsetzen konnte, hat sie sicher nicht jedem gefallen.» Besonders eindrücklich sind die Erinnerungen von Urs Gramelsbacher, der ganze zwölf Jahre als Hochbauzeichner im Büro der Steibs arbeitete. Trotz der langen Zusammenarbeit blieb es bis zum Schluss beim förmlichen «Sie» – so, wie es die Steibs mit allen Mitarbeitenden handhabten. Die Arbeit mit Wilfrid Steib beschreibt er so: «Das Tolle an ihm war, dass er einen wirklich in den Entwurfsprozess einbezogen hat und wir Dinge ausprobieren konnten. So hat es mir immer Spass gemacht. (…) Im Gegensatz zu ihm war sie eher diejenige, die sagte: So möchte ich das jetzt haben. Sie hat nicht so viel Spielraum gelassen wie er. Aber letztlich kam auch er zu dem, was er wollte – nur auf eine andere Art.»
Katharina und Wilfrid Steib
Eine Grossaufnahme des schwarz glänzenden Bentley Mark VI Park Ward auf der vorletzten Seite strahlt noble Eleganz aus. Die Steibs kauften ihn sich mit dem Preisgeld ihres ersten gewonnenen Wettbewerbs. «Das ist doch eine gute Idee. Dann setzen wir unsere Kinderlein auf die Rückbank und fahren damit zusammen in die Ferien», meinte Katharina zu Wilfrid. So viel ist klar: Das Buch ist keine klassische Architekturmonografie. Es ist komplexer, vielschichtiger – oder, wie Herausgeber Dino Simonett treffend schreibt, ein «diskretes Familienbuch inklusive und certainly mit viel Architektur». Es handelt von der Lebenskunst, «die wir bei den Steibs sehr schön angetroffen haben und die in den Kindern und Enkelkindern» – und auf 144 in Leinen gebundenen Seiten weiterlebt. Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

Katharina und Wilfrid Steib
Katharina und Wilfrid Steib Leben Architektur Kunst

Christoph Wieser, Tilo Richter, Dino Simonett (Herausgeber) Verlag: Simonett & Baer, 2025 Hardcover in Leinen gebunden 22 x 30 cm 144 Seiten CHF 98.00 / € 98.00 ISBN 978-3-906313-63-4