Literatur 04.06.24
Stadt.Geschichte.Basel Band 3 + 4 – von 1250 bis 1790 © 2024 Christoph Merian Verlag

Stadt.Geschichte.Basel Band 3 + 4 – von 1250 bis 1790 © 2024 Christoph Merian Verlag

Als Emanuel Hoffmann einen Webstuhl nach Basel schmuggelte... Stadt.Geschichte.Basel – Band 3 + 4

Eine umfassende Darstellung der Geschichte Basels ist ein lang gehegter Wunsch einer geschichtsinteressierten Öffentlichkeit. Das laufende Projekt der Stadt.Geschichte.Basel wurde 2011 vom Verein Basler Geschichte ins Leben gerufen. Nun sind die ersten vier Bände der insgesamt aus zehn Bänden bestehenden Reihe erschienen. Letzte Woche haben wir den ersten und zweiten Band im Detail angeschaut – nun werfen wir einen Blick in die dritte und vierte Publikation. Der dritte Band beschäftigt sich mit der Entwicklung der Stadt in der Zeit von 1250 bis 1530 und trägt den Namen «Stadt in Verhandlung». Die Autorinnen und Autoren widmen sich darin beispielsweise der Wasserwirtschaft. Neben dem Rhein waren vor allem die kleinen Flüsse wie Birs, Birsig oder Wiese für das hiesige Handwerk interessant. In dieser Zeit entstanden aber auch künstliche Wasserläufe oder Kanäle wie im St. Alban oder im Kleinbasel.
Wo Wasser floss, siedelte sich das Handwerk an, Foto: © Architektur Basel

Wo Wasser floss, siedelte sich das Handwerk an, Foto: © Architektur Basel

Das Wasser als Energiequelle fürs Mahlen, Walken, Hämmern, Schleifen oder Sägen setzte sich durch. Allein in Basel zählte man damals um die 30 Standorte. Diese technische Innovation legte bereits jetzt den Grundstein für die Papierindustrie im späteren 15. Jahrhundert. In Basel hergestelltes Papier verbreitete sich in ganz Europa. So wurden Wasserzeichen aus Basel unter anderem in Venedig, Wien, London oder Hamburg gefunden.
Papier aus Basler Produktion fand den Weg nach ganz Europa © 2024 Christoph Merian Verlag

Papier aus Basler Produktion fand den Weg nach ganz Europa © 2024 Christoph Merian Verlag

Das Wasser wurde aber nicht nur in technischer, sondern auch in gesundheitlicher Hinsicht wichtig. Bereits seit einiger Zeit wurde Trinkwasser in Brunnen etwa im Allschwiler Wald, am Margarethenhügel oder in Gundeldingen gefasst in mittels Leitungsnetze bis in die Stadt geführt. In jener Zeit wurde, unter Beteiligung der Basler Kirchen – denn die Quellgebiete gehörten zu St. Leonhard und Münster, das Leitungsnetz stark ausgebaut. So hat Brunnmeister Hans Zschan um 1500 bereits detaillierte Pläne mit Leitungsverläufen, Brunnenstandorten, Abzweigungen oder Zapfen. Die Pläne gaben ausserdem Auskunft über die Bauart und verwendete Materialien. Ganze 2.5 × 7 Meter mass etwa der aus mehreren Pergamenten bestehende Plan des Münsterbrunnwerks.
Netzpläne der Wasserleitungen und Brunnen © 2024 Christoph Merian Verlag

Netzpläne der Wasserleitungen und Brunnen © 2024 Christoph Merian Verlag

Das Wasser suchte die Stadt aber auch immer in vernichtender Weise heim. So berichtete der Basler Domkaplan Hieronymus Brillinger um 1480: «Menschen, die auf der Brücke standen, konnten sich leicht im Rhein die Hände waschen, was ich selbst auch tat». Überschwemmungsgebiete lassen sich aus den etlichen Berichten von Hochwasserständen insbesondere im Bereich rund um die Rheinbrücke, der Schifflände und im Kleinbasel bis zum Claraplatz feststellen.
Überschwemmungsgebiete um 1480 © 2024 Christoph Merian Verlag

Überschwemmungsgebiete um 1480 © 2024 Christoph Merian Verlag

Neben Hochwasser litt die Stadt aber auch unter Pandemien und anderen Naturereignissen. 1346 suchte die Pest die Stadt heim und nur wenige Jahre später brach um 1354 im Kleinbasel ein Grossbrand aus. Das grösste Ereignis dürfte jedoch das Erdbeben von 1356 gewesen sein. Es gilt heute als das stärkste Erdbeben Zentraleuropas überhaupt. Das Epizentrum lag ungefähr zehn Kilometer südlich von Basel. Vermutlich ist es einem etwas schwächeren Vorbeben geschuldet, dass sich viele Leute beim Hauptbeben bereits ausserhalb der Stadtmauern befanden. Der vierte Band mit dem Titel «Aufbrüche, Krisen, Transformationen» deckt die Zeitspanne von 1510 bis 1790 ab und widmet sich dem Ende konventioneller Strukturen bis hin zur Industrialisierung. Im Frühjahr 1666 bis zum Sommer 1667 kam es in Basel zu mehreren schicksalhaften Entwicklungen. Mit dem Tod von Bürgermeister Rudolf Wettstein kam Kritik an den bis anhin dominanten politischen familiären Machtstrukturen auf. Fortan etablierte sich ein Gremium von Kaufleuten. Ein paar Jahre später schmuggelte Emanuel Hoffmann nach einem längeren Aufenthalt in Amsterdam einen neuartigen Webstuhl nach Basel – eine technische Innovation, die für Basel und die gesamte Region weitreichende Folgen hatte. Die letzte grosse Pestwelle suchte Basel um 1667 heim. Basel wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts zum europäischen Marktführer in der Seidenbandproduktion, was zu einem ausserordentlichen Wachstum der Basler Exportwirtschaft führte.
Indienne – Stoff mit Stil © 2024 Christoph Merian Verlag

Indienne – Stoff mit Stil © 2024 Christoph Merian Verlag

Mit dem Einsetzten der Textilindustrie standen Kapitalismus und Globalisierung quasi vor der Tür. Letzteres zeigt sich am Beispiel von Indienne-Stoffen. Seit den 1720er-Jahren lassen sich in der Schweiz erste Spuren von bedruckten Baumwollstoffen aus Indien feststellen. Mitte des 18. Jahrhunderts hatten sich Indienne-Stoffe für Möbel und Kleider der Oberschicht durchgesetzt. 1744 gab es in Basel bereits vier Fachgeschäfte dafür. Später wurden diese Stoffe auch in Europa selbst hergestellt. Ausserdem widmen sich der dritte und vierte Band folgenden Themen: Das Basler Konzil, Heizungen und Öfen in Basler Haushalten, Wettkämpfe, Feste, Prozessionen, Basel als Handwerksstadt, Zünfte und neue Arbeitsformen, Handel, Basels Stellung in Europa, die Reformation und ihre Folgen, die Kunst der Basler Goldschmiede, zentrale Orte und öffentliche Bauten, soziale Ordnung der städtischen Gesellschaft, Immigration, Integration, Ausgrenzung und vieles mehr... Wer sich für die Basler Geschichte interessiert, findet in der neuen Stadt.Geschichte.Basel ein attraktives Inhaltsverzeichnis aller wichtigen Ereignisse in und um Basel – zumindest soweit wir dies beurteilen können. Mit ungefähr 330 Seiten pro Band sind die Bücher einigermassen handlich. Auf die einzelnen Kapitel folgen jeweils ausführliche Quellen- und Literaturverzeichnisse, sowie ein Ortsregister. Die kurzweiligen Texte – die insbesondere auch für Laien gut verständlich sind – sind durchwegs farbig illustriert. Die erwähnten Exkursionen lockern das Ganze etwas auf. Ebenso unterstützen viele Karten und Pläne den Inhalt. Die Buchdeckel kommen als Hardcover daher.
Stadt.Geschichte.Basel Band 1-4 sind nun erschienen © 2024 Christoph Merian Verlag

Stadt.Geschichte.Basel Band 1-4 sind nun erschienen © 2024 Christoph Merian Verlag

Im Gegensatz zur konventionellen Geschichtsschreibung verfolgt das Projekt selbstredend einen «multiperspektivischen Zugang». Soll heissen, dass viele Zugänge auf die Geschichte Basels ermöglicht werden sollen und nicht ein einzelner wissenschaftlicher Ansatz im Mittelpunkt steht. So sollen nicht nur epochenübergreifende Prozesse beleuchtet, sondern auch neue Themen in den Fokus gerückt werden. Langfristig will das Projekt seine Forschungsdaten online zur Verfügung stellen. Mehr Informationen zum Forschungsprojekt finden sich auf: stadtgeschichtebasel.ch und forschung.stadtgeschichtebasel.ch. Finanziert wird das Projekt zu knapp zwei Drittel durch die öffentliche Hand (4.4 Mio CHF hat das Parlament bewilligt, 1.6 Mio CHF steuert Swisslos bei. 3.3 Mio CHF werden von Stiftungen, Institutionen, Unternehmen und privaten Spender:innen beigesteuert. Kommen wir zum Schluss nochmals zum Streit um das fragliche Dachfenster von Andreas Cratander zurück. Die Stadt.Geschichte.Basel verrät leider nicht, wie die Affäre ausging. Viel mehr steht die Geschichte als Beispiel dafür, wie Architektur im Laufe der Stadtentwicklung auch immer eine Zeitzeugin darstellt. So führte um 1550 rum nicht nur das Fenster als Ein- und Ausblick zu Diskussionen, sondern auch Höfe und Gärten. Sie nahmen eine Zwischenstellung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit ein, bildeten Freiräume innerhalb einer dicht bebauten Stadt, oder – und mit diesem Schmankerl schliessen wir diese Buchbesprechung – luden zu Aktivitäten ein, die wohl lieber nicht protokolliert worden wären: «Stadtarzt Felix Plattner berichtete, wie er seine Nachbarin Dorothea Gemusein, die Ehefrau des auf dem Nadelberg ansässigen Druckers und Ratsherrn Hieronymus Gemuseus, auf dem Weg zu ihrem Garten antraf und in ein erotisch aufgeladenes Spiel verwickelte, das beide öffentlich desavouiert hätte.» Mehr ist uns nicht überliefert. Na, wenn die nur wüssten… Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Lucas Burkart (Hg) Lucas Burkart, Benjamin Hitz, Claudia Moddelmog Stadt in Verhandlung. 1250 – 1530 Stadt.Geschichte.Basel, Band 3 336 Seiten, 129 meist farbige Abbildungen gebunden, 18 × 24.5 cm © 2024 Christoph Merian Verlag CHF 39.- / EUR 39.- ISBN: 978-3-03969-003-9  
Susanna Burghartz (Hg) Susanna Burghartz, Marcus Sandl, Daniel Sidler Aufbrüche, Krisen, Transformationen. 1510 – 1790 Stadt.Geschichte.Basel, Band 4 336 Seiten, 117 meist farbige Abbildungen gebunden, 18 × 24.5 cm © 2024 Christoph Merian Verlag CHF 39.- / EUR 39.- ISBN: 978-3-03969-004-6