Architektur unter Druck: Baukultur braucht gute Wettbewerbe!

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Seit wenigen Monaten werden Architekturwettbewerbe in der Region Basel besonders genau unter die Lupe genommen. Der sogenannte „Beobachter für Wettbewerbe und Ausschreibungen Nordwestschweiz“ (kurz: BWA nw) hat sich die Förderung von fairen Wettbewerben, Studienaufträgen und Ausschreibungen auf die Fahne geschrieben. Ausserdem ist im Basler Grossen Rat ein Vorstoss für transparente Vergabeverfahren hängig.

Jury am Gewinnermodell © foto-werk gmbh, Basel - Michael Fritschi

Jury am Gewinnermodell © foto-werk gmbh, Michael Fritschi

Rote, orange, grüne Smileys
Getragen wird der Beobachter von Berufsverbänden wie SIA oder BSA. Verbandseigene Analysten prüfen Wettbewerbe und Ausschreibungen betreffend Einhaltung der entsprechenden SIA-Normen sowie den geltenden Gesetzen. Das Resultat der Überprüfung wird danach im Internet veröffentlicht: Ein grüner, oranger oder roter Smiley zeigt an, ob ein Wettbewerb regelkonform ausgeschrieben wurde oder nicht. In einem Kurzbericht werden allfällige inhaltliche Mängel dargelegt.

Aktueller Wettbewerb in Basel-Stadt ist „nicht empfehlenswert“
So wurde beispielsweise der aktuell laufende Wettbewerb für die „Erweiterung und Sanierung Primarschule Christoph Merian“ im Gellert als „nicht empfehlenswert“ bewertet. Weshalb? Im Bericht wird unter anderem eine Verletzung des Urheberrechts moniert: „Das Siegerprojekt kann weiterverwendet und geändert werden.“ Und dies ohne Einverständnis des Urhebers. Das ist tatsächlich ein problematischer Passus, der von Misstrauen gegenüber den Architekten zeugt. Auftraggeber des genannten Wettbewerbs ist der Kanton Basel-Stadt.

„Es ist nirgends definiert, welche Verfahrensart sich für die Vergabe welcher Art von Planungsaufgaben eignen.“

Transpartente öffentliche Vergabeverfahren
Dass insbesondere bei öffentliche Wettbewerben und Ausschreibungen längst nicht alles rund läuft, ist sich inzwischen auch die Politik bewusst. SP-Grossrat Tim Cuénod hat deshalb kürzlich einen Vorstoss eingereicht, der Richtlinien für transparente Vergabeverfahren der öffentlichen Hand und staatsnahen Betrieben fordert. „Im Kanton Basel-Stadt bestehen heute nicht durchgehend transparente und nachvollziehbare Richtlinien zur Vergabe von Planungsaufträgem. Es ist nirgends definiert, welche Verfahrensart sich für die Vergabe welcher Art von Planungsaufgaben eignen, und wie die Zuständigkeit innerhalb der einzelnen Departemente für die Wahl und die Durchführung der Verfahren geregelt ist“, schreibt Cuénod ist seinem Anzug, der von einer Mehrheit der Mitglieder der grossrätlichen Bau- und Raumplanungskommission (BRK) mitunterzeichnet und inzwischen an den Regierungsrat überwiesen wurde.

Jury vergleicht Bestand und Entwurf © foto-werk gmbh, Basel - Michael Fritschi

Jury vergleicht Bestand und Entwurf © foto-werk gmbh, Michael Fritschi

Eine für alle kantonalen Departemente verbindliche Richtlinie zur Vergabe von Planungsaufträgen soll hier Klarheit und Transparenz schaffen. Im Kanton Zürich existiert seit 2014 eine solche kantonale Richtlinie, die sämtliche Kriterien für Vergabeverfahren transparent und nachvollziehbar regelt. „Ausserdem soll geprüft werden, ob die Richtlinie zudem bei staatsnahen oder eigenen Betrieben, Institutionen mit kantonaler Beteiligung, wie der Uni, oder bei Bauprojekten auf kantonseigenen Parzellen im Baurecht zur Anwendung gelangen könnte,“ ergänzt Cuénod.

Im Bewusstsein, dass unsere schweizerische Wettbewerbskultur ein besonders schützenswertes Gut ist und massgebend zur hohen Qualität der Baukultur hierzulande beiträgt, sind diese Bestrebungen erfreulich.

Um mehr darüber zu erfahren, haben wir uns mit Reto Gmür, dem Präsidenten des Vereins Beobachter für Wettbewerbe und Ausschreibungen, über den Stand der Dinge in Sachen Architektur-Wettbewerbswesen unterhalten.


Architektur Basel: Herr Gmür, wie steht es um die Qualität der Wettbewerbe und Ausschreibungen in der Region Nordwestschweiz? Müssen wir uns Sorgen machen?
Reto Gmür: „Einleitend möchten ich unterstreichen, dass in der Schweiz eine sehr vorbildliche Wettbewerbskultur gelebt wird. Im Vergleich zu unseren Nachbarländern ist das Verantwortungsbewusstsein der öffentlichen Auslober hoch. Die Verfahren werden meist professionell durchgeführt und die politische Beeinflussung der Jury ist gering. Dieser Punkt ist zum Beispiel in Deutschland und Österreich ein grosses Problem. Ein weiterer Vorteil sind die guten Grundlagen, die der SIA zur Verfügung stellt. Trotzdem sind immer wieder Abweichungen zu verzeichnen. Wir denken, dass einiges besser gemacht werden könnte. Daher ist unser Engagement notwendig.“

„Kein Architekt kann überleben, wenn die Praktik einreisst, dass er nach einem gewonnenen Wettbewerb sein Projekt nicht bis zum Ende planen kann.“

Ihre Bewertungen sollen auf allfällige Mängel bei Wettbewerbsverfahren aufmerksam machen. Von welchen Mängeln sprechen wir hier konkret?
„Gerade der jüngste Fall der Entlassung der Architekten des Biozentrums nach dem Vorprojekt zeigt, wie wichtig es ist, dass das Urheberrecht korrekt geregelt ist. Kein Architekt kann überleben, wenn die Praktik einreisst, dass er nach einem gewonnenen Wettbewerb sein Projekt nicht bis zum Ende planen kann. Auch die Regelung der Honorare betrachten wir genau. Es ist nicht zulässig, dass die Honorare einseitig bestimmt werden. Diese dürfen als Verhandlungsbasis indikativ benennt werden, aber ein Vertrag ist immer ein Resultat einer Verhandlung. Die Zusammensetzung der Jury ist ebenfalls ein wichtiger Punkt, auch hier gibt die SIA klare Leitplanken vor.“

Wie sieht das Vorgehen bei Ihren Bewertungen aus?
„Der BWA prüft grundsätzlich nur Verfahren nach deren Publikation. Die öffentlich zugänglichen Verfahren werden von erfahrenen Analysten gemäss den klaren Vorgaben der SIA Ordnungen bewertet und mit grünen (Empfehlenswert), orangen (bedingt empfehlenswert) und roten Smileys (nicht empfehlenswert) gekennzeichnet. Ein Kurzbericht gibt Auskunft über die Stärken und Schwächen jedes Verfahrens. Die Bewertungen werden vom Vorstand geprüft und anschliessend auf unserer Homepage (www.bwa-nw.ch)und auf Espazium.ch publiziert. Der Auslober erhält eine Kopie der Bewertung und bei kritisierten Verfahren bieten wir ihm das Gespräch an.“

Es wird Mass genommen © foto-werk gmbh, Basel - Michael Fritschi

Es wird Mass genommen… © foto-werk gmbh, Michael Fritschi

Das hört sich so weit, so gut an. Was wollen sie mit dieser öffentlich zugänglichen Plattform konkret erreichen?
„Einerseits wollen wir den Architekten und Planern eine Möglichkeit geben, auf einen Blick die Qualität von Wettbewerben und Ausschreibungen in der Region zu sehen. Dies erleichtert die Entscheidung, daran teilzunehmen oder nicht. Wir sehen immer wieder, dass viele Architekten nicht wissen, welche Punkte in einer Wettbewerbsausschreibung wichtig sind. Bei der Auftragserteilung oder noch später kommt dann das böse Erwachen. Aber viel wichtiger ist, dass wir den fairen Wettbewerb fördern wollen und daran glauben, dass durch die konstante Überprüfung und die konstruktive Kritik mit dem Angebot des Dialogs die Qualität mittelfristig gesteigert werden kann. Die Beispiele von Zürich und von Genf, wo vergleichbare Beobachter bereits einige Zeit tätig sind, zeig uns, dass sich die Qualität durch die öffentlich zugängliche Bewertung merklich steigert.“

Die Jury tagt © foto-werk gmbh, Basel - Michael Fritschi

Die Jury tagt © foto-werk gmbh, Michael Fritschi

Zum Schluss ein anderes Thema: Weshalb werden in der Nordwestschweiz verhältnismässig wenige offene Wettbewerbe ausgeschrieben insbesondere beim Wohnungsbau? Gibt es dafür eine Erklärung?
„Es ist uns auch aufgefallen, dass es in der Nordwestschweiz wenig offene Wettbewerbe gibt. Leider können wir uns dies bis jetzt nicht erklären. Wir hoffen natürlich, dass es in Zukunft mehr offene Verfahren geben wird und vertrauen hier auf das Engagement der Planerverbände.“


Weitere Infos zum Beobachter für Wettbewerbe und Ausschreibungen > https://www.bwa-nw.ch
Anzug von Tim Cuénod > http://www.grosserrat.bs.ch/de/geschaefte-dokumente/datenbank?such_kategorie=1&content_detail=200109421

Text / Interview: Lukas Gruntz

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